1. Home
  2. Bürger & Verwaltung
  3. Beamtenschreck: «Immer dieses Gstürm»

Beamtenschreck«Immer dieses Gstürm»

Werner Tschaggelar ist 100 Jahre alt. Ein Brief an einen Bundesrat hat ihm im hohen Alter den Besuch von acht bewaffneten Polizisten eingebrockt. Porträt eines liebevollen Dickschädels.

von

«Er cha aube nid rede, wenn er schriibt», sagt Hanni Tschaggelar und öffnet die Tür zur Stube. Ihr Mann Werner sitzt in bordeauxroter Strickjacke vor seiner kleinen Olivetti und tippt im Zweifingersystem, hochkonzentriert.

Werner Tschaggelar ist 100-jährig. Er war zehn, als die russische Revolution in der Welt zwei Blöcke schuf, und 82, als der Eiserne Vorhang sich wieder hob, er war 41, als die AHV, und 78, als das Pensionskassenobligatorium eingeführt wurde.

Das Hämmern der Schreibmaschine erfüllt die Stube. Werner Tschaggelar schaut auf. Seine blauen Augen sind wach, nur etwas getrübt. «Bi grad am Schriibe vo mim Läbeslauf.»

«Lebenslauf. Ich hatte ein arbeitsreiches Leben. Kam am 5. Nov. 07 in der Toggenburg an der Engistrasse in Worb auf die Welt. Die Familie zog bald in das Mauermoos bei Rüfenacht. Dort in das Stöckli vom Landwirt R. Walther. Spielzeug gab es nicht.»

Ja, das Schreiben. Es hat ihm schon viel eingebrockt. Acht bewaffnete Bundespolizisten haben im Frühjahr 2002 mit Polizeihund sämtliche Schränke und Schubladen im kleinen Chalet des damals 94-jährigen Worbers durchsucht. Sie beschlagnahmten seine kleine Hermes Baby und einen Karabiner 1911. «Der Brief an Bundespräsident Kaspar Villiger war wohl zu ruppig», überlegt Tschaggelar. Zuerst lachen seine Augen, dann gigelet er wie ein übermütiger Knabe. «Ich kann noch immer den Finger am Abzug haben, wie ich es im Aktivdienst gelernt habe.» Das habe er ihm geschrieben und ein Gespräch verlangt wegen des Sportwegs, der gesperrten Zufahrtsstrasse zu seinem Haus.

«Ich glaube, da hast du dich etwas dri verbisse», sagt Hanni Tschaggelar. Sie sitzt im Lesestuhl am Fenster. Hört zu, gibt manchmal ein Stichwort, präzisiert eine Jahreszahl oder einen Namen. Die 97-Jährige ist das Gedächtnis des 100-Jährigen und entschärft dessen manchmal allzu heftigen Sprüche. «Die Bundespolizisten kamen wohl, weil kurz vorher diese Sache war in Zug mit dem Leibacher.»

Bis hinauf ans Bundesgericht
Ja, der Sportweg. Da wird der fröhliche Tschaggelar ein anderer. Begonnen hat das Ganze vor 31 Jahren, als der Worber Gemeinderat den Zufahrtsweg zu seinem Haus mit einem Fahrverbot belegte, «obwohl der Regierungsstatthalter entschieden hatte, dass er offen sein müsse, damit die Liegenschaft richtig erschlossen sei». Die Auseinandersetzungen mit Gemeinde und Kanton bis hinauf ans Bundesgericht wurden zum regelrechten Krieg. «Die Schliessung ist widerrechtlich geschehen», diktiert er dem Journalisten in die Feder. Hochdeutsch spricht er jetzt, wartet nach jedem Wort, obs auch wirklich aufgeschrieben wird. «Fast alle Nächte musste ich auf, um zu schreiben», sagt Werner. Und: «Dieser Kampf hält meinen Geist frisch.»

«Aber mich nicht», protestiert Hanni. «Immer dieses Gstürm. Dabei könnten wir es so schön haben.» Ihr Mann habe halt zwei Naturen, sagt sie, als Werner mal die Stube verlässt. Er rede direkt use. «De geits mängisch scho chly übel.» Aber er sei für Recht und Gerechtigkeit und ein guter Mann. «Manchmal wird er verruckt. Dann aber singt er wieder und ist der liebste Mensch.»

Fürwahr. Tschaggelar ist Multiinstrumentalist, spielte Handörgeli, Klarinette, Sax Sopran, Sax Alt, Es-Horn Melodie. Und noch heute Zugposaune. Auch singt er fürs Leben gern. Zum Beispiel letzthin, als er zur Worber Post raus wollte. «Da war die Tür verriegelt, und die Pöstler wollten mich nicht gehen lassen, bis ich etwas vorgesungen habe.» Sein Lieblingslied: «Sag Dankeschön mit roten Rosen zu deiner Frau so ab und zu einmal.» Es sei sein grösster Lohn, wenn er Leuten eine Freude machen könne. Wie zum Beispiel letzthin im Altersheim «dene alte Lüt».

Ein 100-jähriger Beamtenschreck ist auch für die Behörden eine Herausforderung: «Hundert Jahre und kein bisschen müde», schreibt etwa die Bundeskanzlei in ihrem Gratulationsbrief, «das bestätigen auch Ihre Schreiben, die Sie der Bundeskanzlei ab und an zukommen lassen.» Der Worber Gemeinderat wünscht dem Jubilar «gute Gesundheit, viel Kraft und Energie auf dem weiteren Lebensweg». Und der Regierungsrat des Kantons Bern, weniger stilsicher, «entbietet Herr Werner Tschaggelar zum 100. Geburtstag seine besten Glückwünsche».

