Im Februar 2012 wollte Andrea von Aesch sich und ihren damals 14- jährigen Sohn Steve von der Baselbieter Gemeinde Hersberg abmelden. Eine Routineübung, dachte sie, als sie die Verwaltung kontaktierte. Doch die Antwort auf ihr Begehren machte sie stutzig: Der Sohn sei schon im November 2008 abgemeldet worden, teilte man ihr per E-Mail mit. Nach Kenia.

Gemeinde spricht von «undurchsichtiger Situation»

Aus der Luft gegriffen waren weder Datum noch Land. Damals hatten die Eltern von Andrea von Aesch, Steves Grosseltern, das gemeinsame Haus verlassen und waren nach Kenia ausgewandert. Mutter und Sohn wohnten aber weiter an der Adresse, Steve besuchte die Schule in Liestal. «Ich dachte, dieser Fehler liesse sich schnell korrigieren», erinnert sich von Aesch.

Trotz dem Protest der alleinerziehenden Mutter weigerte sich die Gemeinde aber, den Eintrag zu ändern. Bis heute versteht von Aesch nicht wieso: «Wir sind keine unpersönliche Stadt. In einem Dorf mit knapp über 300 Einwohnern kennt man sich und weiss, dass Steve hier gelebt hat.»

Auf Anfrage des Beobachters spricht Florian Kron, Gemeindepräsident von Hersberg, von einer «undurchsichtigen Situation»: In der fraglichen Zeit habe es eine Verwaltungskrise auf der Gemeinde gegeben. Zudem habe Andrea von Aesch nicht auf die Aufforderung reagiert, sich korrekt zu melden. Dies bestreitet die Mutter.

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Prämienverbilligung zurückgefordert

Die Weigerung der Behörden, Steve rückwirkend anzumelden, hatte auch finanzielle Konsequenzen für von Aesch. Da Steve offiziell nicht in der Schweiz wohnte, konnte die Mutter keine Kinderzulagen beantragen. Zudem erhielt sie im Januar 2013 dicke Post: Die SVA Basel-Landschaft verlangte Prämienverbilligungen in der Höhe von 2630 Franken zurück, da Steve laut Einwohnerregister seit 2008 in Kenia wohne.

Da hatte Andrea von Aesch genug. Sie nahm sich eine Anwältin und gelangte mit ihrer Beschwerde gegen die Prämienrückforderung der SVA ans Kantonsgericht Basel-Landschaft. Als Beweismittel reichte ihre Anwältin, Catherine Fürst, Steves Zeugnisse und eine Bestätigung der Sekundarschule Liestal ein, dass er am Unterricht teilgenommen hatte. Für das Gericht ein klarer Fall. «Es ist offensichtlich, dass Steve hier lebte und die hiesigen Schulen besuchte», schreibt das Kantons­gericht in der Urteilsbegründung.

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Mit dem Entscheid des Gerichts, der Andrea von Aesch vollumfänglich recht gab, klopfte die Anwältin wieder bei der Einwohnergemeinde Hersberg an. «Ich erwartete, dass Steve nachträglich ab 2008 angemeldet würde», sagte Fürst. Die Antwort konnte sie aber kaum glauben. «Aus dem Urteil geht lediglich hervor, dass die Rückforderungsverfügung der Ausgleichskasse Basel-Landschaft aufzuheben ist, und nicht, dass eine Anpassung im Einwohnerkontrollregister Hersberg vorgenommen werden muss», schreibt die Gemeinde.

Die Gemeinde gibt nicht nach

Catherine Fürst schüttelt den Kopf. «Die Gemeinde will unbedingt recht behalten – zulasten eines Kindes», sagt sie. Mit dem Gerichtsurteil konnte Fürst aber immerhin bewirken, dass Steve ab 2012 an der neuen Adresse bei der Mutter in Liestal registriert ist. «Und vor einem Monat habe ich endlich die Kinderzulagen erhalten», sagt Andrea von Aesch erleichtert. Zwischen 2008 und 2012 bleibt Steve aber ein Geisterkind: In dieser Zeit existiert er offiziell nicht.

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