Christoph Schönmann ist besorgt. «Nach den Sommerferien wird unsere Tochter Florine eingeschult», sagt der Familienvater aus Biel, «und der kürzeste Weg geht über diesen Bahnübergang.» Eine steile Steintreppe schneidet sich in den verwilderten Rebhang – und führt direkt auf das Gleis einer SBB-Regionallinie. Keine Schranke, kein Blinklicht. Und damit die Anwohner nicht vergessen, wie gefährlich die Stelle ist, bekommen sie dauernd den obligaten Warnpfiff der Lokomotiven zu hören.

Bis zu 100 Personen passieren Tag für Tag die beiden nahe gelegenen Übergänge «Jägerstein» und «Schweizersbodenweg». «Für viele Leute ist das der direkteste Weg zur Schule oder an die Arbeit», sagt Christoph Schönmann. Seit Jahren weibelt er für den Quartierverein bei der Stadt Biel und den SBB für eine Sicherung der gefährlichen Übergänge. Vergeblich. «Primär sind offenbar die SBB dafür verantwortlich», teilte ihm die Stadt mit. Die SBB kennen zwar das Problem, doch eine Sanierung ist «momentan nicht vorgesehen und die Finanzierung nicht geregelt».

Eine typische Geschichte. Rund 5000 unbewachte Bahnübergänge säumen das Schweizer Schienennetz. Die Zahl wurde in den letzten Jahren für viel Geld reduziert. Doch jetzt hapert es. Am runden Spartisch von Finanzminister Kaspar Villiger verzichteten die Kantone 1998 weitgehend auf die Sanierungsbeiträge des Bundes – immerhin rund zwei Drittel der jeweiligen Projektkosten. Der jährliche Zustupf sank von 60 auf 12 Millionen Franken. «Damit wurden unsere Bemühungen um mehr Sicherheit gebremst», bedauert Peter Joss, Direktor der Mittelthurgaubahn.

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Dabei bleibt noch viel zu tun. 350 Übergänge gelten im Bundesamt für Verkehr (BAV) als speziell gefährlich, bei weiteren 900 sei eine Sanierung wünschenswert. «Ein Top-Ten-Liste gibt es aber nicht», sagt Pressesprecher Davide Demicheli. Falsch. Das BAV und das Bundesamt für Strassen (Astra) erhoben 1999 bei den Bahnen alle Strassenübergänge mit einer Sichtzeit von weniger als sechs Sekunden. Das heisst: Hier ist der Überblick derart schlecht, dass Passanten kaum Zeit bleibt, den nahenden Zug wahrzunehmen.

«Tote können sich nicht wehren»
Die verwaltungsinterne Liste, die dem Beobachter vorliegt, enthält 190 «schwarze Punkte» – schön geordnet nach Sichtzeit. Diese Übergänge sind so gefährlich, dass das «Befahren einem russischen Roulett gleichkommt», heisst es im Begleitbrief von Astra-Direktor Olivier Michaud. In den «Top Ten» der gefährlichsten Bahnübergänge der Schweiz beträgt die Sichtzeit eine Sekunde oder weniger. Betroffen sind vor allem private Regionalbahnen.

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Für die «Sanierung besonders gefährlicher Bahnübergänge» hat der Bundesrat aber nur gerade 14 Millionen Franken reserviert. Und andere Vorhaben als die Sanierung der 190 «schwarzen Punkte» will der Bund nicht mehr unterstützen; pro Übergang gibt es höchstens 100'000 Franken. Eine Barriere kostet aber 300'000 bis 500'000 Franken.

Die Bähnler haben Mühe mit der behördlichen Zurückhaltung. «Oft wird bei einer gefährlichen Stelle erst nach einem Unfall eine Lösung gesucht», sagt Marcel Latscha, Bauchef der Südostbahn, aus Erfahrung. «Tote können sich nicht wehren», schimpft Peter Dübi, Vizedirektor beim Regionalverkehr Mittelland (RM). Mehrmals in den letzten Jahren kamen Personen an unbewachten Übergängen unter einen RM-Zug. Zuletzt starben im Februar in Huttwil BE eine 38-jährige Frau und ihr fünfjähriger Sohn, als sie mit dem Velo das Gleis überquerten.

