Vielleicht scheint die Sonne einfach zu oft in Airolo. Seit einigen Jahren fehlt es der Region häufig an Schnee – und damit an zahlungskräftigen Touristen. Die «Sonnenstube» als Wintersportparadies: Diese Hoffnung zerschlug sich rasch. Als die Bahngesellschaft Funivie del San Gottardo nach dem Unglück im Gotthardtunnel kurz vor dem Aus stand, rettete sie nur ein Millionenkredit des Kantons. Inzwischen musste die Gesellschaft Nachlassstundung beantragen. Zudem hat sie eine Anzeige am Hals.

Um Randregionen zu fördern und den Anschluss an die Skihochburgen der Schweiz nicht zu verpassen, verteilte das Tessin seinen Geldsegen grosszügig an acht Skigebiete. Ein Riesenflop: Airolo kommt als Wintersportort auf keinen grünen Zweig, und die Bahnen auf den Monte Lema und den Monte Tamaro sind in der Wintersaison gar nicht mehr in Betrieb.

Nicht nur das Tessin investiert kräftig in Seilbahnen. Dank reichlich fliessenden Steuergeldern herrscht ein regelrechtes Wettrüsten im Kampf um Wintersportler. Laut einer neuen Studie der Zürcher Bristol-Stiftung steuerte die öffentliche Hand zwischen 1993 und 2001 bei 13 Neuerschliessungen von Skigebieten über die Hälfte der Gelder bei: rund 44 Millionen Franken. Die Investitionen in regionale Seilbahnprojekte wurden gar vervierfacht.

Dank diesen Geldern konnten es sich die Bahnen leisten, die Kapazitäten zu erhöhen, obwohl die Nachfrage stagniert. Eine Rechnung, die nicht aufgehen kann.

«Der Bund reguliert den Markt nicht»
Nur ein gutes Viertel der Schweizer Seilbahnunternehmen sei konkurrenzfähig, habe wenig Schulden und erziele genügend Gewinn, schreibt der Bundesrat in seiner Botschaft zum Tourismus. Dennoch geizt der Bund nicht mit Subventionen. «Die Wirtschaftlichkeit ist zwar ein wichtiges, aber nicht das einzige Kriterium, wenn eine Konzession erteilt wird», umschreibt Davide Demicheli, Sprecher des Bundesamts für Verkehr, die Praxis der Bundesbehörden, «aber der Bund reguliert den Markt nicht.» Auch die Bahngesellschaft in Airolo wurde vor den wirtschaftlichen Risiken gewarnt – eine Konzession gab es dennoch.
Trotz der grosszügigen staatlichen Unterstützung schafft es die Seilbahnbranche nicht aus der Krise heraus. Über 70 Prozent der Bahnen erwirtschaften entweder zu wenig Gewinn oder haben sich zu stark verschuldet: All diese Seilbahnunternehmen mit mindestens 3500 Arbeitsplätzen sind laut Bundesrat «in ihrer Überlebensfähigkeit gefährdet».

Der St. Galler Touristikprofessor Thomas Bieger ist ein Kritiker der staatlichen Konzessions- und Subventionspraxis: «Es gibt ein Überangebot an Seilbahnen, vor allem weil sich unrentable Unternehmen dank Subventionen halten können.» Die öffentliche Hand solle nur noch Unternehmen unterstützen, die nach einer einmaligen Finanzspritze ohne staatliche Hilfe überlebensfähig sind. Bieger schätzt, dass in der Schweiz nur rund 20 Wintersportorte international konkurrenzfähig sind – solche mit grösseren zusammenhängenden Skigebieten wie etwa Laax/Flims.

