Das Beobachter-Beratungsteam

Peter Meier hat einen Skiunfall und wird in der Folge zu 30 Prozent invalid. Die Unfallversicherung zahlt ihm die gesamten Behandlungskosten und über zwei Jahre ein Taggeld von 80 Prozent seines Lohnausfalls. Für die bleibenden Schäden erhält er nach gut zwei Jahren als einmalige Abfindung eine Integritätsentschädigung sowie – anstelle des Taggelds – eine lebenslange Invalidenrente in der Höhe von 24 Prozent des vorherigen Lohns. Meier hat also, zumindest versicherungstechnisch, noch Glück im Unglück gehabt. 

Doppeltes Pech hat hingegen sein Arbeitskollege Paul Müller. Auch er wird zu 30 Prozent invalid, allerdings wegen einer Krankheit. Er erlitt einen Hirnschlag. Die Kosten der zweijährigen Behandlung übernimmt seine Krankenkasse, jedoch unter Abzug zweier Jahresfranchisen und des Selbstbehalts von zehn Prozent. Da der Arbeitgeber keine Krankentaggeldversicherung abgeschlossen hat, erhält Müller, seinem Dienstalter entsprechend, gerade einmal für drei Monate den vollen Lohn. Bei einer 30-prozentigen Invalidität zahlt weder die IV noch die Pensionskasse eine Rente.

Der Vergleich zeigt, wie unterschiedlich die Leistungen des Sozialversicherungssystems bei Unfall und Krankheit sein können. Eine einleuchtende Begründung dafür gibt es nicht. Im Gegenteil: Man könnte sich gar auf den Standpunkt stellen, dass eine Krankheit viel unerwarteter und heimtückischer zuschlägt als zum Beispiel ein Sportunfall.

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Die heutige Rechtslage lässt sich denn auch lediglich historisch erklären. Die Unfallversicherung wurde primär als Ersatz für die Haftung des Arbeitgebers bei Berufsunfällen eingeführt, allerdings waren von Anfang an auch Freizeitunfälle mitversichert. Heute sind Berufsunfälle seltener, dafür hat die Zahl der Nichtberufsunfälle zugenommen. Ohnehin viel häufiger sind Krankheitsfälle. Höchste Zeit also, das System zu überdenken, zumal die rechtliche Unterscheidung zwischen Unfall und Krankheit bei weitem nicht in jedem Fall klar ist. Die Folgen sind jede Menge Juristenfutter und frustrierte Bürger.

Die Ungleichbehandlung von Unfall und Krankheit hat in einem zukunftsfähigen Sozialversicherungsrecht nichts mehr zu suchen – die Unfallversicherung in der heutigen Form gehört abgeschafft. Sinnvoller wäre eine obligatorische Taggeldversicherung, die unabhängig von der Ursache bei Arbeitsunfähigkeit genügend lange den Lohnausfall deckt.

Regina Jäggi, Fachbereich Sozialversicherungen

Wer kein Geld hat und durch alle Maschen der Sozialversicherungen fällt, dem garantiert die Sozialhilfe ein menschenwürdiges Leben. Daneben gibts ein bald 100-jähriges Gesetz zur Bekämpfung von Armut. Es garantiert jedem Bürger in Not einen Anspruch auf Hilfe durch Verwandte – die sogenannte Verwandtenunterstützung.

Deshalb müsste und könnte jeder Sozialhilfebezüger einen Unterstützungsanspruch gegenüber seinen Verwandten geltend machen. In der Praxis geschieht das jedoch selten, denn Forderungen gegenüber Verwandten gehen beim Bezug von Sozialhilfe auf das Gemeinwesen über. Worauf dieses sich bei der Berechnung des Hilfsbetrags abstützen soll, ist unklar: Während einzelne Sozialbehörden Handgelenk mal Pi rechnen, stützen sich andere auf die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) oder aufs Existenzminimum. Und das Bundesgericht hat kürzlich festgehalten, dass erst ab einem monatlichen Einkommen von 10'000 Franken eine gesetzliche Unterstützungspflicht besteht.

