Blutkonserven können Leben retten – vorausgesetzt, sie sind sauber und tragen keine Erreger in sich. Um dies zu gewährleisten, müssen sämtliche Blutspenden in der Schweiz von Gesetzes wegen auf das HI-Virus sowie auf Hepatitis B und C getestet werden. «Bei der Sicherheit des Blutes darf man keine Abstriche machen», betont Paul Günter, Chefarzt und SP-Nationalrat.

Die Pharmafirmen wissen diese Überzeugung geschickt zu vergolden. In einem Schreiben teilte der Basler Pharmakonzern Roche den Blutspendediensten in der Schweiz, in Deutschland, Grossbritannien und Frankreich mit, man sehe sich leider gezwungen, für den Hepatitis-C-Test «Amplicor» fortan massiv höhere Lizenzgebühren zu verlangen.

Heute zahlt der Blutspendedienst des Schweizerischen Roten Kreuzes der Firma Roche für einen Hepatitis-C-Test rund zwei Franken. Ginge es nach den Managern am Rhein, wären es fortan 22 Franken – für den gleichen Test. Bei 450'000 Blutspenden jährlich entstünden allein dadurch Mehrkosten von satten neun Millionen Franken. Folge: Die Preise für Blutkonserven würden massiv steigen. Laut Brigit Brand, Geschäftsleitungsmitglied des Blutspendedienstes des Roten Kreuzes, würde ein Beutel Blut in Zukunft statt 169 Franken mindestens 200 Franken kosten. Berappen müssten diesen Aufschlag die Patienten.

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Finanzspritze in eigener Sache
Roche wäscht die Hände in Unschuld. Schuld an den Preisaufschlägen, so der Pharmahersteller, seien Patentrechte der US-Pharmafirma Chiron.

Tatsächlich besitzt Chiron (zu knapp 50 Prozent im Besitz von Novartis) die Patentrechte für das Hepatitis-C-Genom, und dafür müssen die Basler dem Konkurrenten Lizenzgebühren bezahlen. Doch auch Roche steht nicht mit leeren Händen da: Die Schweizer besitzen das Patent für die moderne Testmethode PCR, mit der im Blut Hepatitis- und HI-Viren früher nachgewiesen werden können als mit den traditionellen Antikörpertests. Für einen modernen Hepatitis-PCR-Test braucht es folglich beide Patente. Die beiden Konzerne wollen diese Tatsache nun in bare Münze umwandeln: Sie stellen sich für die Nutzungsrechte der Patente gegenseitig Rechnungen in Millionenhöhe und wälzen die Kosten auf die Kunden ab.

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Eine Goldmine, denn eine andere Konkurrenz ist nicht in Sicht. So können Roche und Chiron den Preis nach Gutdünken diktieren. Dies umso mehr, als der Staat auf die Preise kaum Einfluss hat, die Tests aber vorgeschrieben sind.

Zwar muss das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) den Endpreis für einen Beutel Blutkonserve absegnen – doch zum Preis, den der Pharmamulti dem Roten Kreuz verrechnet, hat der Bund nichts zu sagen. «Uns sind die Hände gebunden», bestätigt Harald Sohns vom BSV.

«Diese Preisforderungen der Pharma sind unmoralisch und skandalös», ärgert sich Gesundheitspolitiker Paul Günter, «die Konzerne nützen die Sorge ums Blut gezielt aus.» Bei Roche sieht man das freilich in einem weitaus schmeichelhafteren Licht: «Da wir eines der wenigen Unternehmen sind, die das Know-how zur Herstellung von solch hochempfindlichen Tests haben, sehen wir es als eine Verpflichtung, an der Sicherheit von Spenderblut auf der ganzen Welt mitzuarbeiten», sagt Roche-Pressesprecher Daniel Piller.

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Als nächstes «Missionsziel» will Roche einen kombinierten PCR-Bluttest für HIV und Hepatitis einführen. Um auch hier gleich klarzustellen, wer das Sagen hat, teilten die Basler den Blutbanken mit, der einfache Hepatitis-PCR-Test sei für Blutspendedienste ein Auslaufmodell. Konkret: Den Blutbanken bleibt früher oder später keine andere Möglichkeit, als den kombinierten – noch teureren – Test zu kaufen.

«In dieser Form können wir das nicht akzeptieren», sagt Brigit Brand. «Wir bemühen uns nun darum, mit Roche und Chiron eine annehmbare Offerte auszuhandeln.» Deutlicher wird ihr Kollege in Deutschland: «Die Preispolitik von Roche und Chiron ist eine absolute Frechheit», ärgert sich Professor Willi Roth vom Blutspendedienst in Hessen. Man werde nun alle rechtlichen Möglichkeiten gegen die beiden Konzerne prüfen. Roth: «Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.»

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