Es geschieht in einer Kurve. Denis Branche ist mit der Rhätischen Bahn (RhB) unterwegs zu einem Wochenende mit Freunden in den Bündner Bergen. Zeugen sagen später aus, er sei aufgestanden und habe sich bereitgemacht, um in Klosters Platz auszusteigen. Doch dort kommt der 48-Jährige nie an. In der ersten Rechtskurve, 300 Meter nach dem letzten Halt des Zugs, wird der Pariser Geschäftsmann samt zwei Gepäckstücken durch die Tür aus dem Zug geschleudert. «Ich erinnere mich an nichts mehr», sagt er heute.

Der Verunfallte hat Glück im Unglück: Er wird von einem Mädchen auf offenem Feld entdeckt, dessen Vater bringt ihn sofort zu einem Arzt. Im Spital Davos diagnostizieren die Mediziner eine Rissquetschwunde an der Stirn und eine schwere Gehirnerschütterung. Er muss das Wochenende in der Klinik verbringen. «Es war ein Wunder, dass ich den Unfall überlebt habe», sagt er heute - fünf Jahre nach jenem verhängnisvollen 28. März 2002.

Untersuchung verschleppt
Als die Polizei, alarmiert von einem Reisenden, auf dem Bahnhof Klosters Platz eintrifft, ist der Zug bereits weitergefahren. «Seitens der Rhätischen Bahn wurden vor unserem Eintreffen keine Massnahmen eingeleitet (weder Zug gestoppt noch eine Suche veranlasst)», vermerkt einer der Polizisten im Protokoll. Statt eine amtliche Untersuchung einzuleiten, kontrolliert die Bahn sich selbst: «Die besagte Tür wurde unmittelbar nach dem Unfall auf ihre Funktionsfähigkeit geprüft», erklärt RhB-Mediensprecher Peider Härtli.

Dabei wäre die RhB gesetzlich verpflichtet gewesen, bei einem solch schweren Unfall «unverzüglich» die Unfalluntersuchungsstelle Bahnen und Schiffe (UUS) zu alarmieren. Die Spezialisten hätten den Wagen wohl beschlagnahmen lassen, um ihn sofort zu inspizieren, erklärt UUS-Leiter Walter Kobelt. Denn falls die Tür wegen eines technischen Defekts aufgesprungen wäre, hätten weitere Unfälle gedroht. Ausserdem könne man die Unglücksursache nur rekonstruieren, wenn man ein Fahrzeug möglichst unverändert antreffe.

Weil die Bahn die Untersuchungsstelle aber nicht informiert, verstreichen fast zwei Wochen, bis der Waggon untersucht wird. Erst am 10. April 2002 fotografieren Beamte des Polizeipostens St. Moritz den Wagen B2216 und stellen fest: «Er wies keine technischen Beschädigungen an den Türen auf.»

Bei einem Eisenbahnunfall ist grundsätzlich das Transportunternehmen haftbar - aber nicht bei Selbstverschulden. Dies muss die Bahn beweisen und nicht der Verunfallte. Beim Unfallwagen, Baujahr 1913, lassen sich im Gegensatz zu modernen Wagen die Türen während der Fahrt öffnen. Obwohl die RhB die neutralen Experten des Bundes nie zugezogen hatte, schrieb die Haftpflichtversicherung der RhB Denis Branche, sie gehe davon aus, dass er die Tür des fahrenden Zugs geöffnet habe, ohne sich dabei festzuhalten. Ausserdem habe das Bundesamt für Verkehr die Türen zugelassen - dies allerdings im Jahr 1966. Auch die Bündner Staatsanwaltschaft fand, es spreche einiges dafür, dass der Reisende die Zugstür während der Fahrt selbst geöffnet habe - etwa weil er das Gleichgewicht verloren habe. Das Strafverfahren wurde eingestellt.

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Klage eingereicht
Trotzdem bezahlte die RhB dem Verunfallten 20'000 Franken. Doch damit kann er nicht einmal seine Anwaltskosten decken. Er hat jetzt auf zivilrechtlichem Weg eine Klage eingereicht und will die Bahn für eine 20-prozentige Arbeitsunfähigkeit haftbar machen. Auch fünf Jahre nach dem Unfall ist das juristische Nachspiel noch lange nicht zu Ende. Rascher entschieden war das Schicksal des Unfallwagens: Er wurde vor drei Jahren verschrottet.