Vor der gelben Neubausiedlung in Muhen im Suhrental, Agglomeration Aarau, grasen Kühe am Bach. Die kleine Rasenfläche vor der Parterrewohnung des «Vereins Tagesstätte für alte Menschen» ist frisch gesät. Beim Besuch des Beobachters kurz vor Eröffnung der Tagesstätte führt die Initiantin Helene Schaufelberger durch die helle, rollstuhlgängige 4½-Zimmer-Wohnung. Noch ist nicht alles fertig eingerichtet, doch es sieht schon heimelig aus. Im geräumigen Wohnzimmer eine grüne Polstergruppe, ein Ohrensessel, orange Vorhänge und auf den Tischen Blumensträusse. «Ich kann es kaum erwarten, dass es endlich losgeht», erzählt die 48-jährige Geschäftsführerin Schaufelberger. Nervös sei sie allerdings schon etwas, so die Krankenschwester mit Zusatzausbildung in Langzeitpflege.

Vor gut anderthalb Jahren wurde der «Verein Tagesstätte für alte Menschen» gegründet und zählt heute 30 Mitglieder. Bislang arbeiten alle ehrenamtlich, doch das soll sich ändern, sobald die Tagesstätte läuft. «Fünf Gäste durchschnittlich pro Tag braucht es zur Kostendeckung», rechnet Schaufelberger vor. Bisher gibt es drei Anmeldungen. Die Hilfe in der Gemeinde sei gross, Kirche, Gemeinderat und Spitex unterstützen das Projekt voll und ganz. «Wir wollen betagten Menschen einen Ort bieten, an dem sie sich wohl fühlen, und ihre Kreativität und Selbständigkeit fördern - ähnlich wie bei einer Kinderkrippe, nur eben für eine andere Zielgruppe. Zudem soll die Tagesstätte eine Entlastung für die Angehörigen sein.»

Mehr Zeit als im Pflegeheim
Schaufelbergers Engagement stammt aus ihrer langjährigen Arbeitserfahrung in Alters- und Pflegeheimen: «Es ist erschreckend, zu sehen, wie schnell einige Betagte in den Heimen abbauen. Auch, weil die Pflegenden wegen all des administrativen Aufwands kaum noch Zeit haben für eine intensive Betreuung.» Das wolle sie ändern, die Tagesstätte sei der Versuch, den alten Menschen zu ermöglichen, möglichst lange in der gewohnten Umgebung unterstützt zu werden, was dem Bedürfnis der meisten entspreche.

Genau dies ist der Grund, weshalb Elsbeth Gerber, 66, ihren dementen Mann Paul Gerber, 72, in der Tagesstätte angemeldet hat. Der ehemalige Metzgermeister leidet seit neun Jahren an Alzheimer und Parkinson, er kann nicht mehr sprechen, ist auf den Rollstuhl und intensive Pflege angewiesen. Elsbeth Gerber betreut ihren Mann seit seiner Erkrankung allein daheim, unterstützt nur von der Spitex, die täglich für knapp eine Stunde kommt. «Ich brauche auch mal Zeit für mich», erklärt sie, «sonst kann man so eine intensive Betreuung kaum durchstehen.»

Am schlimmsten sei die Isolation, in die man fast zwangsweise gerate, wenn man einen Dementen daheim pflege. «Viele Leute ziehen sich zurück, können damit nicht umgehen.» Für sie sei es eine grosse Erleichterung und ein Plus an Lebensqualität, wenn sie ihren Mann einen Tag pro Woche «abgeben» könne und wisse, dass er in guten Händen sei. Sowohl ihre Freunde, ihr Arzt als auch ihre vier Kinder unterstützten sie in ihrem Vorhaben, schliesslich erkrankten viele Angehörige von Dementen selber - und damit sei auch niemandem gedient. Helene Schaufelberger nickt und drückt Elsbeth Gerber die Hand. «Wir werden Ihren Mann gut betreuen und freuen uns schon auf ihn.»