Doch nicht nur wegen dieses Durcheinanders ist es ein fragwürdiges Gesetz:

  • Viele Verwandte von Sozialhilfebezügern leben im Ausland. Doch dort kann Verwandtenunterstützung kaum eingetrieben werden, was einer Diskriminierung hier lebender Angehöriger gleichkommt.
  • Eine geschiedene, alleinerziehende Mutter ist oft auf Sozialhilfe angewiesen, weil dem Kindsvater das betreibungsrechtliche Existenzminimum belassen werden muss. Unterstützungspflichtig werden aber nur die Grosseltern mütterlicherseits, nicht aber jene väterlicherseits.
  • In vielen Familien unterstützt man sich in der Not freiwillig, durch Geld oder Pflegeleistungen. Wo das nicht klappt, führt die erzwungene Solidarität nur zu unverhältnismässigem Verwaltungsaufwand.


Verwandtenunterstützung kann Armut nicht verhindern, bringt wenig ein, schafft Ungerechtigkeit und gehört abgeschafft – zumal man Sozialhilfe zurückzahlen muss. Spätestens wenn man seine Verwandten beerbt.

Walter Noser, Fachbereich Erziehung und Soziales

Es ist ein Tabuthema, dass mehr als die Hälfte der schätzungsweise 90'000 illegal in der Schweiz anwesenden Ausländerinnen und Ausländer in privaten Haushalten arbeiten – meist angestellt von Schweizern aus allen Gesellschaftsschichten. Warum verstossen diese bewusst gegen das Ausländerrecht?

Kaum jemand wird bestreiten, dass die Bewältigung des Haushalts neben dem Beruf oft belastend ist, trotz technischen Errungenschaften. Es ist deshalb nachvollziehbar, wenn sich als Folge des zunehmenden Wohlstands viele im Haushalt entlasten wollen und eine grosse Nachfrage nach Putzfrauen, Kindermädchen und neu nach Altenpflegerinnen besteht. Offiziell sind illegale Hilfen zwar nicht erwünscht und schon gar nicht zugelassen, anderseits werden sie – mangels legaler Alternativen –geschätzt und gern angestellt.

Jede Anstellung kriminalisiert aber beide Seiten: Arbeitgeber können faktisch mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr und einer happigen Geldstrafe belegt werden. Die illegal Beschäftigten werden gebüsst und müssen das Land verlassen. Doch weder die hohen Strafen noch das neue Schwarzarbeitsgesetz konnten an dieser Situation viel ändern, denn viele Haushaltshilfen gehören oft schon seit Jahren quasi zur Familie. Man nimmt die Risiken in Kauf, zumal die Polizei wenig Chancen hat, diese Delikte aufzudecken.

Bundesrat und Parlament haben diese Entwicklung bis heute ignoriert und alle Legalisierungsvorstösse zurückgewiesen – und damit eine bedenkliche Doppelmoral akzeptiert. Es würde der Schweiz gut anstehen, in einer einmaligen und ausserordentlichen Aktion illegal Anwesenden, die seit Jahren in Schweizer Haushalten arbeiten, eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen – notabene Menschen, die nie straffällig oder beim Sozialamt waren und quasi unsichtbar und ohne Versicherungsschutz leben.

Eine Legalisierung, wie sie Spanien und Italien bereits vollzogen haben, würde die ausländischen Helferinnen berechtigen, weiterhin in der Hauswirtschaft oder privaten Krankenpflege zu arbeiten. Ein Berufswechsel wäre nur mit behördlicher Bewilligung möglich. Nebeneffekt: Dem Staat würde künftig zusätzliches Geld in die Steuer- und Sozialversicherungskassen zufliessen.

Verena Walther, Fachbereich Staat

«Ein Glas ist okay.» So lautet die Kernbotschaft einer Kampagne der Beratungsstelle für Unfallverhütung. Hintergrund und Anlass der breitangelegten Informationskampagne ist der seit dem 1. Januar 2005 geltende Grenzwert von 0,5 Promille: Wer seit dann mit einer Blutalkoholkonzentration von 0,5 Promille oder mehr am Steuer eines Motorfahrzeugs erwischt wird, gilt als fahrunfähig und als Gefährdung für andere Verkehrsteilnehmer.

