Das Fabrikgebäude steht am grössten Verkehrsknotenpunkt am Stadtrand Schaffhausens, zwischen Eisenbahnlinie und Autobahnbrücke. Mittwoch, 14 Uhr: Die Mitarbeitenden sitzen allein oder in Grüppchen an Tischen und Arbeitsinseln. Bruno Gaier nimmt ein Plastikteil aus einer Kiste und setzt mit der Zange eine Öse ein. Je nach Auftrag stanzt er auch Stücke oder reinigt Zaunkappen. Das mache er aber nicht so gern, weil er vom Öl schmutzig werde, sagt er. Bruno Gaier ist geistig behindert. Er arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei der Stiftung Altra.

An der Mühlenstrasse 56 sind 210 behinderte Angestellte und 37 Lehrlinge in den Bereichen Elektromontage, Metall- und Holzverarbeitung, Mechanik, Verpackerei und Büro beschäftigt. Rund die Hälfte ihrer Gesamtkosten muss die 1965 gegründete Altra mit der Produktion selber erwirtschaften. «Das wird immer schwieriger, denn einfache Handarbeiten werden nach Asien ausgelagert», sagt Hansjörg Ehrat, Leiter Marketing und Verkauf. Er ist der «Klinkenputzer», der die Aufträge hereinholen muss.

Zu schaffen macht Ehrat heute vor allem, dass sich die Zeit zwischen Offerte und Auslieferung in den letzten Jahren um die Hälfte reduziert hat. Um für dieses Tempo gerüstet zu sein, schlossen sich 1999 in der Ostschweiz 19 Organisationen zur Virtuellen Werkstatt Organisation Ostschweiz (VWO) zusammen. Ein Grund für den Zusammenschluss war aber auch die zunehmende Konkurrenz ähnlich gelagerter Betriebe. «Der gegenseitige Austausch stärkt uns, und wir können einem Preisdumping gemeinsam begegnen», so Ehrat.

Hektik gibt es keine
Wie wichtig Flexibilität ist, zeigt sich an diesem Tag in der Verpackung. Alle Arbeitsinseln sind voll besetzt. Konzentriert werden Weihnachtsschachteln für ein Verpackungsset der Post aufgestellt. «Innerhalb von fünf Tagen müssen 60'000 Sets fertig sein», erklärt der zuständige Gruppenleiter. Hektik herrscht trotzdem nicht. «Hie und da kommt es halt vor, dass wir nach Feierabend weitermachen», sagt er.

Der Auftrag ging eigentlich an einen anderen Betrieb der VWO, der ihn aber wegen der kurzen Lieferfrist an die Altra weitergab. Hansjörg Ehrat: «Das Betreuungspersonal braucht ein gutes Quantum an Ehrgeiz, damit wir die Arbeit mit unseren Mitarbeitenden schaffen.» Doch diese Haltung habe auch immer wieder neue Türen geöffnet.

Mitten im Raum hängt ein grosses Plakat mit der Aufschrift «Kopf- und Handarbeit». Längst werden hier nicht mehr nur einfache Arbeiten ausgeführt. Zu den Aufträgen gehören heute etwa das Zusammenbauen von Ausstellungsständen mit über 80 Einzelteilen und die Montage ganzer Schaltanlagen für Maschinen. «Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist es wichtig, dass sie etwas machen können, was gebraucht wird», betont Marketingchef Ehrat. Schlimm sei es, wenn die Angestellten mit Bastelarbeiten beschäftigt werden müssen. Zum Glück komme das ganz selten vor.

In den letzten sieben Jahren konnte der Betrieb den Produktionsertrag von 2,7 Millionen auf rund 4,4 Millionen Franken steigern; in der gleichen Zeit stieg die Zahl der Beschäftigten von 160 auf 210. Als Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter sowie in der Administration arbeiten 51 Personen. «Als klarer Vorteil gegenüber anderen Eingliederungsbetrieben erwies sich nach dem Einzug in dieses Gebäude, dass der Maschinenpark auf dem neusten Stand war», sagt Hansjörg Ehrat. «Damit können wir Produkte herstellen oder bearbeiten, mit denen man etwas verdient.»

Doch andere Betriebe ziehen nach. Immer wichtiger ist laut Ehrat deshalb die Qualität der Arbeit und die Fähigkeit, auch anspruchsvolle Handarbeit anbieten zu können. Deshalb hat die Stiftung in den letzten Jahren stark in die Ausbildung investiert: Sie bildet 80 Lehrlinge in 11 Lehrberufen aus – rund die Hälfte in einer eigenen Werkstatt – und ist damit der zweitgrösste Ausbildungsbetrieb im Kanton.

