Zürich, Ende September 2000. Bernhard Burger, Rentner, seine Frau Brigitte und ihr Sohn Gregor kehren aus den Ferien in Adelboden BE zurück.

Es waren friedliche Tage. Der Empfang zu Hause ist weniger friedlich. Gregor wird von der Zürcher Kriminalpolizei vorgeladen: Er wird beschuldigt, sich vor zwei jungen Frauen auf dem Friedhof Eichbühl selbst befriedigt zu haben. Gregor, 20 Jahre alt, ist geistig behindert.

Die Dienst habende Polizistin kommt gleich zur Sache. «Uns liegen Aussagen von diversen Personen vor, die Sie am 24. September allein auf dem Friedhof Eichbühl gesehen haben», steht in ihrem Protokoll. Die Eltern dürfen erst nach längerem Insistieren an der Einvernahme teilnehmen. Sie erklären der Polizistin mehrmals, dass sie an jenem Tag mit ihrem Sohn in den Ferien waren. Das beeindruckt die junge Beamtin wenig. Ohne die geistigen Voraussetzungen des jungen Mannes zu berücksichtigen, konfrontiert sie ihn mit Fragen, in denen die Antworten bereits enthalten sind.

Hintergrund der Affäre ist eine Strafanzeige zweier junger Frauen. Deren Darstellung ist voller Widersprüche, wie das Protokoll zeigt. Die jüngere Zeugin, die den Vorfall aus der Distanz mitbekam, erklärt einmal: «Dann soll er die Hose heruntergelassen haben» – und wenig später: «Ich sah, wie er die Hosen herunterliess.»

Ihre Freundin, nur wenige Meter von dem Mann entfernt, erwähnt nichts vom Hosen-Runterlassen. Zwar «dachte» sie zuerst, «dass er sich am Befriedigen» sei; ob ihr Gedanke bestätigt wurde, steht jedoch nicht im Protokoll. Und wie kam die Polizei auf Gregor Burger? «Zwei kleine Knaben» aus dem Quartier fanden, beim jungen Mann mit dem roten Fahrrad müsse es sich um den Behinderten handeln.

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Der dritte Zeuge – Besitzer eines Rossstalls – hatte den Mann gestellt und als Einziger länger mit ihm gesprochen. Dies geht aus den Aussagen beider Klägerinnen hervor. Die Polizeibeamtin hielt es aber nicht für nötig, diesen Zeugen zu befragen; sie tat es erst, nachdem sie vom Polizeirichteramt dazu aufgefordert worden war. Der Stallbesitzer beschrieb den Verdächtigen darauf als «athletischen Mann», der Berner oder Deutschfreiburger Dialekt spreche; er würde ihn jederzeit wiedererkennen.

Gregor Burgers Körperbau ist eher gedrungen. Er spricht Zürichdeutsch. Per Zufall war Bernhard Burger auf den dritten Zeugen gestossen. Als er diesen mit seinem Sohn konfrontierte, erkannte der Stallbesitzer den Irrtum sofort. «Über zehn Mal» habe er darauf die Polizeibeamtin zu erreichen versucht – ohne Erfolg.

Der wahre Täter wurde gefasst
Am 14. Dezember wurde Gregor Burger vom Polizeirichteramt der Stadt Zürich wegen sexueller Belästigung zu einer Busse von 300 Franken verurteilt, zusätzlich Schreib- und Spruchgebühr.

Mittlerweile hatte der Vater verschiedene Beweise zusammengetragen. Unter anderem war sein Sohn als IV-Bezüger an der Talstation einer Bergbahn in Adelboden registriert worden – just an dem Tag, als sich die beiden Frauen belästigt fühlten.

Der psychische Zustand von Gregor verschlechterte sich zusehends. Vor vier Jahren war er von einem Homosexuellen in einer Toilette vergewaltigt worden; es sah ganz danach aus, als ob die zweite Gewalttat durch den Staat erfolgen würde.

Bernhard Burgers Schreiben an Amtsstellen und Politprominenz wurden immer bissiger. «Nirgends wurde das bekannte Signalement des Täters erwähnt», ereiferte er sich. Schliesslich kündigte er an, auswärtige Behörden mit der Aufklärung des Falls zu beauftragen.

Das ist nicht mehr nötig. Der wahre Täter ist inzwischen gefasst.

Ein halbes Jahr nach der Einvernahme wurde die Bussenverfügung mit Hilfe eines Anwalts aufgehoben. Die Entschädigungsforderungen, die Bernhard Burger in der Folge stellte, wurden mit «selbst verschuldet» abgelehnt: Hätte er das Alibi früher vorgelegt, wäre es nie so weit gekommen.

Die Pressestelle der Stadtpolizei sieht «keinen Grund, die Angelegenheit zu kommentieren: Es ist immer unangenehm, verdächtigt zu werden.» Der Fall ist für sie abgeschlossen.