Am 15. August wird sich der schwärzeste Tag im Leben von Anne-Gabrielle Stalder zum fünften Mal jähren: An jenem Freitagnachmittag brach ihr Mann Klaus vor den Augen seiner Frau schweissgebadet und um Atem ringend zusammen. Für den Vater von fünf Kindern – das älteste war gerade fünf, das jüngste noch im Mutterleib – kam jede Hilfe zu spät. Er starb an den Folgen eines Herzinfarkts.

So schmerzhaft der Verlust für Anne-Gabrielle Stalder war, so kämpferisch zeigte sie sich in der Folge. Denn der Tod ihres Mannes hatte eine trübe Vorgeschichte: Klaus Stalder war über ein Jahr Patient von Dr. B., nachdem er wegen wiederkehrender heftiger Schmerzen und Erschöpfung eine Invalidenrente beantragen musste. Doch der Arzt bagatellisierte die Symptome, fand keine Ursachen und liess sich oft durch Angestellte vertreten. «Ich hatte grosse Mühe, mich damit abzufinden», sagt Anne-Gabrielle Stalder rückblickend.

Nach dem Tod ihres Mannes war für sie klar, dass Dr. B. Fehler begangen haben musste. Deshalb gab sie bei der Gutachterstelle der Ärzteverbindung FMH eine Expertise in Auftrag. Resultat: sieben Fehler, zwei davon gravierend. Klaus Stalder wäre bei sorgfältiger medizinischer Behandlung wahrscheinlich noch am Leben.

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Doch der nächste Schlag kam postwendend: Die Versicherung von Dr. B. verneinte eine Verletzung der Sorgfaltspflicht. Darauf wandte sich die Witwe an den Beobachter. Mit Unterstützung des Rechtshilfefonds von SOS Beobachter nahm sie einen Haftpflichtspezialisten als Anwalt. Das Resultat: Die Versicherung zahlte eine namhafte Entschädigung, die die nächste Zukunft von Anne-Gabrielle Stalder und ihren fünf Kindern sichert.

Beweispflichtige Patienten
Der Fall zeigt beispielhaft, wie schwierig es ist, nach einem Behandlungsfehler zu seinem Recht zu kommen. Denn das geltende Haftpflichtrecht verlangt, dass dem Arzt (oder Spital) ein schuldhaftes Verhalten nachgewiesen werden muss. Das erfordert praktisch immer einen Anwalt, zieht sich meist über Jahre hin, löst Gutachten und Gegengutachten aus und ist entsprechend teuer – wobei die Erfolgsaussichten höchst unsicher sind.

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Dieser Hürdenlauf soll nun vereinfacht werden. Der Grundgedanke: Ein privater Patientenfonds zahlt Betroffenen unbürokratisch eine Entschädigung, ohne dass ein ärztliches Verschulden schlüssig nachgewiesen ist. Zwar wäre eine solche verschuldensunabhängige Entschädigung deutlich tiefer als eine mögliche Schadenersatzsumme, dafür wäre sie schneller verfügbar und könnte die erste Not lindern.

Die Idee eines privaten Patientenfonds entwarf der ehemalige Beobachter-Chefredaktor Josef Rennhard schon in den achtziger Jahren. Dass sie jetzt so greifbar ist wie nie zuvor, erfüllt ihn mit grosser Genugtuung. Inzwischen hat sich der Kreis der Initianten um die Gesellschaft für Gesundheitspolitik, die Verbindung der Schweizer Ärzte FMH sowie das Schweizerische Rote Kreuz erweitert. Mit dem Beobachter haben sie einen Bericht in Auftrag gegeben, der in diesen Tagen an alle wichtigen Institutionen im Gesundheitswesen zur Vernehmlassung versandt wird.

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Noch sind viele Fragen offen – allen voran: Wer soll den Fonds speisen? Die Ärzte und Spitäler? Die Krankenversicherten? Bund und Kantone? Oder alle zusammen? Klar ist, dass der Fonds einen wichtigen Beitrag zur Patientensicherheit leisten wird – weil er der Ärzteschaft ermöglicht, offen über Fehler zu reden: «Wenn die Schuldfrage in den Hintergrund rückt», so FMH-Präsident Hans Heinrich Brunner, «wird es langfristig weniger umstrittene Fälle geben. Und die Betroffenen werden dadurch weniger leiden.»