Dass einem trotz dem geltenden Grenzwert ein Gläschen in Ehren – ob Bier, Wein oder Schnaps – nicht verwehrt bleiben soll, klingt zunächst vernünftig, zielt aber an der Realität vorbei; erfahrungsgemäss haben gerade diejenigen Lenkerinnen und Lenker, die durch diese Kampagne angesprochen werden sollen, am meisten Mühe, sich daran zu halten. Sie fühlen sich auch nach einem Glas noch sicher und fahrfähig genug, so dass nicht selten noch eine zweite und dritte Ration folgt. Nicht erstaunlich also, dass immer noch bei 30 Prozent der Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang Alkohol im Spiel ist.

Das Alkoholproblem nur auf rücksichtslose Rowdys abzuschieben wäre allerdings zu kurz gedacht. Sicher hat fast jeder in den Jahren seit der bestandenen Autoprüfung schon einmal die Situation erlebt, wie verlockend es ist, sich nach einem Gläschen noch ein weiteres zu genehmigen: Man ist bei Freunden zu Besuch, zum Apéro gibts ein Gläschen Weisswein, danach den Roten zum Hauptgang und zum Kaffee vielleicht noch einen Digestif – nicht alle können da widerstehen. Dass auf der anschliessenden Autofahrt nach Hause nichts dazwischenkommt, hat dann weniger mit dem Fahrkönnen des Lenkers zu tun, sondern ist sehr oft einfach nur Glück respektive Zufall. Glück und Zufall bilden aber eine schlechte Basis für die Verkehrssicherheit.

Nur bei der Nulltoleranz, wie sie für Drogen im Strassenverkehr gilt, kommen Automobilisten an der Bar oder im Klub nicht in Versuchung. Denn ein Glas ist eben nicht «okay». Fahren soll in Zukunft nur, wer gar keinen Alkohol trinkt.

Daniel Leiser, Fachbereich Staat

Oft reicht das Familieneinkommen nicht aus, um nach Trennung und Scheidung zwei Haushalte zu finanzieren. Das gilt besonders für Ehen, bei denen nur der Mann verdient. In der Regel haben dann die Frauen das Nachsehen, weil die Gerichte das Existenzminimum der Männer nicht antasten. Kommt bei der Unterhaltsberechnung heraus, dass die Differenz zwischen Einkommen und Existenzminimum den Lebensbedarf der Frau und der Kinder nicht deckt, wird dieses Manko einseitig der Frau aufgebürdet. Der Gang zum Sozialamt wird unvermeidbar. Das Bundesgericht lehnt es ab, diesen Fehl-betrag zwischen Mann und Frau aufzuteilen – die Richter fürchten den administrativen Mehraufwand und sorgen sich um die Arbeitsmoral der Unterhaltspflichtigen.

Diese Praxis ist ungerecht und verstösst gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung. Da verwundert es auch nicht, dass geschiedene Frauen und ihre Kinder viel häufiger von Armut betroffen sind als Männer. Das trifft die Kinder besonders hart, denn Armut beeinträchtigt in hohem Mass ihre Entwicklungs- und Bildungschancen.

Die hälftige Aufteilung des Einkommens zwischen den Ehegatten wäre zwar gerecht, würde aber das Problem nur halbherzig lösen. Zukunftsgerecht wären vielmehr:

  • Ergänzungsleistungen für Familien nach dem Tessiner Modell: Statt Teilung des Mankos können beim Unterschreiten des Existenzminimums staatliche Leistungen erfolgen, nach dem bewährten Modell der AHV/IV;
  • Ausbau der in einigen Kantonen bereits geleisteten Kleinkinderzulagen für Kinder unter drei Jahren in der ganzen Schweiz;
  • Verzicht auf die Rückzahlungspflicht der trotz Familienergänzungsleistungen nötigen Sozialhilfe bei Alleinerziehenden.


Eine staatlich geförderte finanzielle Unterstützung führt zur Erhöhung des Familieneinkommens für all jene, die mit Kindern am Existenzminimum leben, und löst das Problem der Armut nach Scheidung und Trennung. Oft wird so ein Sozialhilfebezug vermieden, was die finanzielle Belastung der Gemeinden verringert. Die Wirkung der Massnahmen zeigt sich im Tessin: Seit Einführung der Familienergänzungszulage im Jahr 1996 konnten rund 60 Prozent der Sozialhilfeleistungen eingespart werden.