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Aus Protest gegen den Sparkurs in Bern lancierte der RM im Mai eine medienwirksame Aktion: Er nagelte fünf unbewachte Bahnübergänge zu. «Uns kann es nicht egal sein, wenn Menschen auf unsern Schienen überfahren werden», sagt Peter Dübi. Und auch die Südostbahn greift zur Selbsthilfe. Trotz behördlichen Hürden startet sie bei der Haltestelle Altmatt SZ einen Pilotversuch mit einer Billigschranke; sie ist immer geschlossen – die Anstösser können sie mit einem Schlüssel oder einer Fernsteuerung nur öffnen, wenn kein Zug naht.

Jährlich kracht es 400 bis 500 Mal an Bahn- und Tramübergängen. Bilanz: zwischen 11 und 23 Tote pro Jahr und 120 bis 190 Verletzte – Tendenz leicht sinkend. «Der Rückgang der Unfälle zeigt, dass sich die Sanierung von Übergängen positiv auswirkt», sagt Tony Lüchinger vom Informationsdienst für den öffentlichen Verkehr. Doch leider werde derzeit am «falschen Ort gespart».

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Diese Meinung vertreten auch zahlreiche Parlamentarier. Nach mehreren Unfällen Anfang Jahr reichten gleich fünf Bundeshauspolitiker je einen Vorstoss ein. So verlangt der Thurgauer SVP-Nationalrat Peter Spuhler vom Bundesrat, «die Sistierung der finanziellen Mittel aufzuheben». 99 Nationalräte unterschrieben mit.

Die Reaktion der Regierung fällt kühl aus. Die Kantone hätten das Sparpaket 1998 «ausdrücklich gutgeheissen». Auch einen Vorstoss des Bundesamts für Verkehr, 100 Millionen Franken einzuschiessen, schmetterte der Bundesrat ab. Dem Vernehmen nach stimmte nur Verkehrsminister Moritz Leuenberger für die Idee. Der Tenor: Die Kantone sollen die Sicherung der Übergänge selber bezahlen.

Überhaupt empfindet mancher in Bundesbern den Wirbel um die Bahnübergänge als Sturm im Wasserglas. «Für die Sanierung der 190 gefährlichsten Übergänge haben wir noch kein einziges konkretes Subventionsgesuch erhalten», sagt Jacques Béguin vom Astra. Auch der so laute Regionalverkehr Mittelland habe sich nicht gemeldet. Das sei doch «erstaunlich».

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«Ist es nicht», kontert RM-Vizechef Peter Dübi: «Die 190er-Liste ist ein untaugliches und unrealistisches Instrument.» Das alleinige Kriterium «Sichtzeit» sei «ein Blödsinn». Eine Bahn könne nicht kurzfristig irgendwo einen isolierten Übergang sichern. «Wir müssen in Absprache mit den Gemeinden und Anstössern Gesamtlösungen suchen – und das braucht Zeit», sagt Dübi und erwähnt als Alternative zur Barriere den Bau neuer Zufahrtsstrassen oder das Umlegen von Pachtland.

Der Bundesrat muss damit rechnen, dass er in den nächsten Monaten zum Zahlen verknurrt wird. «Wenn die Kantone finanziell überfordert sind, muss der Bund eingreifen», sagt der Berner SVP-Nationalrat Rudolf Joder, der ebenfalls eine Motion deponiert hat. Für ihn ist klar: «Die Sicherung der Bahnübergänge muss weitergehen.» Die Parlamentarier planen, die fünf Vorstösse im September zu überweisen – gegen den Willen der Regierung.

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Derweil versuchen die Lokführer, unfallfrei über die Schienen zu kommen. «Ich muss immer damit rechnen, dass plötzlich ein Auto auf einem Übergang steht», sagt Roland Rau, Wagenführer bei der Frauenfeld-Wil-Bahn. Kaum eine Fahrt vergehe «ohne solche Schrecksekunden».