Jasmin Marti stellt konzentriert Verpackungssets zusammen. Die 20-Jährige hat im Sommer die interne Ausbildung als Ausrüsterin und Verpackerin abgeschlossen. Stolz erzählt sie, dass sie jetzt an verschiedenen Orten im Betrieb eingesetzt werde. Sie führt die Arbeit selbstständig aus – von der Ausrüstung komplexer Teile bis hin zur Bedienung der Schrumpfmaschine, mit der Versandartikel eingeschweisst werden. Jetzt besucht die junge Frau mit Lernbehinderung einen Weiterbildungskurs. «Mit guter Arbeitsqualität können wir hoffentlich auch in Zukunft mithalten», sagt Ehrat, «denn einen Behindertenbonus gibt es nicht.»

Die Altra weist einen Kundenstamm von 85 Firmen mit jährlichen Aufträgen von je über 4000 Franken aus. 80 Prozent des gesamten Umsatzes wird allerdings mit 18 Kunden erwirtschaftet; zu ihnen gehören Grossbetriebe wie ABB Schweiz, Georg Fischer, SIG, Siemens und Unilever. Viele dieser Unternehmen sind seit etlichen Jahren dabei. Heute noch neue Grosskunden zu gewinnen sei schwieriger geworden, bemerkt Ehrat. Dafür nehmen die Kleinaufträge zu: «Der Preiskampf ist knallhart geworden.» Mit der Gründung der VWO konnte dieser Druck zumindest in der Ostschweiz entschärft werden. «Doch durch die 1000-Franken-Jobs, die der Kanton Zürich für Erwerbslose bewilligen will, könnte neuer Druck entstehen», so Ehrat.

2,5 bis 12 Franken Stundenlohn
Bei der Altra erhalten die Mitarbeitenden branchenübliche Löhne, die dem Anstellungspensum und dem Leistungsvermögen angepasst werden. Ausbezahlt werden zwischen 2,5 und 12 Franken Stundenlohn; Vollbeschäftigte ohne IV-Rente erhalten nach der Ausbildung den Mindestlohn. Für die geleisteten Arbeitsstunden zahlt die IV einen Beitrag, der mit rund 3,8 Millionen Franken etwa die Hälfte der behinderungsbedingten Mehrkosten deckt. Seit Anfang 2004 wird eine Pauschale ausbezahlt, die die Art der Behinderung nicht mehr berücksichtigt. «Das hat den Druck auf die tatsächlich erbrachte Leistung erhöht», so Richard Rickli, der seit elf Jahren Geschäftsführer der Altra ist.

Eine zusätzliche finanzielle Belastung brachte im selben Jahr ein Sparbeschluss des Bundes: Alle Eingliederungsbetriebe der Schweiz beantragten 2003 für die folgenden drei Jahre 1600 zusätzliche Arbeitsplätze – bewilligt wurden aber nur 800. Die Altra ging bei 15 Arbeitsplätzen leer aus, und diese müssen nun voll über Aufträge finanziert werden. Auch nach Ablauf der drei Jahre bleibt die finanzielle Entwicklung ungewiss, denn ab 2008 muss der Kanton die Arbeitsplatzplanung übernehmen und die behinderungsbedingten Mehrkosten finanzieren. Rund ein Viertel der Angestellten und über die Hälfte der Lehrlinge wohnen nicht im Kanton.

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«Der Mensch im Mittelpunkt»
Erstmals in diesem Jahr führt der Betrieb Wartelisten. «Finanziell sind wir an einer Grenze angelangt», sagt Geschäftsführer Rickli. Im letzten Jahr konnte der Produktionsertrag zwar noch gesteigert werden, doch gegenüber 2003 flachte die Kurve ab. Richard Rickli: «Die neuen Regelungen machen Mitarbeitende mit schwereren Behinderungen zu einer wirtschaftlichen Belastung für den Betrieb.» Doch der Auftrag der Stiftung ist klar: Der Betrieb soll Menschen mit Behinderungen fördern und sie in die Arbeitswelt und die Gesellschaft integrieren.

Aus rein ökonomischer Sicht würde Bruno Gaier zu den «Unrentablen» gehören. Im Betrieb wird er liebevoll «Schlitzohr» genannt, weil er den Gruppenleiter ständig mit neuen Kenntnissen überrascht. Dank Struktur und Förderung führt er viele Arbeiten unterdessen selbstständig aus und hält Arbeitsvorschriften wie Pünktlichkeit und Hygiene fast ohne Hilfe ein. Freudig berichtet er, dass er seit einem Jahr den betriebsinternen Kurs «Lesen und Schreiben» besuche. Jetzt könne er den Kollegen aus den Ferien Karten schreiben.

17 Uhr, Feierabend. Die Mitarbeitenden strömen aus dem Betrieb. Im Bus erzählt ein Mann mit Down-Syndrom dem Chauffeur voller Begeisterung von seinem Arbeitstag. Die Altra-Philosophie wird im Geschäftsbericht so erklärt: «Das etwas andere Unternehmen.» Und: «Der Mensch im Mittelpunkt!» Noch trifft die Aussage dieser Werbung wirklich zu.

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