Gabriele Herfort, Fachbereich Familie

In der «Vision Zero» – so hiess zu Beginn noch die Verkehrssicherheitsstrategie des Bundes – war vorgesehen, in allen Autos ein Datenaufzeichnungsgerät einzubauen, das vor und während eines Unfalls die wichtigsten Daten wie Geschwindigkeit und Fahrzeugbewegungen erfasst. Heute nennt sich das Verkehrssicherheitsprogramm «Via sicura» – und von der generellen Ausrüstungspflicht ist darin keine Rede mehr. Gemessen an den hohen Kosten, sei das Potential, mit dieser Massnahme die Zahl der Getöteten und Verletzten zu senken, zu gering, heisst es im erläuternden Bericht zum Vernehmlassungsentwurf.

Es liegt allerdings die Vermutung nahe, dass sich der Bund nicht mit der Autolobby anlegen wollte – denn diese fürchtet, der serienmässige Einbau von Fahrtenschreibern könnte vor allem ihre Boliden unattraktiv machen. Dass diese Befürchtungen unbegründet sind, zeigen die Erfahrungen der Axa Winterthur. Die Motorfahrzeugversicherung offeriert 18- bis 25-jährigen Lenkern seit März 2008 einen Rabatt von 15 Prozent auf die Haftpflicht- und Kaskoprämie, wenn sie in ihr Auto einen Crashrecorder einbauen lassen. Nur sieben Monate nach der Lancierung wurden bereits 5000 solcher Black Boxes eingebaut – von fehlender Attraktivität kann also keine Rede sein.

Nebst der Prävention bietet der Fahrtenschreiber auch Vorteile für die Unfallanalyse. Gerade bei komplexen Verkehrsunfällen – das zeigt die Erfahrung im Beobachter-Beratungszentrum – kann der Hergang und somit auch die Schuldfrage erst nach monatelangen Abklärungen geklärt werden, manchmal gar nicht. Es gibt keinen Grund, den Einbau von Fahrtenschreibern nur für Geschwindigkeitstäter vorzuschreiben, wie es «Via sicura» vorschlägt. Eine solche Black Box gehört in Zukunft in jedes Auto.

Daniel Leiser, Fachbereich Staat

Will die Schweiz mit der EU-Klimapolitik mitziehen, braucht es bis 2020 eine CO2-Reduktion um einen Fünftel. Um dieses Ziel zu erreichen, muss ein Grossteil der Altbauten saniert werden, denn rund 40 Prozent des schädlichen CO2-Ausstosses entstammen dem Gebäudebereich. Insgesamt sind anderthalb Millionen Häuser sanierungsbedürftig.

Doch Hauseigentümer renovieren erst, wenn sie müssen, weil etwa der Öltank durchgerostet ist oder die Fassade bröckelt. Gründe für diese sanierungsfeindliche Einstellung sind leicht zu finden: Eine umfassende Renovation mit energetischen Verbesserungen kostet eine Stange Geld, und nur wenige Immobilienbesitzer sind – gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – bereit, in eine grüne Zukunft zu investieren.

Selbst eine Explosion der Heizölpreise wie im letzten Sommer bringt bestenfalls einzelne Eigenheimbesitzer dazu, über energetische Verbesserungen nachzudenken. Für Eigentümer von Mehrfamilienhäusern sind höhere Ölpreise sowieso kein Anlass für entsprechende Sanierungen, da sie die gesamten Heizkosten auf ihre Mieter abwälzen können. Bei den heutigen Rahmenbedingungen wird somit nur ein kleiner Teil des Gebäudebestands vorzeitig energetisch saniert werden.

Die Schlussfolgerung kann folglich nur lauten: Anreize müssen her – und zwar ernsthafte. Das 2006 ins Leben gerufene Gebäudeprogramm der Stiftung Klimarappen sowie die Fördergelder der Kantone zielen in diese Richtung. Doch diese Beiträge reichen bei weitem nicht aus, zumal das Klimarappen-Programm Ende 2009 ausläuft. Deshalb soll neu ein nationales Gebäudesanierungsprogramm geschaffen werden. Wichtigstes Gebot: Das neue Programm muss den Klimarappen nahtlos ablösen, damit keine Förderungslücke entsteht.

