1938 beauftragte der Beobachter einen Reporter, durchs Land zu fahren und die Leute nach ihrer Meinung über die Zeitschrift zu fragen. Der Reporter reiste kreuz und quer durch die Innerschweiz, und das Resultat seiner Recherche war erstaunlich: Mit einer Ausnahme kannten alle Befragten den Beobachter, hatten ihn mehrheitlich sogar abonniert. «Der Beobachter ist eben neutral und sagt die Wahrheit. Man liest dort, was die anderen Zeitungen nicht schreiben», sagten zwei Frauen. «Der Beobachter wagt es noch, die Dinge beim Namen zu nennen, obs den grossen Herren passt oder nicht», meinte ein Pater. Zahlen aus den fünfziger Jahren zeigen, dass es Dörfer gab, in denen über 60 Prozent der Haushalte den Beobachter abonniert hatten – Nesselnbach im Aargau etwa, Clavadel in Graubünden, Scherzingen im Thurgau oder Gurtnellen im Urnerland. Was machte den Beobachter so populär?

Ausschlaggebend war wohl die Kombination zweier Medienfunktionen – der Anwaltsfunktion und der Dienstleistungsfunktion – und der damit verbundenen Journalismuskonzepte: des anwaltschaftlichen Journalismus und des Servicejournalismus. Der anwaltschaftliche Journalismus will Benachteiligten Gehör verschaffen, Ungerechtigkeiten aufdecken, Missstände entlarven, eine Kritik- und Kontrollfunktion erfüllen und Verbesserungen einfordern. Er war in der Schweiz nie besonders verbreitet: Nach 1933 hat die «Nation» dieses Konzept hochgehalten, heute findet es in der «Wochen-Zeitung» teilweise noch einen Resonanzboden.

Der Beobachter jedoch hat seit 1927 diesem Konzept nachgelebt: Er hat sich für die Schwachen eingesetzt und stand den «kleinen Leuten» bei. Eine repräsentative Umfrage ergab 1957, dass 73 Prozent der Abonnenten erklärten, der Beobachter zeichne sich vor der übrigen Presse im Kampf gegen Unrecht und Missstände aus. In einer Seminararbeit am Institut für Medienwissenschaft der Universität Bern stellte Cornelia Bühler fest, dass in den Stichjahren 1933 und 1993 rund 20 Prozent der Beobachter-Texte anwaltschaftlich waren, 1963 sogar 30 Prozent.

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Dank seiner anwaltschaftlichen Rolle lehrte der Beobachter die Behörden das Fürchten. Mächtige gaben oft rasch nach, wenn Abhängige drohten: «Ich gehe zum Beobachter.» Heute können die Schwachen auch sagen: «Ich sags dem ‹Blick›.» Oder: «Ich gehe zum ‹Kassensturz›.»

Der Beobachter trieb seine Anwaltschaft zeitweise auf die Spitze, indem er die Rolle einer politischen Partei übernahm. So lancierte er 1955 eine Petition für die Verbesserung der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), für die er 82'000 Unterschriften sammelte. 1962 reichte er eine Volksinitiative für eine bessere AHV mit 237'690 Unterschriften ein. Nötig gewesen wären 50'000. Die Initiative hatte denn auch zur Folge, dass das Parlament das Gesetz in ihrem Sinn änderte.

1979 startete er eine Volksinitiative zur Entschädigung der Opfer von Gewaltverbrechen. Sie wurde mit 173'069 Unterschriften eingereicht, bei jetzt benötigten 100'000. Erneut erfüllte das Parlament den Willen der Initianten. 1981 sammelte er rund 300'000 Unterschriften mit einer Petition für einen besseren Tierschutz.

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Taschen voller Leserbriefe
Der Servicejournalismus hat sich hingegen erst nach und nach zum anwaltschaftlichen Journalismus gesellt. Zuerst bestand die Hilfe vor allem darin, den Schwachen im Kampf gegen Ungerechtigkeiten beizustehen. Immer mehr kam aber auch allgemeine Alltagshilfe hinzu (wie Rechtsberatung, Mieterberatung, Familienberatung oder Gesundheitsberatung). Der Beobachter entwickelte sich zu einem eigentlichen Beratungsmedium.

Natürlich gibt es mittlerweile eine ganze Anzahl von Medien, die Beratungen anbieten, vor allem Publikumszeitschriften, aber auch «Blick». Doch so konsequent zum Freund der «kleinen», oft wehrlosen Leute wie der Beobachter machte sich in der Schweiz kein anderes Medium. Und im Ausland ist mir nur eines bekannt, das sich teilweise mit dem Beobachter vergleichen lässt: «Argumenti i Fakti» (Argumente und Fakten) in Russland.

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Das einfache sowjetische Wochenblättchen wurde seit 1978 von der Gesellschaft «Wissen» herausgegeben und war ursprünglich gedacht als Gedächtnisstütze für Agitatoren. Es erhielt in der Perestroika-Periode unter Michail Gorbatschow eine ungeheure Bedeutung, weil es Leserbriefe abdruckte, Wissen vermittelte und Fragen beantwortete, also praktische Alltagshilfe bot. Es ging zuerst nur an ideologische Mitarbeiter und war weder im Abonnement noch am Kiosk erhältlich. Doch schliesslich war die Nachfrage so gross, dass die Behörden den öffentlichen Bezug erlaubten. Sofort schnellte die Auflage nach oben: 1985 waren es 1,4 Millionen, 1988 bereits 9,1 Millionen, 1989 sogar 20,5 Millionen und 1990 sensationelle 31,5 Millionen. Man kann sagen: Praktisch jedermann kannte «Argumenti i Fakti».

Die Redaktion erhielt so viele Leserbriefe, dass die Journalistinnen und Journalisten jeden Abend ganze Einkaufstaschen voller Briefe mit nach Hause nahmen, um auch nachts weiterzuredigieren. Die Popularität war unvorstellbar gross. Inzwischen schrumpfte die Auflage wieder, weil sich die Menschen kaum noch ein Zeitungsabonnement leisten können. Aber noch immer nimmt «Argumenti i Fakti» eine Spitzenposition ein.

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Ein Haus für Tante Emma
Die stellvertretende Chefredaktorin Ludmilla Nowikowa, mit der ich 1991 in Moskau auf der Redaktion von «Argumenti i Fakti» sprach, umschrieb die Aufgabe ihrer Zeitung so: «Ziel ist, den Menschen zu helfen zu überleben, beispielsweise bei Schwierigkeiten mit Medikamenten. Wir sagen ihnen: Wie baut man selber ein Haus? Wo investiert man am besten? Und wir sagen: Wir müssen so schreiben, dass es jede Tante Emma und jeder Rentner versteht.» Es ist offensichtlich, dass der Beobachter in Moskau eine Verwandte hat.

Roger Blum ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern. Er präsidierte von 1991 bis 2001 den Schweizer Presserat.