Der Alarm kam über Polizeifunk: Eine Anwohnerin habe gemeldet, dass an der Durchgangsstrasse im Zürcher Landdorf ein verdächtiges Auto mit zwei dubiosen Insassen parkiert sei. Der nächstgelegene Streifenwagen solle doch bitte die Typen überprüfen. Darauf schalteten sich die «Typen» selber in den Funkverkehr ein und gaben Entwarnung: Es waren Kantonspolizisten, die gerade eine mobile Radarkontrolle durchführten.

Solche Geschichten kann fast jeder Polizeibeamte erzählen. Immer mehr Menschen fühlen sich berufen, Verdächtiges in ihrer Umgebung der Polizei zu melden. Die mitternächtliche Partyknallerei in Nachbars Garten führt heute genauso oft zu Anrufen bei den Funkzentralen wie das falsch parkierte Auto, der unbekannte Besucher im Wohnquartier oder der Freiluftpinkler.

Rotlichtmilieu im Visier
«Neighbourhood watch», Nachbarschaftskontrolle, ist ein Phänomen, das nicht nur in den USA Blüten treibt. Unter dem Titel «Anonyme Anschuldigungen» schrieb kürzlich etwa die Behörde einer Ostschweizer Gemeinde im Dorfanzeiger: «In letzter Zeit erhalten wir immer wieder Briefe mit dem Inhalt, dass eine andere Person angeschuldigt wird, ihre Abfälle unsachgemäss oder illegal zu entsorgen.» Wegen der Fülle der Anzeigen, so der Gemeinderat weiter, könne den anonymen Hinweisen künftig nicht mehr nachgegangen werden.

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«Wo immer im Zürcher Kreis vier ein Baucontainer aufgestellt wird, hagelt es sofort Anzeigen bei Bau- und Sittenpolizei, weil Anwohnerschutzvereinigungen befürchten, hier entstehe ein neues Bordell», weiss Milieuanwalt Valentin Landmann zu berichten. In St. Gallen wurden schon mehrere Buttersäureanschläge gegen tatsächliche oder vermeintliche Massagesalons registriert, wobei die Nachbarschaft als Urheberin nicht ausgeschlossen werden konnte (Beobachter 14/97).

Organisierte «Neighbourhood watch» ist gerade im Rotlichtbereich beliebt. Da gibt es nicht nur Anwohnergruppen, die systematisch Autonummern von Freiern aufschreiben, sondern auch Schutzgemeinschaften, die selber in Sexshops auf Einkaufstour gehen und das Material umgehend an die Strafverfolgungsbehörden und andere Stellen weiterleiten. Ein in Zürich stadtbekannter «privater Sittenpolizist» handelte sich allerdings damit selbst eine Anzeige ein – wegen Verbreitung von harter Pornografie.

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Motive: Angst und Geltungsdrang
Eine Ursache für die erhöhte Wachsamkeit der Bevölkerung ist im sinkenden Sicherheitsgefühl zu suchen. Die Folge davon sind private «Quartierpolizeien», die in vielen Schweizer Gemeinden nachts mit Freiwilligen oder bezahlten Sicherheitsleuten patrouillieren. Der Zürcher Expolizist und FDP-Gemeinderat Hans-Ulrich Helfer hat sogar eine Interessengemeinschaft gebildet, die Gemeinden und Private beim Aufbau solcher Organisationen professionell beraten und schulen will. Er ist bei offiziellen Polizeistellen auf offene Ohren gestossen.

Aber es gibt noch andere Gründe für die Berufung vieler Leute zum «Kommissar Nachbar»: Der Status als Anzeigeerstatter oder Zeugin in einem Kriminalfall gibt vielen Menschen das Gefühl von Wichtigkeit, das sie sonst nicht kennen. Begünstigt wird dies auch durch die Medien: Wer Augenzeuge eines Familiendramas oder einer Massenkarambolage ist, hat heute grosse Chancen, von einem Videojournalisten interviewt zu werden und für ein paar Minuten Fernsehberühmtheit zu erlangen – auch wenn er nichts Entscheidendes gesehen oder wahrgenommen hat.

