Welch grosse Angst sie einflösst, war sich Helga Schrötter nicht bewusst. Nachdem die Ein-Frau-Unternehmerin vier Monate als Velokurierin in der Region Baden-Wettingen AG gearbeitet hatte, wurde sie in den Augen pflichtbewusster Beamter zur ernsthaften Bedrohung für die Post. Dabei hatte Helga Schrötter die Post nur damit beauftragt, 140 Flugblätter an die Postfachinhaber in Wettingen 3 zu verteilen. Auf diese Weise wollte sie Firmen auf ihr Angebot aufmerksam machen, Postfächer zu leeren.

Die Beamten nahmen den Auftrag zunächst anstandslos entgegen. Doch kurze Zeit später sandte ihr der gelbe Riese die Flugblätter zurück. Der Grund: Als Velokurierin stehe sie «in direkter Konkurrenz zur Post». Laut Geschäftsbedingungen kann die Post in solchen Fällen tatsächlich Aufträge ablehnen. Ausserdem rügten die Beamten, dass die Velokurierin ihre Werbebotschaft auf gelbes Papier drucken liess. Gelb ist die Hausfarbe der Post.

Ein befreundeter Jurist nahm sich der Sache an. Nachdem sich auch der Beobachter bei den Post-Chefs in Baden und Bern erkundigt hatte, worin denn genau die Konkurrenz bestehe, ging plötzlich alles ganz schnell. «Wir haben da wohl mit Kanonen auf Spatzen geschossen», entschuldigte sich Briefpost-Produktmanager Andreas Urben tags darauf. Und: «Ich sehe das Angebot eines Velokuriers eher als Ergänzung denn als Konkurrenz zur Post.» Und siehe da: Die Post verschickte Helga Schrötters Flugblätter sogar gratis.

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