Das Expertenteam der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern (HSA), das den Beobachter bei der Auswahl unterstützungswürdiger Sozialprojekte fachlich begleitet hat (siehe nachfolgende Box «Grosses Engagement»), lobt das Vorhaben: Es besteche durch seine innovative Idee und reiche in der Gestaltung über das bisher Vorhandene im Altersbereich hinaus. «Die Zahl der älteren Menschen nimmt stetig zu, die Wohn- und Lebensformen im Alter verändern sich. Die Menschen leben heute und in Zukunft so lange wie möglich selbständig in der eigenen Wohnung. Das Projekt trägt diesem Umstand Rechnung und schafft eine Tagesstruktur, die Betreuung und soziale Kontakte ermöglicht.» Das Einzugsgebiet der Tagesstätte reicht von Lenzburg bis Zofingen, das ländliche Muhen ist via Autobahn und mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen - auch deshalb hofft Geschäftsführerin Schaufelberger auf zahlreiche weitere Anmeldungen.

50 Kilometer nordwestlich zeigt sich soziales Engagement in einer ganz anderen Facette. Im Bässlergut, wo die Stadt Basel hinter Autobahn und Gleisanlagen ins Niemandsland ausfranst, ist das Idyll einer dörflichen Gemeinschaft weit weg. In diesem unwirtlichen Transitraum an der deutschen Grenze wird nicht gelebt, hier verschiebt man sich bloss auf dem Weg zur Arbeit, in die Ferien oder nach Hause. Oder man wird verschoben: vom Zoll zur Empfangsstelle der Migrationsbehörden und weiter ins Ausschaffungsgefängnis, alles innerhalb von 200 Metern. Für manche Asylsuchende ist es das Einzige, was sie von der Schweiz sehen.

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Sie kämpfen für die Rechte von Asylsuchenden: Janine Eyholzer, Andreas Bolleter, Anni Lanz und Annemarie Hartmann vor dem Ausschaffungsgefängnis Bässlergut, Basel


«Die haben nichts verbrochen»
Ein Unding für Leute, die sich für Menschenrechtsanliegen engagieren. Etwa für Annemarie Hartmann, die seit ihrer Pensionierung im Verein Solidaritätsnetz Region Basel in der Sans-Papiers-Bewegung aktiv ist. Dazu gehören regelmässige Besuche im Ausschaffungsgefängnis Bässlergut, wohin die «Illegalisierten» gesteckt werden. So nennt die 68-Jährige die Migranten, deren Aufenthaltsbewilligung abgelaufen ist, auf deren Asylgesuch nicht eingetreten wurde oder die ohne Papiere eingereist sind. «Junge Menschen, die monatelang zum Nichtstun gezwungen werden und daran kaputtgehen, die keine Perspektive haben.» Und die faktisch ihre Rechte nicht wahrnehmen können.

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Aus diesem Grund entstand das Projekt, eine Freiwilligengruppe aufzubauen, die den von der Aussenwelt isolierten Ausschaffungshäftlingen eine kontinuierliche Rechts- und Sozialberatung bietet. Das Bedürfnis danach ist gross, das zeigt sich in den Gesprächen mit den Betroffenen deutlich. Auch die Privatstunden in Lesen und Schreiben sowie der Sprachunterricht sind sehr gefragt. Dahinter steht für Annemarie Hartmann Grundsätzliches: «Das Wissen um die eigenen Handlungsmöglichkeiten ist ein Grundrecht», sagt sie, «gerade auch für Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen.» Trotzdem gibt es in der Region Basel bislang kein subventioniertes Hilfswerk, das diese Aufgabe erfüllt - die initiativen Menschenrechtlerinnen springen in die Lücke.

Geplant sind wöchentlich rund 20 Beratungsgespräche im Gefängnis. Inhaltlich geht es dabei um die Aufklärung über die Rechtslage, ums Verfassen von Briefen nach Hause und von Eingaben an die Behörden. Aber die Arbeit endet nicht an den Gefängnismauern: Auch den Angehörigen «draussen» soll geholfen werden, insbesondere den Kindern. Wichtig ist auch die Rückkehrberatung der abgewiesenen Asylsuchenden - dies mit einer ganz handfesten Unterstützung: Wer sich zur Ausreise entschliesst, erhält am Zielort vom Solidaritätsnetz ein kleines Startgeld. Denn wer einmal in Ausschaffungshaft ist, bekommt keine staatliche Rückkehrhilfe.

