Die Böschung ist steil, das Gestäude niedrig. Auf dem schmalen Dreieck, knapp sechs Meter lang, wachsen Holunder- und Hagebuchhecken. Der Fleck Erde ist Gegenstand eines erbitterten Briefverkehrs. «Ich hätte nie geglaubt, dass ein staatlicher Funktionär derart stur sein kann», sagt Werner Füllemann. Er ist Mitbesitzer des Grundstücks am östlichen Rand der Thurgauer Gemeinde Steckborn.

Sommer 1997. Der Kanton definiert im Rahmen der Ortsplanungsrevision, welche Zonen neu als Wald gelten. Ein Jahr später erhält Füllemann die Aufforderung, 30 Franken zu bezahlen: den pauschalen Jahresbeitrag der Forstrevierkörperschaft Steckborn (FRK). «Auf unserer Parzelle befindet sich kein Wald», antwortet Füllemann, «die Böschungsbestockung wurde kürzlich im Waldfeststellungsverfahren als Nichtwald taxiert. Ihre Rechnung erhalten Sie in der Beilage zurück.»

1999 liegt wieder ein Einzahlungsschein in Füllemanns Briefkasten – «für die Leistungen der uns vom Staat übertragenen hoheitlichen Aufgaben im Zusammenhang mit Ihrem Wald». Erneut macht Füllemann die Körperschaft auf den Irrtum aufmerksam. Dessen ungeachtet erfolgt wenig später die Betreibungsandrohung.

Akribische Überprüfung der Sachlage
«Das Waldfeststellungsverfahren ist längst rechtskräftig», antwortet Werner Füllemann, «noch nie hat der Forst irgendwelche Leistungen für uns erbracht. Ich bitte Sie, Ihre Forderung nun endlich fallen zu lassen.» Der beigezogene Bezirksgeometer präzisiert die Beurteilung der Lage: Auf Füllemanns Parzelle mit der Fläche von 368 Quadratmetern seien 360 als Nichtwald zu definieren – «der Spickel in der Nordostecke von acht Quadratmetern hingegen als Wald».

«Acht Quadratmeter Wald?» Werner Füllemann kann sich das Lachen nicht verkneifen. Er hat eine einfache Erklärung für die Taxierung: «Der Geometer muss bei seiner Messung die erfassten Bäume im Gelände durch Linien miteinander verbunden haben. Was diese einschlossen, galt für ihn als Wald. Unglücklicherweise tangiert eine solche Linie eine Ecke unserer Parzelle – ohne einen einzigen Baum.»

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«Bei uns eine Rechnung offen»
April 2000. Grundbesitzer Füllemann bittet die FRK Steckborn um seine «Entlassung aus der Körperschaft»; eventuell sei in den Statuten «eine Mindestfläche zu definieren». Die Antwort: «Wir haben Ihren Antrag intensiv besprochen. Wir sind aber zum Schluss gekommen, ihn abzulehnen.» Ausserdem sei es nicht möglich, aus Willkürgründen eine Grenze zu ziehen, unter der keine Beiträge eingezogen werden. Schliesslich gehe es auch darum, Administrativkosten zu decken.

Mai 2002. Werner Füllemann erhält eine neue Rechnung. Im November des gleichen Jahres folgt die Zahlungserinnerung. Füllemann im Januar 2003: «In mehreren Schreiben habe ich der Forstrevierkörperschaft mitgeteilt, dass sich auf unserer Parzelle kein Wald befindet. Ich bitte Sie, von Ihrer sturen Haltung abzurücken.» Auf die genannten Schreiben erhielt er nie eine Antwort. Die Einträge im Grundbuch waren nicht korrigiert worden.

September 2005. Füllemann erhält Post von der FRK Steckborn: «Wie sicher Ihrer Aufmerksamkeit entgangen ist, haben Sie bei uns noch eine Rechnung offen.» Füllemann greift zum Telefon. Georg Müller, Präsident der Körperschaft, bietet ihm an, den Austritt aus der Verbindung zu beantragen. Genau diesen Antrag hatte Müller vor sechs Jahren abgelehnt.

Die Auseinandersetzung geht nun ins achte Jahr. Für eine Stellungnahme gegenüber dem Beobachter ist es dem Präsidenten der Körperschaft «noch zu früh». Die Angelegenheit, erklärt Georg Müller, müsse zuerst an einer Sitzung besprochen werden.

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