Der Himmel über den Gleisen ist gräulich blau. In der Bahnhofshalle nimmt die Anreisenden ein fesches Komitee in Empfang: «La Svizzera e l’Italia» – zwei Vorkriegsakte aus beigem Stein. Draussen windet sich die Via Giuseppe Motta hinunter zum Zoll. In den Schaufenstern der Geschäfte spiegelt sich eine Autoschlange, die Richtung Italien kriecht. Doch die Auslagen und die Vitrinen sind leer, die Glastüren verriegelt. Hier wird nichts mehr verkauft. Zentralste Lage, aber keine Kunden. An Chiasso TI fährt, wer kann, so schnell wie möglich vorbei.

Unten im Städtchen gibts zwar noch immer sehr viele Kioske, aber auch dort läuft das Geschäft harzig. «Der Wechselkurs», stöhnt Katherina Zirgoi. Sie betreibt ihren Kiosk am Corso San Gottardo. «Die Lira ist zu schwach, die Italiener kaufen nicht mehr in der Schweiz ein. Früher kamen sie für Zigaretten, aber mit dem jetzigen Kurs bezahlen sie drüben weniger.»

Früher kamen die Italiener auch für Tabak und Schokolade, ja sogar für Bouillonwürfel über die Grenze. Oder für Früchte: «Mein Vater brachte jeweils Bananen aus der Schweiz mit», erinnert sich eine junge Italienerin. «Die waren da billiger als bei uns.»

Die wichtigste Einkommensquelle aber ist in Chiasso das Benzin. Oder besser: war. Zwar findet sich noch heute an jeder Ecke eine Zapfsäule. Doch wo vor ein paar Jahren die Benzintouristen Schlange standen, wächst jetzt Gras. Viele «benzinai» mussten schliessen. Einzig die Filialen der grossen Gesellschaften konnten sich halten. «Kunden? Pochissimi!», seufzt die Verkäuferin im Tankstellenshop. Nein, Italiener kämen praktisch keine mehr.

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Seit die Autobesitzer im italienischen Grenzgebiet Anrecht auf verbilligtes Benzin haben, tanken sie mit der Rabattkarte auf eigenem Boden. Zu spüren bekommen hat dies das gesamte Südtessin. Der Benzintourismus war hier das wirtschaftliche Standbein.

Doch die Chiassesi sind gewohnt, stets neue Nischen zu finden. Jetzt ist es das Geschäft mit dem «Gras»: Marihuana ist in Italien begehrt und dort schwieriger erhältlich. Davon profitiert Chiasso: Hanfläden sind in den vergangenen fünf Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen – elf sind es heute. Die Konkurrenz ist gross, doch es scheint trotz allem für alle genug (italienische) Kundschaft zu haben.

Das haben auch die Zollbehörden rasch gemerkt. Jede Woche stellen die italienischen Grenzhüter bei Kontrollen säckchenweise Hanfblüten sicher. Nach Italien verkaufen dürfen die «canapai» eigentlich nicht. «Minderjährige kriegen nichts», sagt ein Hanfhändler. «Wir können aber auch nicht jeden Ausweis kontrollieren.»

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Und was sagt er zu Chiasso an sich? «Va male – es geht dem Ort schlecht.» Der Hanfverkäufer ist alles andere als optimistisch. «Nach sieben Uhr abends ist hier nichts mehr los. Das Zentrum ist tot. Alles, was wir hier haben, sind hohe Smogwerte.» Ein Casino hätte immerhin etwas Leben gebracht, meint sein Kollege.

Aber daraus wird vorläufig nichts. Weder ein Abstimmungsboykott noch eine Unterschriftensammlung bringen wohl die ersehnte Spielhölle in die Grenzstadt. Das drückt zusätzlich auf die Stimmung.

Und überhaupt: In Chiasso, das finden alle, ist es nicht mehr wie früher. «È cambiata molto.» Sichtbar wird das auch im Zentrum. «Die Piazza», sagt der junge Gemeindearbeiter, «war zu meiner Schulzeit ein lebendiger Ort. Abends traf sich alles hier. Aber heute ist nichts mehr los.»

Von fünf Hotels sind bloss zwei übrig geblieben. Die Kundschaft: «Leute auf der Durchreise», wie die italienische Receptionistin sagt. «Die Touristen schicken wir nach Lugano oder Como. Was können die hier schon tun? In Chiasso gibt es ja nur ein Fitnesscenter und das Freibad.»