Die Beratergruppe ihrerseits, die noch juristische Verstärkung gebrauchen könnte, arbeitet ehrenamtlich. Zu Besprechungen trifft man sich bei einem Mitglied zu Hause, anfallende Kosten werden aus der eigenen Kasse gedeckt. Diesen Idealismus würdigt auch das Expertenteam der HSA. Was in seinem Jurybericht ausserdem steht: «Das Projekt setzt sich für eine der am stärksten marginalisierten Gruppen ein. Damit holt man sich in der Regel keine Lorbeeren.»

Keine Regel ohne Ausnahme - die Frau, die als treibende Kraft hinter dem Vorhaben steht, ist eine solche: Anni Lanz, die sich seit Jahrzehnten für eine humane Flüchtlingspolitik einsetzt. 2004 erhielt die 61-jährige Soziologin den Ehrendoktortitel der Universität Basel, diese Woche kommt mit dem Fischhof-Preis eine weitere Würdigung ihres Engagements für Minderheiten hinzu. Dabei hat Lanz die Erfahrung gemacht, dass bei Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus «die Grundrechte am gravierendsten verletzt werden». Ein Ziel der beraterischen und rechtlichen Begleitung der Bässlergut-Häftlinge ist es denn auch, die Fälle zu dokumentieren und gegebenenfalls nach aussen zu tragen. «Es ist nie gut, wenn etwas derart unsichtbar abläuft», sagt die zierliche Frau, um mit einem Schmunzeln ihre Entschlossenheit zu bekräftigen: «Man muss manchmal ein bisschen renitent sein.»

Auch den übrigen Mitgliedern der Beratungsgruppe ist die Sensibilisierung für ein Thema, das die Öffentlichkeit gern aus dem Blickfeld drängt, ein zentrales Anliegen. «Abgewiesene Asylsuchende haben nichts verbrochen und befinden sich trotzdem in einer prekären Situation. Dafür brauchen sie Verständnis, nicht Ablehnung», sagt Janine Eyholzer, eine 25-jährige Schneiderin. Und der Geschichtsstudent Andreas Bolleter hält den Umgang mit der Migration gar für das drängendste gesellschaftliche Problem der Schweiz: «Deshalb engagiere ich mich - erst recht jetzt, da mit dem neuen Asylrecht das Klima noch rauer wird.»

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Grosses Engagement

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Mit den beiden im Haupttext vorgestellten Sozialprojekten wird die letzte Runde einer Aktion eingeläutet, die der Beobachter übers ganze Jubiläumsjahr zu seinem 80. Geburtstag begleitet hat. In der ersten Hälfte des Jahres zeichnete die Redaktion sechs privat initiierte Einrichtungen aus, die in Nischen ausserhalb des institutionellen Systems wirkungsvolle soziale Arbeit unter dem Leitgedanken «Hilfe zur Selbsthilfe» leisten. Die Idee fiel bei der Lebensversicherungsgesellschaft Swiss Life, 150-jährig und somit ihrerseits Jubilarin, auf fruchtbaren Boden: Ihre Stiftung Perspektiven stellte 150'000 Franken zur Verfügung. Damit sollte neuen Projekten, die nach derselben Philosophie konzi-piert wurden, eine Anschubfinanzierung gewährt werden.

Die entsprechende Ausschreibung stiess auf grosses Echo - das Mass an Eigeninitiative, das hinter den eingereichten Projekten steht, ist beeindruckend. Das gefällt auch Bruno Gehrig, Verwaltungsratspräsident von Swiss Life und Vorsitzender des Perspektiven-Stiftungsrats: «Häufig sind Privatpersonen näher bei den Problemen und packen diese weniger behaftet an, als Institutionen dies tun. Ihr Engagement ist getrieben von der Suche nach einer pragmatischen Lösung für eine konkrete Aufgabe. Die Impulse, die von privaten Initiativen ausgehen, sind daher äusserst wertvoll.»

Die Müheler Tagesstätte für ältere Menschen sowie die Rechts- und Sozialberatung im Ausschaffungsgefängnis Basel sind die ersten von rund einem Dutzend sozialen Projekten, die eine namhafte finanzielle Starthilfe erhalten. Die Grundlage dafür lieferte die fachliche Beurteilung durch ein Expertenteam der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern (HSA). Eine vollständige Übersicht der unterstützten Vorhaben wird der Beobachter Ende Jahr liefern - als weitere Muster zur Nachahmung.