Ein nebliger Donnerstag im zürcherischen Glattbrugg. An der Industriestrasse 54, dem damaligen Redaktionssitz des Beobachters, herrscht Hochbetrieb. Die Redaktorinnen und Redaktoren hängen an den Telefonen, schreiben an Artikeln oder diktieren Leserpost. In den Gängen rattern riesige Endlosdrucker, Marke Wang, und spucken unablässig die neusten geistigen Erzeugnisse aus. Es ist der 26. März 1987. Fast ein Tag wie jeder andere.

Fast. Denn plötzlich stehen drei Beamte der Zürcher Kantonspolizei in den Beobachter-Büros und winken mit einem Durchsuchungsbefehl. Die Polizisten fahnden nach den Informanten in der so genannten Obwaldner Steueraffäre, über die der Beobachter mehrfach berichtet hat. Losgeschickt hat sie die Bezirksanwaltschaft auf ein Ersuchen der Obwaldner Behörden. Nach gut einer Stunde ziehen die Beamten wieder ab, ein paar beschlagnahmte Akten unter dem Arm.

Angriff auf die Pressefreiheit
Der Vorfall sorgte landesweit für Schlagzeilen. Eine Hausdurchsuchung beim Beobachter – das sei «eine aufsehenerregende Massnahme, die sich nur mit besonders gewichtigen Gründen rechtfertigen lässt», meinte etwa Charles Clerc in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens. Die Medien waren sich einig: Was da geschah, war ein Angriff auf die Pressefreiheit.

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Die polizeilichen Ermittlungen liefen ins Leere. Die Bundesanwaltschaft gelangte in einem separaten gerichtspolizeilichen Ermittlungsverfahren nur zur Erkenntnis, dass «diese Indiskretion» vermutlich nicht durch die Bundesverwaltung erfolgt sei. Genau das hatte der damalige Obwaldner Justizdirektor und heutige Ständerat Hans Hess vermutet. Er musste schliesslich, tief in die Affäre verstrickt, von seinem Regierungsamt zurücktreten.

Eine Hausdurchsuchung – das blieb in der Geschichte des Beobachters bisher einmalig. Die Konfrontation mit Anwälten und Richtern gehört hingegen zum «risque du métier», wie es der frühere Beobachter-Chefredaktor Peter Rippmann in einem persönlichen Rückblick auf seine langjährige Tätigkeit ausdrückt. Rippmann prägte bis 1988 wie kaum ein anderer den anwaltschaftlichen Journalismus: Im Kampf für Recht und Gerechtigkeit war man Partei – notfalls bis vor die Schranken des Gerichts. «Der Beobachter schreibt nicht nur, er tut etwas», lautete damals denn auch ein Slogan der Beobachter-Werbung.

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Klar: Engagierter, pointierter Journalismus beschäftigt häufiger die Richter. Das ist heute nicht anders. Nur sind die Mittel, deren sich die Anwälte in der Auseinandersetzung mit Journalisten bedienen, differenzierter geworden. So gibt es seit 1985 ein Recht auf Gegendarstellung, und was vielen Medienschaffenden zunächst ein Dorn im Auge war, trägt man inzwischen mit sehr viel Gelassenheit.

«Das Gegendarstellungsrecht», sagt Philippe Ruedin, Leiter des Beobachter-Beratungszentrums, «ist für Medienleute zwar etwas unangenehm, trägt letztlich jedoch zu einem faireren Journalismus bei. Es zwingt die Autorinnen und Autoren, die Pflicht zur Anhörung ernst zu nehmen und die Argumente einer Gegenseite im Artikel einzubauen.» Ruedin, selber Rechtsanwalt, ist das medienrechtliche Gewissen des Beobachters. Ohne seine Gegenprüfung geht kein prozessverdächtiger Artikel in Druck. Umgekehrt landen alle rechtlichen Begehren und Klagen auf seinem Pult.

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Rund 20 Gegendarstellungen treffen jährlich beim Beobachter ein und hin und wieder auch eine Eingabe vor dem Presserat, der berufsethischen Ombudsstelle der Schweizer Journalistinnen und Journalisten. Parallel dazu hat sich die Zahl der zivil- und strafrechtlichen Auseinandersetzungen in den letzten Jahren eher reduziert – auf zwei bis fünf Verfahren jährlich.

Besonders häufig: Klagen wegen Ehrverletzung oder übler Nachrede. Besonders heikel: Prozesse wegen vermeintlicher Verstösse gegen das so genannte UWG, das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. In dieser rechtlich riskanten Zone bewegen sich Medien, die kritische Konsumenteninformationen bieten. UWG-Prozesse können in hohe Schadenersatzansprüche kritisierter Unternehmen münden.

Beiderseits mehr Fairness Kein Wunder, werden Stimmen laut, die eine «Verrechtlichung» der journalistischen Arbeit beklagen. Philippe Ruedin hat Verständnis dafür: «Vor allem für kleinere Zeitungen und Zeitschriften ist das eine Gefahr. Sie können sich keine eigenen Juristen leisten.» Ruedin stellt aber fest, dass nicht nur die Journalistinnen und Journalisten gründlicher und fairer zu Werke gehen als in früheren Jahren – auch die Anwälte haben ihr Vorgehen geändert. Ruedin: «Sie handeln heute lösungsorientierter, setzen auf Kommunikation statt auf Konfrontation.» Konkret: Schlauer als ein jahrelanger Streit vor den Richtern ist ein rasch publizierter Leserbrief oder ein fairer Vergleich.

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Tempo statt Temperament. Wie sagt Peter Rippmann im Rückblick auf seine Beobachter-Tätigkeit? «Die Justiz ist immer auch die Justiz der jeweiligen Gesellschaft und spiegelt zwangsläufig deren Auffassungen wider.»