Kaum etwas ist so strikt reglementiert wie das Baurecht. Wer in der Bau­bewilligungsbehörde einer Gemeinde sitzt, hat darum alles andere als einen kreativen Job: Er oder sie muss einzig prüfen, ob ein Baugesuch den gesetzlichen Vorgaben entspricht.

Fast könnte man deshalb ein wenig Mitleid haben mit der Baukommission in Wattwil SG, wo das 59-seitige Baureglement einem Lehrbuch für Mathematik ähnelt. Die Baukommission hatte im Februar 2015 über ein Einfami­lienhaus zu befinden, das Simon und Claudia Grob unweit des Bahnhofs bauen wollen. Das Gesuch entsprach in allen Punkten den Vorschriften der Bauzone, traf aber den Geschmack der Baukommission nicht: Grobs müssten eine «Vereinheitlichung der Fenster im Wohnzimmer» prüfen, ebenso die «Fassadengestaltung, insbesondere im Sockelbereich», hiess es im Bescheid.

Das Amt wünscht grössere Fenster

Simon Grob prüfte und reichte neue Pläne ein, doch auch diese fanden ­keine Gnade: «Aus Sicht der Baukommission sind die kleinen Fenster im Hauptbau zu vergrössern und die Fenster im Wohnzimmer zusammenzufassen.» Eventuell sei «als Variante» der südliche Wohnhausbereich «ohne Fassadenverkleidung» zu erstellen, sonst werde keine Bewilligung erteilt. Da wurde es dem Bauherrn zu bunt: Er verlangte eine rekursfähige Verfügung – doch nicht einmal das wollte die Wattwiler Behörde tun. Erst nachdem Grobs mithilfe eines Anwalts das kantonale Baudepartement einschalteten, lenkte die lokale Behörde ein und bewilligte das Baugesuch endlich nach fünf Monaten. Trotzdem hielt sie in einem Brief an ihrer Meinung fest, eine «nach architektonischen Grundsätzen» gestaltete Fassade müsse ­harmonischer sein.

Ein Beigeschmack von Willkür

Das Problem: Für all ihre wenig konkreten Auflagen konnte das Wattwiler Bauamt keine ausreichende Rechtsgrundlage angeben – weil es keine gibt. Chef der Wattwiler Baukommission ist Gemeindepräsident Alois Gunzen­reiner (CVP). Er hält das Vorgehen im konkreten Fall für «absolut normal», die Baubehörde entscheide «nach ­objektiven Kriterien». Was er unter «architektonischen Grundsätzen» versteht, wollte er gegenüber dem Beobachter aber nicht präzisieren.

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Simon Grob ärgert sich: Die Bau­arbeiten seien unnötig verzögert und verteuert worden, zudem habe das Vorgehen der Behörde einen Bei­geschmack von Willkür und Erpressung: «Sie wissen genau, dass sie kaum einen Entscheidungsspielraum haben, aber wollen trotzdem Macht demons­trieren.» Martin Müller