Vor seiner Kandidatur als Bundesrat wussten im Parlament nur wenige, wer Didier Burkhalter wirklich ist, und im Volk blieb der Neuenburger Ständerat ausser in seinem Heimatkanton bis zuletzt so unscharf wie unbekannt. Trotzdem hat er in der Wahl vom Mittwoch aus einer Position der Schwäche heraus das bekannte politische Schwergewicht CVP-Ständerat Urs Schwaller schnell und deutlich geschlagen. Entscheidend dabei waren nicht so sehr politische Inhalte, sondern eine kühl und sauber durchdachte Strategie der FDP-Strippenzieher. Rhetorisch zog die FDP alle bekannten Register: arithmetischer Anspruch auf zwei Sitze, Konkordanz, Vertretung der Westschweiz durch einen echten Romand, Zusammenhalt des Landes – das ganze Repertoire. Aber das war für die Galerie. Anders als bei der Abwahl von Christoph Blocher 2007 oder bei der Wahl von Ueli Maurer 2008, bei denen der Zufall eine grosse Rolle spielte, war hier letztlich etwas anderes entscheidend: dass diesmal in der FDP-Führung ein paar Köpfe die Wahl minutiös planten wie Feldherren eine Schlacht oder wie Schachmeister ihre Partie.

Wie bei jeder Wahl ging es natürlich darum, möglichst viele Stimmen auf die Partei und ihren Kronfavoriten Burkhalter zu vereinen. Zudem, und das ist die eigentlich Schlauheit des Plans, sollten die Stimmen der Gegner lange genug verzettelt werden, damit sie Schwaller fehlten. Und schliesslich sollten die Stimmen dorthin gehen, wo sie die FDP haben wollte. Nach dieser Strategie setzte die FDP ihre Figuren aufs Brett, baute sie ihre Positionen auf, verschob sie die Figuren und plante in jeder Runde den nächsten Zug der Gegner mit ein.

Stimmenverzettler und Steigbügelhalter

Burkhalter, als wenig bekannte Figur in einer schwachen Position, bekam Flankenschutz. Mit dem rechts politisierenden Nationalrat Christian Lüscher aus Genf sicherte sich die FDP die Stimmen der SVP, deren Bauernvertreter auch von Schwaller umworben wurden. Zu Burkhalters Linken brauchte es ebenfalls einen Köder, damit möglichst wenige SP und Grüne Schwaller unterstützten. Diesen Part spielte der Tessiner Ständerat Dick Marty, indem er sich im Vorfeld mit der vieldeutigen Aussage, er würde eine Wahl annehmen, links andiente.

Anzeige

Die grösste Gefahr war, dass Burkhalter im 3. Wahlgang als Kandidat mit den wenigsten Stimmen hinter Schwaller und Lüscher ausscheiden würde. Oder aber dass Schwaller mit den Stimmen von mitte-links-grün schon das absolute Mehr erreicht, während sich die beiden FDP-Kandidaten noch die rechten Stimmen teilen.

Deshalb band Marty in den drei Wahlgängen zuerst 34, dann 12 und dann 5 Stimmen, die Schwaller entsprechend fehlten, und übernahm die Rolle des Überzähligen. Derweil konnte Burkhalter von 58 auf 72 und dann auf 80 Stimmen aufholen; er lag so noch 15 Stimmen hinter Schwaller, der nur noch wenig zugelegt hatte. Als Marty seine Funktion als Stimmenverzettler erfüllt hatte, nahm er sich selbst aus dem Rennen. Gleiches tat - entgegen der vorgängigen Beteuerungen der FDP – auch Christian Lüscher, als er vor dem 4. Wahlgang zum Risiko für Burkhalter geworden war. Er begnügte sich mit der Rolle des Steigbügelhalters und hielt seine 63 vornehmlich aus der SVP kommenden Stimmen Burkhalter zu. Im Jargon der Feldherren oder Schachspieler gesprochen: Marty und Lüscher deckten am Anfang links und rechts die Flanken ab, bis Burkhalter seine Position aufgebaut hatte. So gestärkt liessen sie ihn vor, in den Zweikampf mit Schwaller. Diesen gewann Burkhalter mit 129 zu 106 Stimme

Anzeige

Machterwerb, nicht «Spielchen»

Nach der Wahl klagten etliche Parlamentarier insbesondere aus der CVP, die FDP habe mit der SVP ein «Päckli» gemacht und in der Wahl «Spielchen» gespielt. Aber erstens ist dies die Stimme der Verlierer. Zweitens gehört dies zum Schweizer System, weil jeder Kandidat auf Stimmen aus anderen Parteien angewiesen ist. Drittens ist nichts Unlauteres dabei, wenn eine Partei ihren Kronprinz so portiert und die Wahlfreiheit des Parlaments dabei gewahrt bleibt. Viertens entspricht ein solches Taktieren für den Wunschkandidaten dem System allemal besser als eine Einerkandidatur mit einer ultimativen Oppositionsdrohung, wie es bei der Wahl von Christoph Blocher 2003 der Fall war. Und fünftens wird sich die Schweiz ohnehin daran gewöhnen müssen, dass die Parteien beim Machterwerb vermehrt strategisch vorgehen. Dies deshalb, weil die alten Gepflogenheiten der Machtverteilung, die mit arithmetischen Parteienformeln und Sprachquoten automatisch Ansprüche begründeten, zu recht ins Rutschen geraten sind.

Anzeige