Erde drauf und vergessen: Das war jahrzehntelang die Methode zur Entsorgung von Chemiemüll. Das macht sich nun - zwar unsichtbar, aber deshalb nicht ungefährlich - wieder bemerkbar. Etwa im Grundwasser, das als Trinkwasser auch in die Haushalte geliefert wird.

Zwar erklärt Urs von Gunten, Professor an der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut der ETH Zürich: «Unser Trinkwasser ist noch immer sehr gut.» Doch macht er gleichzeitig auf die Gefahren der giftigen Substanzen aufmerksam, die nach Jahrzehnten aus rostenden Fässern und anderen Deponiebehältern ins Grundwasser gelangen: «Problematisch könnte der Mix von vielen unbekannten Substanzen im Trinkwasser sein, die zwar nur in kleinsten Konzentrationen auftreten, die man aber nicht einmal kennt. Über die Wirkung solcher Mischungen weiss man noch sehr wenig.»

Immerhin ist seit 1. November endlich geklärt, wer für die Kosten einer Altlastensanierung aufkommen muss: Ein Bundesgesetz schreibt vor, dass dem Verursacher für Untersuchung und Entsorgung zwei Drittel der Kosten belastet werden können, auch wenn er nicht mehr Grundstücksbesitzer ist.

«Krebsgefährdende Substanzen»
Dass Deponien, die eine mögliche Gefährdung des Trinkwassers bedeuten, saniert werden müssen, bestimmt das Gesetz. Doch ob eine Gefahr besteht, darüber gehen die Meinungen oft auseinander − etwa in Muttenz BL, wo die chemische Industrie Tausende von Tonnen Chemieabfall lagerte. «Es gibt bis jetzt keine Hinweise, dass die Deponie Feldreben heute das Trinkwasser verschmutzt oder gefährdet», sagt Conrad Engler von der Interessengemeinschaft Deponiesicherheit, hinter der die chemische und die pharmazeutische Industrie stehen. «Man hat Substanzen im Trinkwasser gefunden, die krebsgefährdend sind, und etliche andere, von denen man die Wirkung nicht einmal kennt», meint dagegen Matthias Wüthrich von Greenpeace.

Englers und Wüthrichs Positionen sind repräsentativ für die Lager, die sich in Basel seit Jahren gegenüberstehen. In der Region ist eine heftige Kontroverse im Gang, ob die Chemiemülldeponien eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen oder nicht. Der Konflikt ist beispielhaft dafür, wie fahrlässig man früher mit giftigem Abfall umgegangen ist und wie die heutige Generation die Zeche dafür zahlen muss.

Allein der Kanton Baselland hat rund 4000 belastete Standorte. Am problematischsten sind die Deponien Rothausstrasse, Margelacker und Feldreben in Muttenz. Dort lagern insgesamt über 1,3 Millionen Kubikmeter Inhalt - zwar mehrheitlich unproblematischer Siedlungsabfall, doch auch knapp zwei Prozent Chemieabfälle.

Obwohl bereits 1954 ein geologisches Gutachten feststellte, dass die Feldreben-Deponie das Grundwasser gefährdet, brauchte es ein Schockerlebnis, bis es zum Deponiestopp kam. Als eine Firma nach Grundwasser bohrte, sprudelte eine orangefarbene, stinkende Brühe aus dem Bohrloch. «Allerdings gab es vermutlich auch 1959 noch Ablagerungen, obwohl der chemischen Industrie die Risiken fürs Grund- und Trinkwasser bekannt waren», sagt Martin Forter, der ein Standardwerk über die Nutzung und Verschmutzung der Umwelt durch die Basler Chemie verfasst hat.

Die Trinkwasserversorgung schliessen?
Umstritten ist, wie gross die Gefährdung des Trinkwassers ist. Tatsache ist, dass im Trinkwasser der Hardwasser AG, die etwa 100'000 Basler versorgt, Substanzen gefunden wurden, die auch in Deponien der Umgebung vorkommen.

