Mitternacht im solothurnischen Bettlach. Der letzte Zug Richtung Olten ist überfällig. Ein einsamer Reisender wartet auf Gleis 1 und raucht. Einzig der surrende Selecta-Automat, der mit Kleingeld gefüttert werden will, durchbricht die Stille. Insekten tanzen vor einer hell beleuchteten Säule. Sie gleicht einem Miniaturhochhaus mit heruntergelassenen Storen, durch deren Lamellen Licht nach aussen dringt.

Railbeam heisst die rund acht Meter hohe Säule, die von vier Spotleuchten angestrahlt wird. Sie ist das Wahrzeichen der neu gestalteten Regionalbahnhöfe. Insgesamt 619 Stationen wollen die SBB bis in vier Jahren umgestaltet haben, Kostenpunkt: 340 Millionen Franken. Die Bahnhöfe sollen dadurch angenehmer wirken und mehr Sicherheit ausstrahlen.

Mit den neuen Lichtsäulen gar nicht einverstanden ist Eduard von Bergen. Der Hobbyastronom hat gegen den geplanten Railbeam in Sarnen OW Einsprache erhoben. «Die Spots strahlen Licht in den Nachthimmel und verschmutzen ihn», sagt von Bergen. «Je heller der Himmel, desto weniger Himmelskörper sind sichtbar.» Zudem würden sich die Vögel von diesem Licht ablenken lassen.

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Felix Liechti von der Vogelwarte Sempach bestätigt diese Beobachtung. Zugvögel wie die Gartengrasmücke oder der Pirol fliegen in der Nacht und orientieren sich vor allem am Sternenhimmel. Bei Nebel und bedecktem Himmel halten die Tiere die von unten strahlende Lichtquelle vermutlich für den Mond oder einen Stern. Um dem Nebel zu entkommen, fliegen sie auf die Lichtquelle zu, verlieren dabei ihre Orientierung und kreisen über dem Licht. Bei den knapp kalkulierten Reserven auf dem Zug nach Süden kann der Energieverlust den Vögeln zum Verhängnis werden. Wie viele Tiere deswegen verenden, können die Experten der Vogelwarte nicht abschätzen. Liechti: «Die Vögel fallen ja nicht einfach tot vom Himmel.»

Einspruch erhoben hat auch der Verein Dark Sky Switzerland. Mit den Lichtsäulen auf Regionalbahnhöfen entstehe gerade in jenen Gegenden Lichtverschmutzung, die bisher noch kaum unter diesem Phänomen gelitten hätten, sagt Präsident Philipp Heck.

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«Wir wollen keine Bahnhöfe mit blendenden Scheinwerfern wie in Fussballstadien», wehrt sich SBB-Sprecher Roland Binz gegen die Vorwürfe der Kritiker. «Aber wir können die Reisenden auch nicht mit der Taschenlampe zum Bahnhof schicken.»

Verzögerung im Zeitplan
Um die Zweifel aus der Welt zu schaffen, haben die SBB die Technische Universität Berlin beauftragt, das Beleuchtungskonzept zu durchleuchten. Zudem diskutiert eine Arbeitsgruppe mit Vertretern des Bundes und der SBB über einen neuen Prototyp des Railbeam, der den Einwänden der Vogelschützer Rechnung tragen soll.

Die SBB werden die letzten Regionalbahnhöfe ohnehin erst ein bis zwei Jahre später als vorgesehen mit den Lichtsäulen bestücken können. Nicht die Vogelschützer haben den Zeitplan durcheinander gebracht, sondern das Parlament: Es kürzte in der Herbstsession die Leistungsvereinbarung mit den SBB um 54 Millionen Franken. Dieses Geld fehlt nun, um die Regionalbahnhöfe rasch zu sanieren.

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