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«90 Prozent Wichtigtuer und Spinner», quantifiziert ein Justizinsider den Rücklauf aus der Bevölkerung bei gewissen Fahndungsaufrufen.

Die Polizei gibt dies offiziell nur ungern zu. Sie ist in Fällen, bei denen man auf Öffentlichkeitsfahndung angewiesen ist, froh um jede Spur. Heinrich Lätsch von der Informationsstelle der Zürcher Kantonspolizei sagt diplomatisch: «Wir nehmen jeden Hinweis ernst. Allerdings stellen wir fest: Je medienträchtiger ein Fall ist, desto mehr unbrauchbare Meldungen gehen ein. Wir nehmen das aber in Kauf. Vielleicht ist ja auch der entscheidende Hinweis dabei.»

Exemplarisch war der Indizienprozess gegen den Tierarzt Gabor Bilkei vom vergangenen November. Schon während der Ermittlungen gegen den Beschuldigten, besonders aber im Verlauf der Gerichtsverhandlung meldeten sich beim Zürcher Staatsanwalt Pius Schmid jede Menge «Zeugen», die alle auch «etwas gesehen oder gehört haben wollen». Die Chance auf einen Auftritt im voll besetzten Geschworenensaal mit entsprechender Medienaufmerksamkeit war zu verlockend.

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Ganovenfahndung via Internet
Vom Zeugenboom profitieren vor allem die elektronischen Medien. Nebst der alteingesessenen Fernsehfahndungssendung «Aktenzeichen XY» sind in jüngster Zeit auf den europäischen Privatkanälen ähnliche Sendegefässe entstanden, die sich allesamt hoher Einschaltquoten und guter Publikumsbeteiligung erfreuen können. Das Fahndungsmagazin «Gesucht wird…» auf Roger Schawinskis Tele24 erreichte gleich beim Start 118'000 Zuschauer. Eine Sendung später waren es schon 30 Prozent mehr. Tendenz weiter steigend.

Vor dem Sendestart hatte Redaktionsleiterin Karin Müller bei Schweizer Polizeistellen «noch einige Uberzeugungsarbeit zu leisten». Denn die Polizei will das wichtige Instrument Öffentlichkeitsfahndung «nicht inflationär» einsetzen, wie Polizeisprecher Heinrich Lätsch erklärt. Längst aber sind mehrere Schweizer Polizeistellen selber zur permanenten Publikumsfahndung via Internet übergegangen, nach dem Vorbild der amerikanischen Bundespolizei FBI (www.fbi.gov), die schon seit Jahren eine Liste der meistgesuchten Verbrecher in Wort und Bild veröffentlicht.

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Da kann auch das Bundesamt für Polizeiwesen in Bern (www.swisspolice.ch) nicht hinten anstehen – ebenso wenig wie etwa die Kantonspolizeikorps von Zürich, Graubünden, Aargau, Thurgau, Basel-Stadt und Waadt, die alle Websites mit Fahndungsaufrufen zu gesuchten Personen, Fahrzeugen und Wertgegenständen unterhalten. Von den zahlreichen privaten Sammelseiten, die Polizeilinks aufführen, sind www.polizei.ch und www.crime-explorer.ch die derzeit meistfrequentierten.

Internet als Tummelfeld für Spitzel
Wohin die Internet-Verbrecherhatz im Extremfall führen kann, zeigt ein Beispiel aus den USA. Im Mai 1998 feierten Studenten im US-Bundesstaat Washington ein feuchtfröhliches Fest, das in Rempeleien mit der örtlichen Polizei ausartete. Die Sheriffs veröffentlichten bei Augenzeugen beschlagnahmte Fotos und Videosequenzen im Internet mit der Aufforderung, diese Personen zu identifizieren. Die meisten der Gezeigten waren Unbeteiligte. Über 20'000 klickten die Seite an und denunzierten rund 100 Studenten.

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In der Schweiz ist die Schwellenangst, mit der Polizei in Kontakt zu treten, bei vielen Bürgerinnen und Bürgern zum Glück noch etwas höher. Und das darf auch ruhig so bleiben.