«Wir haben bei keinen Substanzen auch nur annähernd den Grenzwert erreicht», sagt Wolfgang Märki, Direktor der Hardwasser AG, «und solange das nicht der Fall ist, ist das Trinkwasser in Ordnung.» Bei etlichen Stoffen wie Quecksilber oder Perchloräthylen sei die Belastung sogar tiefer als vor 25 Jahren. «Man muss aufpassen, dass man nicht den Sinn für die Realität verliert, nur weil man dank modernster Analytik auch kleinste Mengen unbekannter Stoffe messen kann.»

Demgegenüber meint Martin Schüpbach, der frühere Kantonschemiker von Basel-Stadt: «Die Menge der gemessenen giftigen Substanzen ist tatsächlich nicht gesundheitsgefährdend. Doch dass Substanzen aus der Deponie ins Trinkwasser gelangen, zeigt, dass diese undicht ist, und es besteht die Gefahr, dass in Zukunft das Leck und damit die Gefahr grösser wird.»

Michael Oehme, Leiter der Organisch-Analytischen Chemie der Uni Basel und Fachberater im Wasserstreit, meint: «Man findet im Wasser alles im Ultraspurenbereich, was für eine industrialisierte Gegend typisch ist.» Schwierig sei aber abzuschätzen, wie relevant diese Stoffe für die Gesundheit seien. «Grundsätzlich ist die Trinkwassergewinnung mitten in einem jahrhundertealten Industriegebiet sicher nicht ideal.» Er votiert deshalb für einen neuen Ansatz: «Ich würde die Trinkwasserversorgung in der Region Basel schliessen und 150 bis 200 Millionen Franken investieren, um das Trinkwasser rheinaufwärts in der Gegend von Zurzach zu gewinnen.»

Anzeige

Blei, Cadmium, Arsen
Jürg Wiedemann, Landrat der Grünen, hat mit mehreren Vorstössen die Trinkwasserproblematik zum Thema gemacht. Er findet es fahrlässig, dass die Behörden die potenzielle Gefährdung herunterspielen. «Man hat im Trinkwasser immerhin etwa 100 Substanzen gefunden, wovon die Hälfte unbekannt ist und man nicht weiss, welche Folgen sie haben können.» Um das abzuklären, gab die Hardwasser AG zusammen mit dem Kantonalen Labor Baselland ein Monitoring-Programm in Auftrag. «Wir wollen die gefundenen Substanzen qualitativ und quantitativ bestimmen», erklärt Niklaus Jäggi, Kantonschemiker von Baselland. Anschliessend werde das Bundesamt für Gesundheit die Giftigkeit und die mögliche Gesundheitsgefährdung analysieren.

50 Jahre nachdem die Muttenzer Behörden die Feldreben-Deponie schlossen, soll entschieden werden, wie sie zu sanieren ist. «Bis nächsten Frühling wird eine Gefährdungsabschätzung vorliegen», sagt Alberto Isenburg, Leiter des basellandschaftlichen Umweltamts. «Dass die Deponie saniert werden muss, ist klar.»

Eine komplette Sanierung, also das Ausheben der Deponie, wäre sowohl von der technischen Abwicklung als auch den Kosten her einzigartig, ist doch das Deponiegelände heute mit Gewerbebauten und Ausbildungsstätten vollständig überbaut. Diese müssten stillgelegt werden. «Die Sanierung der Feldreben-Grube wäre für die Schweiz einzigartig und würde inklusive Ausfallentschädigung der Grundbesitzer grob geschätzt an die 500 Millionen Franken zu stehen kommen», sagt Alberto Isenburg. «Wir verlangen angesichts der Gefährdung des Trinkwassers und der Milliardengewinne der Chemie- und Pharmabranche eine Totalsanierung», fordert Matthias Wüthrich von Greenpeace.

Obwohl frühestens Mitte des nächsten Jahres über die Art der Sanierung entschieden wird, scheinen die Positionen bezogen. Conrad Engler von der Interessengemeinschaft Deponiesicherheit meint: «Eine Totalsanierung aller drei Muttenzer Deponien wäre nur schon aus ökologischen Gründen nicht zu verantworten. Es müssten rund zwei Millionen Kubikmeter praktisch unbelastetes Material ausgegraben werden, was rund 200'000 unnötige Lastwagenfahrten bedeuten würde.» Dagegen weist Greenpeace-Vertreter Wüthrich darauf hin, dass die chemische Industrie ihren Müll lokalisieren und nur diesen ausgraben müsse, nicht aber den übrigen, harmlosen Siedlungsabfall.