Trotz Überangebot erhielt auch die Luftseilbahn Wiler-Lauchernalp AG eine Konzession für ihre neue Gletscherbahn. Zum Saisonauftakt Ende November nahm sie die Bahn auf den Walliser Hockenhorngrat in Betrieb. In drei Minuten werden die Wintersportler ins Hochgebirge auf 3111 Meter über Meer gebracht – 1200 Personen pro Stunde. Kostenpunkt: elf Millionen Franken. Der Neuerschliessung vorausgegangen war ein jahrelanges Tauziehen zwischen Naturschützern und Bahnbetreibern. «Mit dieser wohl letzten Neuerschliessung eines hochalpinen Gebietes in der Schweiz wird die Lauchernalp nochmals bedeutend an Attraktivität für Schneesportfreunde gewinnen», wirbt die Bahn für «Holidays around the Magic Mountain».

Wunsch nach «intakter Natur»
Von einer «letzten Neuerschliessung» kann allerdings keine Rede sein. Gemäss Bristol-Studie liegen über 100 Projekte mit einem geschätzten Investitionsvolumen von 3,5 Milliarden Franken auf dem Tisch. Dass es sich dabei nicht nur um Wunschträume von übermütigen Tourismusdirektoren handelt, zeigt die Tatsache, dass zwei Drittel der Projekte in kantonale Richtpläne eingegangen sind. Darin halten die Kantone fest, in welche Richtung sie sich baulich weiterentwickeln wollen.

Diese Pläne sind den Naturschützern ein Dorn im Auge. «Auch wir sind aktive Wintersportler. Aber die Freude wird uns vergällt, denn wir wissen, wie es unter der Schneedecke aussieht», sagt Andreas Weissen von der Umweltorganisation WWF. Damit sind die Naturschützer nicht allein: Gemäss einer Marktstudie messen zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung dem Umweltaspekt beim Reisen eine grosse Bedeutung bei. Insbesondere wünschen sie sich eine «intakte Natur».

Christine Neff von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz kritisiert, die Seilbahnen würden sensible Lebensräume wie alpine Magerwiesen praktisch industrialisieren – ohne Rücksicht auf seltene Pflanzen und Tierarten. «Ein Skilift bringt halt Geld, ein Moor nicht.» Am meisten aber stört Umweltschützer wie Andreas Weissen, «dass die öffentliche Hand auch noch Geld für diese Zerstörung der Landschaft ausgibt».

Kritik an der Subventionspolitik kommt auch von ungewohnter Seite – vom Verband Seilbahnen Schweiz: «Wir verurteilen es aufs Schärfste, wenn die öffentliche Hand bei nicht rentablen Bahnen Defizitlöcher stopft – das verzerrt den Wettbewerb», sagt Sprecher Felix Maurhofer. Der Verband schätzt, dass bis 2020 zehn bis fünfzehn Prozent der Seilbahnanlagen verschwunden sein werden.

Auch der Bündner Bergbahnberater Roland Zegg ist überzeugt, dass der Branche ein massiver Konzentrationsprozess bevorstehe. Bekannte Tourismusdestinationen in Graubünden, im Wallis und im Berner Oberland seien zwar leistungsfähig, «viele kleinere Bahnen aber werden aus dem Markt ausscheiden, von grösseren geschluckt oder in Naturerholungsgebiete umgewandelt werden».

Dass es dabei nicht nur um nackte Zahlen geht, sondern auch um emotionale Verbundenheit mit der eigenen Bahn, zeigt sich am Beispiel des Walliser Dorfes Gampel. Nachdem die Gemeinde ihren jährlichen Beitrag an die Anlagen des kleinen Skigebiets Jeizinen um drei Viertel gekürzt hatte, stand die Bahn diesen Winter kurz vor dem Aus. In letzter Minute fanden sich über 100 Geldgeber, die bereit sind, an die Anlage jährlich 500 Franken zu spenden – ohne eine Gegenleistung, etwa in Form eines Skipasses, zu erhalten.