Zur Deckung der dafür vorgesehenen 200 Millionen Franken stehen zwei Modelle zur Diskussion: die Teilzweckbindung der CO2-Abgabe und die Erhöhung des Klimarappens. Bei der ersten Variante müsste zuerst das CO2-Gesetz revidiert werden, ein Prozedere, das im Schneckentempo abläuft. Das zweite Modell hingegen kann sofort umgesetzt werden. Eine neu zu errichtende Stiftung unter der Schirmherrschaft der Kantone soll drei bis fünf Jahre als Überbrückung dienen, bis die CO2-Gesetzesrevision durch ist.

Damit tatsächlich eine Sanierungswelle ausgelöst wird, braucht es indes noch weitere Anreize – etwa extragünstige Sanierungskredite von Banken oder grosszügige Steuererleichterungen für Hauseigentümer, die energetisch renovieren. Und die in Bundesbern diskutierte Konjunkturspritze sollte in erster Linie ökologische Sanierungen von Altbauten fördern, denn so würde nebst Wirtschaftshilfe gleichzeitig Klima- und Energiepolitik betrieben.

Jürg Keim, Fachbereich Wohnen

8. Ein allgemeines Eücktrittsrecht bei Kaufverträgen

«Ich kann doch von jedem Vertrag innert einer bestimmen Frist zurücktreten, oder?» So lautet eine der häufigsten Fragen beim Beratungszentrum des Beobachters. Die Antwort: «Leider nein.» In der Schweiz gilt kein allgemeines Rücktrittsrecht, das die Konsumentinnen und Konsumenten vor unüberlegten Vertragsabschlüssen schützt.

Wer also im Möbelgeschäft den Kaufvertrag für ein Ecksofa unterzeichnet hat, ist an den Vertrag gebunden, auch wenn er zu Hause beim Ausmessen feststellt, dass das Möbelstück gar nicht ins Wohnzimmer passt. Dasselbe gilt für den Einkauf im Internet. Die Bestellung kann nicht rückgängig gemacht werden, auch dann nicht, wenn man sofort beim Online-Shop anruft.

Nur beim sogenannten Haustürgeschäft sieht das Gesetz ein siebentägiges Rücktrittsrecht vor, wenn der Vertrag zu Hause, am Arbeitsplatz, auf öffentlichem Grund oder auf einer Werbefahrt abgeschlossen wurde. Doch auch diese Ausnahmeregelung gilt nur sehr eingeschränkt: Die Initiative zur Vertragsverhandlung darf nicht vom Kunden ausgehen, der Wert des Geschäfts muss mehr als 100 Franken betragen, und der Vertrag darf nicht an einer Messe abgeschlossen worden sein. Ausgeschlossen vom Haustürgesetz sind zudem Versicherungsverträge sowie Verträge über unbewegliche Sachen.

Das sind gar viele Ausnahmen für ein Gesetz, das den Konsumenten schützen soll. Deshalb das Plädoyer für ein allgemeines Rücktrittsrecht bei Konsumentenverträgen innerhalb von sieben Tagen. Eine solche neue Regel würde den Konsumentenschutz markant verbessern und nur das festhalten, wovon ohnehin viele überzeugt sind: dass man von solchen Verträgen innert einer bestimmten Frist zurücktreten kann.

Michael Krampf, Fachbereich Konsum

Ist Ihnen das auch schon passiert? Sie haben ein Fitnessabonnement für ein Jahr gelöst, können aber Ihren inneren Schweinehund zu selten bezwingen. Deshalb wollen Sie das Abo nach Ablauf der Frist nicht mehr erneuern. Trotzdem fordert das Studio die Gebühr für ein weiteres Jahr. Warum? Sie haben im Kleingedruckten die Klausel übersehen, wonach sich der Vertrag automatisch verlängert, wenn er nicht drei Monate vor Ablauf schriftlich gekündigt wird.

Oder das: Ihr geleaster Wagen entpuppt sich als «Montagsauto», immer wieder müssen Sie ihn in die Garage bringen. Die Reparaturen kosten Sie ein Vermögen, der Ärger nervt. Sie drohen, die Zahlungen einzustellen, sollten Sie keinen neuen Wagen bekommen. Aber nichts da: Im Kleingedruckten steht, dass die Leasingraten auch dann geschuldet sind, wenn der Wagen brachliegt. Doch damit nicht genug. Bei Mängeln haben Sie weder das Recht, den Wagen gegen einen anderen einzutauschen, noch den Vertrag vorzeitig zu künden.

