Heinrich ist ihm zu formal, er sei einfach der Heiri. Will Heiri Giezendanner in der Küche Wasser aufsetzen, muss er sich ducken. Will er sich im Vorratskeller etwas holen, muss er sich ducken. Will er sich morgens nach dem Aufstehen strecken, hält ihn die Zimmerdecke davon ab. Alles im Haus kann er nur mit gekrümmtem Rücken tun, weil die Räume so niedrig sind. Dabei ist er mit 1,83 Metern nicht mal ein Riese. Heiris Vorfahren, die bereits hier lebten, müssen Zwerge gewesen sein.

Giezendanner möchte deshalb die Räume höher machen und gleichzeitig renovieren. Das Heimetli kann eine Generalüberholung vertragen, es ist in einem erbarmungswürdigen Zustand. Die Schindeln hängen an der Aussenwand wie ein zerschlissenes Kleid. Innen faulen die Holzdielen. Würmer bevölkern das Täfer und die Holzwände. Durch die Ritzen zieht es. Die russgeschwärzte Küche erinnert eher an einen Kohlekeller. Jeder Arzt würde seinem Patienten schon aus hygienischen Gründen davon abraten, hier zu wohnen.

Das Haus hatte bis zum Hinschied des Vaters vor fünf Jahren keinen elektrischen Anschluss und kein fliessendes Wasser. An den kürzesten Tagen im Jahr hat das Heimetli, das am Schattenhang liegt, gerade mal anderthalb Stunden lang Sonnenschein. Im Dachboden steht noch ein Webstuhl, wohl aus der Zeit Ulrich Bräkers, des bekannten Toggenburger Dichters und Kleinbauern. Er lebte vor 300 Jahren am selben Hang, ein paar Kilometer entfernt. Überhaupt erinnert die ganze Behausung Heiris an jene Zeiten, in denen Toggenburger Kleinbauern mit Salpetersieden, Taglöhnerei und Heimarbeit versuchten, sich über Wasser zu halten.

Dabei ist auch Heiri selber nicht in allerbester Verfassung. Er ist 51, sieht aber älter aus. Er hinkt. Als Erklärung zieht er sein Hosenbein hoch und zeigt sein linkes Bein. Infektionen, sieht nicht gut aus. Diesen Winter schrammte er knapp an einer Lungenentzündung vorbei, kein Wunder, im Winter wirds bitterkalt, eine Zentralheizung gibt es nicht. Da nützen auch Gnägi und Strickjacke wenig. Eben hat sich Heiri beim Güllenrühren noch eine Blutvergiftung eingehandelt wegen eines Holzsplitters. Und das Herz, es schlägt zu schnell. Heiri nimmts mit Humor: «Wenn es doch nur die vorderen Zündkerzen wären» - die könnte man auswechseln, das Herz nicht. Höchstens noch einen Winter halte er durch, dann müsse er das Haus, in dem schon sein Urgrossvater wohnte, wohl verlassen.

Der alte Kasten sollte, ginge es nach Heiri, schon längst überholt und die Decken höhergelegt sein, damit man sich im Haus nicht wie ein Neandertaler bewegen muss. Doch er darf nicht renovieren, obwohl der Nesslauer Gemeinderat den Umbau befürwortet und keine Einsprachen eingegangen sind. Seit drei Jahren liegt vor dem Haus das Holz für die neuen Böden parat, das er selber geschlagen hat. Mittlerweile droht es zu verfaulen.

Das Amt für Raumentwicklung (Baudepartement) im fernen St. Gallen verbietet die geplante Totalsanierung. Raumplanungsgesetz, heisst es. Art. 24d Abs. 3 Bst. b RPG. Die «bauliche Grundstruktur» müsse «im Wesentlichen unverändert bleiben». Giezendanner könne allenfalls einen, aber nicht alle Böden anheben. Doch solche halbbatzigen Sachen macht Heiri nicht.

Der Streit entzündet sich im Wesentlichen an der Frage, ob es sich beim Heimetli um ein Landwirtschaftsgut handelt. Stichdatum 1. Juli 1972. Wenn nicht, könnte er problemlos umbauen. Wenn ja, wie das Amt behauptet, nur mit Einschränkungen. Heiri lebt, wie bereits sein Vater, hauptsächlich von der eigenen Alp unterhalb des Speers, zwei Stunden Marsch entfernt, die an fünf Monaten im Jahr bewirtschaftet wird. Im Winter, wenn auf der Alp klaftertief Schnee liegt, wohnen Giezendanners seit Generationen unten im Nesslauer Heimetli. Vater Giezendanner betätigte sich in diesen Monaten als Weissküfer, produzierte aus Weichholz Hutten, Räfe, Rechen, Wetzsteinhalter, sogar Alphörner. Daneben hatte er ein paar Kühe, Rindli und Geissen. Der Nesslauer Dorfchronist Hansueli Scherrer kommt zum Schluss: «Es ist offensichtlich, dass die Liegenschaft allein zu keiner Zeit eine Familie ernähren konnte.» Zu diesem Schluss kommt auch das Landwirtschaftsamt St. Gallen: «Die Liegenschaft erfüllt die Mindestanforderungen an ein landwirtschaftliches Gewerbe nicht.»

Laut Baudirektor Willi Haag läuft Heiris Renovation aber auf einen «Neubau» hinaus - und ein solcher ist nach RPG eben nicht zulässig. Ausser Heiri könnte beweisen, dass Vater Wendolin bereits vor dem 1. Juli 1972 die landwirtschaftliche Tätigkeit aufgegeben habe.

Nesslaus Gemeindepräsident Rolf Huber sagt: «Ginge es nach dem gesunden Menschenverstand, müsste Herr Giezendanner nach seinen Plänen umbauen können. Der will ja keine Villa hinstellen. Er möchte nur sein über 200-jähriges Haus dem heutigen Wohnkomfort anpassen.»

Nicht «gschuelet» für so etwas

Kommt hinzu: Erst vor drei Jahren wurde das Gebäude mit über 50'000 Franken öffentlichen Subventionen und dem Segen eines anderen Amts (Volkswirtschaftsdepartement) mit einer geteerten Strasse erschlossen und an die Wasserversorgung angeschlossen. Heiri Giezendanner ging davon aus, dass einem Umbau nichts im Wege stünde. Kann er nicht umbauen, wird das Haus wohl verfallen.

Groll ist in Heiris gutmütigem Gesicht keiner auszumachen. Er versteht das einfach nicht. Was hat eine Renovation mit der Raumplanung zu tun? Er hat sein Leben lang gearbeitet, er sei nicht «gschuelet» für so etwas. Er saugt gedankenverloren an seiner Brissago, trinkt Most, verdaut das Menü 2. Wahrscheinlich denkt er an seine Alp, wo er bald wieder sein wird, wo er frei ist und den Ärger mit dem Amt vergessen kann.

Der könnte sich bald in Luft auflösen. Denn das Amt scheint im Verlauf der Recherchen seine Meinung geändert zu haben und teilt dem Beobachter mit, aufgrund zusätzlich eingereichter Unterlagen scheine es plötzlich «vertretbar», Artikel 24c anzuwenden, der den Umbau erlaubt. Heiri murmelt undeutlich etwas in seinen Bart, man glaubt, das Wort «chindschöpfig» vernommen zu haben.

Quelle: Mirjam Wanner
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