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Letzteres liegt hinter einer grünen Hecke, gleich neben der Autobahn. Gäste hat es wenig. Wenn man hier ein Vanillecornet ausgepackt, wird es sofort mit einem dünnen Film überzogen: Der Feinstaub des Verkehrs liegt schwer in der Luft.

Täglich brummen bis zu 5000 Camionfahrer an der Freibadhecke vorbei. Dazu kommt der gesamte Personenverkehr per Auto. «An Chiasso fährst du vorbei, hier gibt es nichts», hat der Gemeindearbeiter auf der Piazza gesagt.

Es gibt in der 8009-Seelen-Gemeinde aber auch die Sesshaften. Zum Beispiel Sciura Mazza: Die Signora ist bereits im hohen Alter, verbringt ihre Nachmittage aber immer noch gern im Zentrum des Städtchens – zwischen Rathaus, Kirche und Bar.

«Die Ressourcen besser nutzen»
Hier auf der Kirchentreppe sitzen Frauen, Kinder und eine Gruppe junger Männer – jugoslawische Zigeuner aus der Vojvodina, die in der Schweiz um Asyl nachfragen. Sciura Mazza geniesst den nachmittäglichen Schwatz mit den Durchreisenden. Dann kommt der grosse Moment für die über 80-Jährige. Sie rezitiert ein Gedicht, singt ein Lied – Applaus, das Publikum ist verzückt. «Wenn das meine Tochter wüsste!», sagt Sciura Mazza und zieht weiter. Die Zigeuner klatschen ihr hinterher. Auch für sie ist Chiasso nur eine Station ihrer Reise.

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Das «Zwischen den Welten» hat Chiasso aber auch zur kulturellen Experimentierzone gemacht. Domenico Lucchini, der Kulturbeauftragte der Stadt, hat sich das Vakuum zu Nutze gemacht und einiges bewegen können. «Chiasso Danza», eine Veranstaltungsreihe zu modernem Tanz, ein neues Theater und ein Weltmusikfestival bringen Leben ins Zentrum. «Chiasso ist ein interessanter Ort», findet Lucchini. «Wir haben das Privileg, dass wir von hier aus die Veränderungen der Welt im Grossen und im Kleinen beobachten können. Unsere Ressourcen müssen wir aber auch besser nutzen.» Lucchini versteht die Grenze zu Italien als eine Chance.

Im wirtschaftlichen Tauchgang der letzten Jahre geben die kulturellen Veranstaltungen den Einwohnern auch etwas Sauerstoff. «Wir dürfen nicht in eine Opferrolle geraten. Es ist hier einiges im Tun», sagt Lucchini.

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So treibt Chiasso beispielsweise das Projekt für einen gemeinsamen Bahnhof Como-Chiasso voran. «Im Vergleich zu Bellinzona ist die Bevölkerung hier viel offener gegenüber dem Süden», konstatiert der Kulturbeauftragte.

In Chiasso wurden bereits in der Vergangenheit immer wieder Ideen zur Zusammenarbeit mit Italien geboren. Die Regio Insubrica, die Region der Seen im Grenzgebiet Italien/Schweiz, ist auf Initiative des Ex-Bürgermeisters von Chiasso entstanden. «Wir müssen noch viel stärker auf diesen Austausch mit der Lombardei setzen», ist Lucchini überzeugt. Die Grenze trennt nicht, sondern verbindet.

Schliesslich steht auch der alte Zoll in Chiasso mitten im Ort. Aber einzig die weissen Fussgängerstreifen künden in Sichtweite italienisches Territorium an, und ein rostiger Drahtzaun markiert die Trennlinie der beiden Staaten. Wenn in Chiasso Feste gefeiert werden, feiert die Bevölkerung von Ponte Chiasso, dem italienischen Teil, automatisch mit. Zwei Minuten dauert es, um von Italien über die Grenze auf die Piazza von Chiasso zu gelangen.

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Dort steht während des Weltmusikfestivals jeweils die Konzertbühne. In zwei Tagen lockt Musik aus aller Welt mehr Publikum an, als Chiasso Einwohner hat.

Auf der Piazza werden die Schatten länger, die Asylbewerber aus der Vojvodina brechen auf. Sie müssen bis 17 Uhr wieder im Registrierzentrum sein – eine Direktive aus Bern. In Chiasso wird nichts entschieden. Über die Zukunft Chiassos entscheiden andere.