«Kaum konnte ich selbständig auf den Beinen stehen, holte mich der Bauer als Hüterbub. Ging nach Vielbringen in die Schule, wo ich diese neun Jahre nie fehlte. Ich kam nach der Schule in das Welschland zu einem Bauern. Monatslohn 15 Franken. Später 30. Danach lernte ich das Schreinern. 40 Rappen Stundenlohn.

Kennengelernt haben sich Hanni Rüfenacht und Werner Tschaggelar im Restaurant Sonne in Rüfenacht. Da war Tanz. «Als die Musik losging, stach ich auf sie zu», erzählt Werner. Aber nicht nur er, sondern auch ein Gümliger forderte die junge Frau zum Tanz auf. Hanni entschied sich für den Worber. «Offenbar imponierte ich ihr besser als der Gümliger», sagt er, «und das hed aaghänkt.» 74 Jahre lang.

26-07-Beamtenschreck01.jpg

Langes Leben: Hochzeitsfoto vom 12. Juli 1934


Fünf Jahre im Aktivdienst
Eigentlich hätte Hanni eine Bürolehre machen wollen. Eh, was willst du dort?, habe aber ein Kollege gefragt. Die Migros brauche Leute. So arbeitete sie bis zur Heirat bei einer der allerersten Migros-Filialen an der Zeughausgasse in Bern, wo Duttweilers Laden erst Zucker und andere Grundnahrungsmittel verkaufte. «Damals wagte ich nicht zu erzählen, wo ich arbeite, weil alle sagten, der mache eh nächstens Konkurs.» Sie hätte Filialleiterin werden sollen, doch dann kam die Heirat. Und von da an war sie Familienfrau. Als er 1939 zum Aktivdienst eingezogen wurde, war sie «guter Hoffnung» mit der zweiten Tochter. «Das war schon sehr schwer.»

«Wir hatten ein Dreimädelhaus. Leider kam dann der Krieg, die Mobilmachung. Musste von Frau und Kindern Abschied nehmen. Sie wussten nicht, ob ich wieder heimkomme. Ich hatte als Motorradfahrer auf Harley-Seitenwagen Dienst geleistet. Das Sommer und Winter. In diesen fünf Jahren Aktivdienst musste man auf dem Stroh schlafen. Es waren harte Zeiten.»

Und wie war der Krieg für Hanni? «Ich hatte halt die Kinder, machte den Garten, ging Rossmist sammeln, Tannzäpfelen, Buechnüssle. Solche Sachen halt.»

Als Frieden geschlossen wurde, hätten die Glocken geläutet. «Dann sagte man salut und ging hei go wärche», meint Werner Tschaggelar.

«Wärche» - ein Schlüsselwort für den 100-Jährigen. «Mys Läbe isch Arbet gsi», sagt er, und: «Wärche isch Freud.»

Nach dem Krieg arbeitet er weiter als Schreiner («3000 Franken Jahreslohn») und abends als Vertreter für die Helvetia-Versicherungen, wo er im Laufe von 48 Jahren zum besten Verkäufer avanciert. Hanni: «Er hett halt ds Muul derfür.» In der Schreinerei bildet er sich zum Werkzeugschleifer weiter. Mit 50 eröffnet er sein eigenes Geschäft. Mit 70 geht er in Pension, aber nicht in den Ruhestand: Er schleift die Schlittschuhe der Worber, die hinter seinem Haus auf die Eisbahn gehen, hilft einem ehemaligen, bettlägerigen Kunden das Haus instand stellen, tritt mit 90 dem Verein Furka-Bergstrecke bei, leistet 1000 Stunden Fronarbeit und renoviert für den Verein alte Lokomotiven.

«Mir tüe nümm so wüescht»
Hanni zieht die drei Töchter gross, die heute 70, 67 und 60 Jahre alt sind, ihrerseits zehn Kinder haben, die wiederum 13 Kinder zeugten. Jahrzehntelang ist sie im Samariterverein aktiv. Ihre grosse Stunde schlägt, als Werner das Geschäft aufgibt. Da gehen sie auf die erste Auslandsreise, nach Israel. Werner 70, Hanni 67. Es folgen Hamburg, Wien, Portugal, Griechenland, Ägypten.

«Ich bewundere meine Frau, wie sie mit 97 noch den ganzen Haushalt macht und gut kocht», sagt Tschaggelar. Sie mache ihm jeden Morgen noch die Schnitteli. «Nur essen muss ich sie selbst.» Von der AHV und vom Mietzins von der oberen Wohnung können sie leben. «Mir tüe nümm so wüescht», erklärt Hanni. Und auf seinen Hundertsten hätten sie so viel Wein bekommen, «dass er miner Läbtig no längt», lacht Werner.

Tschaggelars grösster Wunsch ist es, zu erleben, dass seine Frau 100 Jahre alt wird. Hanni protestiert: «Nein. Man muss jeden Tag so nehmen, wie er kommt.» Und Werner fügt bei: «Wenn am Morgen die Sonne in die Küche scheint - was will man noch mehr?»

Seinen getippten Lebenslauf beendet er aber so:

Es waren harte Zeiten im Krieg. Ebenso jetzt, wo meine Liegenschaft noch heute nicht nach Gesetz erschlossen ist. Weil das die zuständigen Behörden wie Gerichte nicht fähig sind zu erkennen.

Veröffentlicht am 18. Dezember 2007