Wenn es darum geht, Kunden mit nachteiligen Klauseln auszubremsen, kennt der Einfallsreichtum mancher Anbieter keine Grenzen. Wer sich dann erdreistet aufzubegehren, wird schulmeisterlich abgekanzelt: «Als mündige Konsumentin hätten Sie halt das Kleingedruckte lesen müssen – da steht alles drin, schwarz auf weiss.» Also selber schuld? Nein. Punkto Konsumentenschutz leben wir in der Schweiz hinter dem Mond. In der EU dürfen Anbieter keine dieser Klauseln in Verträge packen. Dort sind Vertragsinhalte verboten, wenn sie zu einem Missverhältnis zwischen den Rechten und Pflichten des Käufers führen.

Seit Jahren fordern deshalb Konsumentenschutzorganisationen auch für die Schweiz eine wirksame Kontrolle von allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Bislang chancenlos, denn der Bundesrat schmetterte sämtliche Vorstösse ab. Begründung: Die Einführung einer solchen Kontrolle läge nicht im Interesse der Wirtschaft. Unsere Nachbarländer machen andere Erfahrungen. Dort ist die Wirtschaft nicht zusammengebrochen – trotz der strengeren AGB-Kontrolle.

Gabriela Baumgartner, Fachbereich Konsum

Kaum gekauft und schon kaputt? Wer Pech hat und einen mangelhaften Kaufgegenstand erwischt, den schützt das geltende Recht eigentlich nicht schlecht: Grundsätzlich kann man eine Ersatzlieferung verlangen. Oder den Vertrag rückgängig machen und den Kaufpreis zurückfordern. Oder den Mangel mit einer Preisminderung ausgleichen. Die Krux liegt – Sie haben es bereits gemerkt – beim Wörtchen «grundsätzlich». Denn diese Regelungen im Obligationenrecht sind nicht zwingend. Die Anbieter können sie beliebig ändern – und sie tun das ausgiebig, insbesondere in ihren Garantiebestimmungen zu Handys, Geschirrspülern, Fernsehern oder Kaffeemaschinen.

Diese Garantiebestimmungen gewähren Konsumenten oft nur das «Recht auf Reparatur», schliessen aber die Ersatzlieferung oder den Vertragsrücktritt aus. Im Alltag bedeutet das: x-fache Reparaturversuche mit entsprechendem Aufwand und Ärger. Viele machen irgendwann die Faust im Sack und kaufen ein neues Gerät, weil sie das Hin und Her leid sind und sich der Aufwand längst nicht mehr rechnet.

Mit kleinen Änderungen könnten diese Reparatur-Odysseen wirksam behoben werden. Zunächst müsste das Gesetz zwingend werden, also Vorrang bekommen vor firmeneigenen Garantiebestimmungen; so könnten Anbieter ihre Käufer nicht mehr beliebig benachteiligen. Als Zweites wären die Käuferrechte Ersatzlieferung, Rücktritt und Minderung zu ergänzen mit einem Recht auf Reparatur. Dies jedoch verbunden mit einem Wahlrecht der Kundin: Sie soll entscheiden können, ob sie für die defekte Ware eine Reparatur, ein neues Gerät oder das Geld zurückhaben will. Und wenn sie sich für eine Reparatur entscheidet und diese fehlschlägt, soll sie rasch ein neues Gerät erhalten oder das Geld zurückverlangen können.

Ein weiteres Problem bei der Garantie ist die Beweispflicht: Aktuell muss der Kunde beweisen, dass es sich beim gemeldeten Mangel um einen Garantiemangel handelt. Lehnt der Verkäufer den Garantieanspruch ab, kommt der Kunde faktisch nur mit einer Expertise weiter, was in der Regel in keinem Verhältnis zum Kaufpreis steht. Dieses Ungleichgewicht liesse sich ausgleichen, indem man die Beweispflicht umdreht: Der Verkäufer soll beweisen, dass er ein mängelfreies Produkt verkauft hat. In der EU gilt dies für die ersten sechs Monate ab Kauf. Das Tüpfelchen aufs i wäre die Verlängerung der Garantiefrist von einem auf zwei Jahre – auch etwas, was im europäischen Ausland längst eingeführt ist. Mit diesen vier Änderungen könnte der Kauf – das Konsumentengeschäft schlechthin – wieder auf ein faires Niveau gehoben werden.

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Doris Huber, Fachbereich Konsum