Doch nicht nur die Region Basel muss mit ihrem Müll-Erbe leben. In der ganzen Schweiz kommt die Beseitigung der Sünden der Vergangenheit teuer zu stehen - vor allem dann, wenn ein ehemaliges Deponiegelände als Wohngebiet genutzt werden soll. So möchte die CU Chemie in Uetikon ZH die Produktion verlagern und auf ihrem Fabrikgelände eine Siedlung mit 200 Wohnungen erstellen. Das 35'000 Quadratmeter grosse Gelände ist mit hochgiftigen Produktionsabfällen, die Blei, Cadmium und PCB enthalten, verseucht; das Grundwasser ist stark mit Arsen kontaminiert. Für die Entgiftung rechnet man mit über 20 Millionen Franken.

Anzeige

Am Ende blutet der Steuerzahler
Immerhin wird hier der Verursacher zur Kasse gebeten, was nicht immer der Fall ist. Zum Beispiel auf dem Gelände der ehemaligen chemischen Reinigung Hölken in Winterthur: Hier hat der Betrieb während Jahrzehnten den Boden dermassen versaut, dass im Hinblick auf eine Überbauung, die jetzt im Gang ist, die verseuchte Erde ausgehoben und entsorgt werden musste. Vor 20 Jahren kaufte die Stadt Winterthur dieses Grundstück. Der frühere Eigentümer wurde zwar verpflichtet, die Sanierung zu finanzieren. Doch er rekurrierte erfolgreich dagegen, so dass letztlich die Stadt Winterthur die Kosten zu tragen hatte, bevor sie das Grundstück verkaufen konnte. Vier Millionen Franken legen die Steuerzahler drauf. Der frühere Besitzer lebt heute im sonnigen Spanien.

Die Sanierung der riskanten Deponien kostet fünf Milliarden Franken

Die Schweiz ist eine Müllhalde: Gemäss Bundesamt für Umwelt (Bafu) gibt es hierzulande rund 60'000 belastete Deponiestandorte. Die meisten stellen nach heutigem Kenntnisstand kein Problem dar, doch etwa 3000 müssen saniert werden.

Bei 70 Prozent von diesen - so der Bundesrat in einer Interpellationsantwort - ist mit einer Beeinträchtigung der Gewässer zu rechnen. Die gesamten Sanierungskosten werden auf rund fünf Milliarden Franken geschätzt; davon entfallen allein auf die beiden Sondermülldeponien Kölliken und Bonfol fast eine Milliarde.

Problematisch sind Deponien vor allem dann, wenn sie das Grundwasser verschmutzen, was wiederum das Trinkwasser gefährden könnte. 80 Prozent des Trinkwassers beziehen wir aus dem Grundwasser.

Das Image vom Wasserschloss Schweiz, wo reinstes Wasser sprudelt, trifft nur noch bedingt zu. Im Rahmen des Forschungsprogramms Naqua, wo an 550 Messstellen periodisch das Grundwasser überprüft wird, fand das Bafu in 60 Prozent der Proben Spuren von Pflanzenschutzmitteln und in 45 Prozent Kohlenwasserstoffe. Hauptverursacher bei den Pflanzenschutzmitteln ist die Landwirtschaft.

Zu einer Bedrohung des Trinkwassers wird der steigende Verbrauch von Chemikalien: Heute sind in der EU rund 100'000 Chemikalien registriert, von denen etwa die Hälfte im täglichen Einsatz ist. «Auch in Zukunft wird die Qualitätssicherung des Trinkwassers ein wichtiges Thema sein», sagt Urs von Gunten vom Wasserforschungsinstitut der ETH Zürich. Dabei müsste der Schutz der Wasserressourcen vor Verunreinigungen noch konsequenter umgesetzt werden.

Altlasten im Boden sind auch wirtschaftlich ein Verlust. Sehr häufig befinden sich belastete Standorte an zentraler Lage und wären für eine Überbauung geeignet. Weil aber die Sanierungskosten sehr hoch sein können, bleiben viele dieser Areale ungenutzt. Gemäss Bafu liegen so 17 Millionen Quadratmeter Land brach, was zu Ertrags- und Steuerausfällen in Milliardenhöhe führt.

Anzeige