Andere leisten Fronarbeit, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Hoffnung auf ein weisses Skigebiet und schwarze Zahlen dank Schneekanonen mussten die Betreiber allerdings längst begraben, denn dazu reicht das gespendete Geld bei weitem nicht. Als Faustregel für den Einsatz von Schneekanonen gilt: eine Million Franken Investitionskosten pro beschneitem Kilometer Piste. Dazu kommen Betriebskosten von jährlich 30'000 Franken.

Trotz enormen Kosten investiert die Seilbahnbranche kräftig in Schneekanonen. Damit hoffen die Wintersportorte, der Natur ein Schnippchen zu schlagen und der Klimaerwärmung zu trotzen. Die Churer Beratungsfirma Grischconsulta schätzt, dass die Branche in den nächsten drei Jahren rund 85 Millionen Franken pro Jahr in Beschneiungsanlagen investieren wird.

Steuergelder für Schneekanonen?
Der Anteil der Flächen, die mit Schneekanonen beschneit werden, hat sich in den letzten sechs Jahren fast verdoppelt. Modellrechnungen zeigen, dass in der Schweiz in 30 Jahren nur noch Skigebiete über 1600 Meter schneesicher sind. Wegen der Klimaerwärmung haben es tiefer liegende Gebiete schon heute schwer, von Banken einen Kredit zu erhalten.

Noch beteiligt sich die öffentliche Hand kaum an den Investitionen für Schneekanonen. Doch der Ruf nach Geldern aus dem Investitionshilfefonds wird lauter – am lautesten in Graubünden. Stellvertretend für die Bündner Bergbahnen fordert Leo Jeker, SVP-Kantonsrat und Direktor der Savogniner Bergbahnen: «Die Beschneiung ist quasi ein Service public für eine ganze Region.» Folglich solle auch die öffentliche Hand dafür aufkommen.

Auch mit abenteuerlichen Konzepten versucht die Branche aus der Krise zu kommen. Ein Kind, das in seinen ersten zehn Jahren nicht auf den Brettern stehe, sei für die Bahnen als künftiger Kunde verloren, warnt der Visper Seilbahnberater Peter Furger. Ihm schwebt vor, im Winter in der Nähe von Agglomerationen Hügel künstlich einzuschneien oder Skihallen zu bauen. Damit könnte den Stadtkindern der Wintersport näher gebracht werden.

Fusionen oft nur aus der Not heraus
Mehr Erfolg versprechen Fusionen. Der Prozess ist bereits im Gang: Diesen Winter schlossen sich die Unternehmen von Davos und Klosters zusammen; schon früher vollzogen die Bahnunternehmen in Zermatt diesen Schritt. Die Unternehmen in der Region Engelberg/Hasliberg/Melchseefrutt sollen folgen. Häufig fusionieren Unternehmen aber erst, wenn eine Bahn oder eine Gemeinde in einer Notlage steckt oder der finanzielle Kollaps droht.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verlangt nun von den Kantonen ein Gesamtkonzept für die nächste Investitionsperiode. Geplant ist eine Abkehr vom früher praktizierten Giesskannenprinzip. Anlagen in zu wenig schneesicheren oder zu kleinen Skigebieten sollten nicht erhalten werden, schreibt der Bundesrat in seiner Botschaft zum Tourismus. Es wird sich zeigen, ob diese Absicht auch gegen den massiven Widerstand der lokalen Bevölkerung durchgesetzt werden kann. Entscheidend wird sein, ob sich Alternativen zum Bahnbetrieb finden lassen.

Airolo wird es auch in Zukunft schwer haben. Das Institut für Wirtschaftsstudien der italienischen Schweiz bescheinigt dem Dorf am Gotthard zwar, dass es – neben Bosco Gurin – als einzige Tessiner Destination «förderungswürdig» sei. Ein schwacher Trost: Im taufrischen Prospekt «Schneezeit» von Schweiz Tourismus zeigen sich die Wintersportorte von ihrer Pulverschneeseite – darunter findet sich kein Ort aus dem Tessin.

Mitarbeit: Andrea Haefely, Birthe Homann

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