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BürokratiePlötzlich stand Ruth Huber* (64) auf der Fahndungsliste

Ein Pöstler übersieht den Briefkasten, der Brief geht zurück an den Adressaten. Das wird einer 64-Jährigen zum Verhängnis. Sie landet auf der Fahndungsliste.

Im Einwohnerregister von Rheinau ZH taucht Ruth Huber* nicht auf, obwohl sie dort Vermögenssteuer bezahlt.
von aktualisiert am 22. November 2018

Ein schickes altes Herrenhaus mit Blick auf den Rhein. Rote Fensterläden, wuchernde Sträucher. An der Strasse der Briefkasten mit dem eingravierten Namen: Ruth Huber*. Er stand am Anfang eines bürokratischen Dramas. Der Pöstler hatte ihn übersehen.

Ruth Huber ist in diesem Haus in Rheinau ZH aufgewachsen. Seit dem Tod ihres Vaters verwaltet sie die Liegenschaft und fährt sein altes Auto, wann immer sie von ihrem Wohnort in der Romandie nach Rheinau reist. Sie bezahlt Vermögenssteuer Steuern Was muss ich alles versteuern? im 1300-Seelen-Dorf im Kanton Zürich. Sie kennt den Gemeindepräsidenten persönlich. Briefe wurden ihr immer zugestellt. Nur nicht an jenem Tag im Oktober 2015.

«Adressat unbekannt»

Es war die Rechnung des Strassenverkehrsamts für 2016, die nie ankam. Der Pöstler schickte sie zurück ans Amt, mit dem Vermerk «Adressat unbekannt». Das Strassenverkehrsamt hakte bei der Gemeinde nach, verlangte eine Adressabklärung. Weil Huber nicht im Einwohnerregister eingetragen ist, teilte die Gemeinde mit: «Aufenthalt unbekannt.»

Huber schien verschwunden. Bis das Strassenverkehrsamt ihr den nächsten Brief nach Rheinau sandte: die Einladung zur Fahrzeugprüfung. Der Brief kam an, sie führte das alte Auto vor.

Dieses Jahr erhielt sie wieder eine Einladung zur Fahrzeugprüfung. Ihr Garagist erledigte das termingerecht für sie. Aufgrund diverser Mängel wurde er zurückgeschickt, ein zweiter Termin anberaumt. Die Prüfung verlief dieses Mal aber etwas anders. Die Nummernschilder wurden abgeschraubt, der Garagist gebeten, Ruth Hubers Fahrzeugausweis abzugeben. Begründung: Die 64-Jährige habe Schulden. Sie sei zur Fahndung ausgeschrieben.
 

«Statt mich zu kontaktieren, hat man mich zur Suche ausgeschrieben. Wow!»

Ruth Huber*, Rheinauer Hausbesitzerin


Was passiert war, erfuhr Ruth Huber erst nach langen Recherchen. Das Strassenverkehrsamt hatte seit Oktober 2015 alle Rechnungen an sie einbehalten – wegen «Adressat unbekannt». «Statt mich zu kontaktieren, hat man mich zur Suche ausgeschrieben. Wow!», sagt Huber. Dass sie zweimal termingerecht ihr Auto vorgeführt und in Rheinau pünktlich die Steuern bezahlt hatte, war untergegangen.

Das falsche Register

«Nach der Rückmeldung der Gemeinde, dass der Aufenthalt von Ruth Huber unbekannt sei, haben wir die Ausschreibung im Fahndungsregister in die Wege geleitet», sagt Peter Kyburz, Leiter des Strassenverkehrsamts Zürich. «Das entspricht der gängigen Praxis.» Der Gemeindepräsident von Rheinau, Andreas Jenni, sagt dazu: «Unsere Verwaltungsangestellte hat keine Ruth Huber im Einwohnerregister Datenschutz Wer darf was über mich wissen? gefunden. Die Auskunft von unserer Seite war also korrekt.» Das Strassenverkehrsamt habe ja nicht wissen wollen, ob sie eine Liegenschaft hat, sondern ob sie in Rheinau wohnt.

Bei der Gemeinde hat man im falschen Register gesucht und das Strassenverkehrsamt die falschen Konsequenzen gezogen. «In einer Welt, in der alles digital läuft, geht das menschliche Denken verloren», sagt Ruth Huber. Man verlasse sich auf Maschinen Big Data Die unheimliche Macht der Algorithmen .

Rund eine Million Kunden hat das Strassenverkehrsamt des Kantons Zürich. Jährlich würden gegen zwei Millionen Rechnungen verschickt, in nur 7000 Fällen würde die Ausschreibung im Fahndungsregister angeordnet. Das entspricht 0,35 Prozent. Eine telefonische Adressrecherche wird gemäss Kyburz vorgenommen, sofern Kontaktdaten des Kunden vorhanden seien. Das sei hier nicht der Fall gewesen. Dabei hätte genau das viel bürokratischen Unsinn erspart.

Die Rechnungen hat Huber inzwischen bezahlt, die bizarren Vorwürfe verdaut – und den Humor wiedergefunden. «Aber die Steuern, die ich der Gemeinde in den letzten beiden Jahren zahlte, verlange ich zurück. Als nicht existierende Person bezahlt man schliesslich keine Steuern.»

* Name geändert

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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