Es gibt angenehmere Erfahrungen, als an einem Flughafen in den USA zum Zollbeamten aufzuschauen. Der Mann hat es nämlich in der Hand, selbst nach einem Flug um die halbe Welt die Einreise zu verweigern. Das Betreten amerikanischen Bodens hat aber auch für willkommene Gäste seinen Preis: ein digitales Foto und ein Scan sämtlicher zehn Fingerkuppen durch den Zollbeamten. Von der Frage, was denn mit diesen biometrischen Daten passiert, sei zumindest am Zoll abgeraten.

Und nun droht uns also das Ende der Selbstbestimmung über unsere Daten angeblich auch in der Schweiz. Der künftige rote Pass soll nebst weissem Kreuz auch einen Chip mit einem digitalen Foto und zwei Fingerabdrücken enthalten. Gespeichert werden sollen diese biometrischen Daten in einer zentralen Datenbank. Dass wir am 17. Mai darüber abstimmen können, liegt an einer Allianz, die von den Grünen über die SP bis zur SVP reicht. Anhänger und Unterschriften haben sie zu einem grossen Teil über soziale Netzwerke wie Facebook organisiert – das erste «Internet-Referendum» der Schweiz sozusagen.

Die Diskussion, die dadurch ausgelöst wurde, ist spannend. Nicht weil sie mit Schlagworten wie «Identitätsdiebstahl» oder «Big Brother» viel Neues bringen würde, sondern vielmehr weil die Debatte überhaupt stattfindet. Plötzlich, so scheint es, sorgen wir uns über den Umgang mit unseren persönlichen Daten.

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Wir verstreuen längst überall Daten

Die Diskussion läuft jedoch meilenweit am zentralen Punkt vorbei. Herrscht nicht gerade Abstimmungskampf, ist Datenschutz nämlich Herr und Frau Schweizer schlicht und einfach egal. Die Tatsache, dass man über Kundenkarten und Bonusprogramme fast täglich Informationen über die eigene Lebenssituation und persönliche Vorlieben – Schoggi oder Diätkost? Kukident oder Pampers? – an Detailhändler abgibt? Kein Thema. Die Speicherung sämtlicher Verbindungsdaten von Mobilfunkanrufen? Im Interesse einer angeblich besseren Terrorabwehr stillschweigend geduldet. Handygespräche im vollbesetzten Zug über Liebeskummer, Hormonstörungen und Nierensteine? Eine Selbstverständlichkeit.

Die letzten Schranken der Vorsicht fallen jedoch da, wo wir uns immer öfter aufhalten: am Computer. Rund 1,5 Millionen Schweizerinnen und Schweizer haben mittlerweile ein eigenes Konto bei Facebook, und dort kennt die digitale Freigebigkeit erst recht keine Grenzen: Dabei muss man nicht einmal Fotos von privaten Saufgelagen hochladen, um für Datensammler – staatliche wie private – von Interesse zu sein. Alter, Geschlecht, Hobbys, Beziehungsstatus und ein paar harmlose Familienbilder reichen längst, um Persönlichkeitsprofile anzulegen, die für die Werbung und die Fahndung gleichermassen interessant sind. Trotz all diesen Gefahren ist die Zahl der Nutzer aus der Schweiz seit Anfang Jahr – und damit etwa im gleichen Zeitraum, in dem auch die Diskussion um den biometrischen Pass anlief – gemäss dem Internetdienst O’Reilly Media um stolze 32 Prozent gewachsen.

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Facebook und der biometrische Pass, das seien zwei völlig unterschiedliche Dinge, argumentierte kürzlich ein Jungpolitiker, der 864 Facebook-«Freunde» aufweist. Im Internet gebe man seine Daten freiwillig preis und könne diese deshalb «bis zu einem gewissen Grad» auch kontrollieren. Beim Pass hingegen habe man keine Wahl.

Bei Facebook gibt es kein Gesetz

Stimmt – oder eben auch nicht. Zwar kann man ein Facebook-Profil im Gegensatz zu staatlich gespeicherten Daten tatsächlich mit ein paar Mausklicks löschen. Wer von den bis dahin erworbenen «Freunden» aber welche persönlichen Daten über einen gesammelt hat, weiss man nicht. Und im Gegensatz zur Situation beim biometrischen Pass regelt kein Gesetz, was diese Freunde dann mit den Daten – Fotos, Blogeinträge und Jugendsünden – anstellen. Die Kontrolle darüber ist nicht «bis zu einem gewissen Grad» gewährleistet, sondern überhaupt nicht.

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Speichert der Staat Foto und Fingerabdrücke, so ist deren Verwendung immerhin per Gesetz geregelt – und der Gebrauch des Passes ist freiwillig: Wer aus Angst vor einem «Identitätsklau» Foto und Fingerabdrücke nicht registriert haben will, tut deshalb gut daran, auf einen Pass zu verzichten und zu Hause zu bleiben. Und dort Internet, Handy und Kundenkarten nie wieder zu benutzen.