Beobachter: Sie sind ein Zürcher Stadtkind. Würden Sie je aufs Land ziehen?
Christian Schmid: Ich könnte mir schon vorstellen, an andere Orte zu ziehen. Das müsste aber wirklich etwas komplett anderes sein, ein abgelegenes Bündner Bergdorf zum Beispiel, und auch nur zeitlich begrenzt. Dort würde ich vorübergehend ein anderes Leben führen. Gewisse andere Orte wären allerdings schwierig.

Beobachter: Welche?
Schmid: In eine normale, durchschnittliche Gemeinde irgendwo im Mittelland würde ich nicht ziehen wollen, auch nicht auf Zeit.

Beobachter: Was schreckt Sie ab?
Schmid: Ich möchte keine Feindbilder zementieren und es deshalb umgekehrt formulieren: Ich sehe gern Leute, wenn ich das Haus verlasse. Ich mag belebte öffentliche Räume, eine Vielfalt von Eindrücken, unterschiedlichste Menschen und auch vielfäl­tige kulturelle Angebote in der Nähe, um diese auch ohne Terminplan spontan nutzen zu können.

Beobachter: Wieso grenzen sich Städter und Dorfbewohner so strikt voneinander ab? Immerhin lebt doch mindestens die Hälfte aller Einwohner weder in der Stadt noch auf dem Land, sondern in einer Agglomeration.
Schmid: Städte werden bei uns oft als etwas Bedrohliches gesehen. Dabei vergessen viele, dass die Schweiz schon lange stark urbanisiert ist. Sie war weltweit eines der ersten industrialisierten Länder, was auch eine Verstädterung mit sich brachte. Die verlief aber dezentral. Es gab zum Beispiel Weltkonzerne im Glarnerland. Und unsere kleinen Städte sind verglichen mit dem Ausland sehr urban, in vielen gibt es Universitäten und wichtige soziale und kulturelle Einrichtungen. Gleich grosse Orte in Ita­lien, Deutschland oder Frankreich sind oft viel provinzieller. Trotzdem wurde und wird stets das Bild der Schweiz als Land der Bauern und der Kühe zelebriert. Natürlich, es gibt Kühe auf den Matten – doch das sind urbane Kühe! Sie sind hoch subven­tioniert, und die Bauernfamilien sind längst ans Internet und ans urbane Leben angeschlossen. Das Bild der ländlichen Schweiz geht völlig an der Realität vorbei.

Beobachter: Was ist der Grund?
Schmid: Es gibt in der Schweiz eine ausgeprägte Gemeindeautonomie. Die Leute identifizieren sich mit ihrer Wohngemeinde, die Gemeinde vergibt ja sogar das Staatsbürgerrecht. All das erschwert, dass sich so etwas wie eine städtische Identität herausbildet. Das geht so weit, dass Leute sagen, sie lebten auf dem Land, obwohl sie neben der Autobahn wohnen und alle paar Minuten ein Flugzeug über ihre Köpfe donnert.

Beobachter: Es gibt aber auch Agglo-Bewohner, die sagen, bei ihnen gäbe es eben beides, Stadt und Land. Was ist denn die Agglo: Stadt oder Land?
Schmid: Sie ist eine riesige, ziemlich uneinheitliche Zone, die zwischen den Innenstädten und den weniger dicht besiedelten Gebieten liegt. Wobei es «die Agglomeration» als solche nicht gibt: Jede Region, ja oft sogar jede Gemeinde hat ihre Eigenheiten und Qualitäten. Man kann nicht alles in einen Topf werfen, Spreitenbach ist nicht Ebikon.

Beobachter: Was macht Urbanität aus?
Schmid: Im Prinzip kann man sagen: Die Stadt ist ein Ort der Differenzen, an dem immer wieder Neues entstehen kann. An urbanen Orten treffen unterschiedlichste Menschen aufeinander und tauschen sich aus. Je mehr Offenheit es für Spontaneität und Überraschungen gibt, desto urbaner ist ein Ort. Das Selbstverständnis vieler Leute ist aber geprägt von Stereotypen – in der Stadt gibt es Krawalle und Verbrechen, und auf dem Land hat es grüne Wiesen und Kühe – auch wenn daneben der Flughafen liegt.

Beobachter: Und das widerspiegelt sich in Politdebatten, in denen der Stadt-Land-Graben aufreisst?
Schmid: Ich sehe hier keinen Stadt-Land-Graben, sondern eine Polarisierung zwischen den Innenstädten und dem urbanisierten Umland. Man hat fest­gestellt, dass sich die Schweizer Städte in den letzten Jahren politisch in eine linksliberale Richtung ent­wickelten, während sich das gesamte Umland in die Gegenrichtung bewegt hat und heute eher rechtskonservativ abstimmt.

Beobachter: Warum?
Schmid: Man kann sich eine derart rasche Entwicklung nur über Wanderungsbewegungen erklären: Die einen verlassen die Kernstadt gezielt, die anderen ziehen zu. Das beruht primär auf einer lebensweltlichen Grundhaltung: In die Stadt ziehen eher Leute, die neugierig und Fremdem gegenüber offen sind. Da der Umzug ein bewusster Entscheid für oder gegen die Stadt ist, werden die Unterschiede auch so stark betont. Wir haben Menschen in Opfikon und im Stadtzürcher Quartier Seebach befragt. In Opfikon sagen viele, sie lebten in einem Dorf. In Seebach sehen sich die meisten als Stadtbewohner.

Beobachter: Obwohl beide Orte nebeneinander liegen und ähnlich urban sind – im Grunde Agglo.
Schmid: Genau. Die Zuschreibungen von Stadt und Land verändern sich aber laufend. Durch die Globalisierung und die europäische Öffnung wurde «das Dorf» wieder wichtiger. Man besinnt sich auf das Konkrete, das Kleine, das Einfache. Gleichzeitig gibt es in der Schweiz eine ausgeprägte urbane Kultur, für die bereits in den achtziger Jahren urbane Bewegungen gekämpft haben. Zürich und auch die meisten anderen Städte waren damals kleingeistig und engstirnig.

Beobachter: Zürich ist doch immer noch kleingeistig …
Schmid: Tatsächlich kann man heute eine Art Gegenbewegung beobachten. Das städtische Lebensgefühl ist zum Mainstream geworden. Urban ist in, und entsprechend steigt die Nachfrage nach «urbanem Wohnen», das zeigen ja auch die Immobilienpreise. Zugleich wird es wieder eng in den Städten – man beklagt sich über das Sexgewerbe und die Jugendlichen und das Nachtleben. In die neuen Stadtwohnungen ziehen oft Leute ein, die bei der ersten Party vor ihrer Tür die Polizei rufen, man verbietet in Zürich den Schulsilvester wegen ein paar ausgehängter Gartentürchen, und fürs Sexgewerbe stellt man in einer abgelegenen Zone «Verrichtungsboxen» auf, wo es angeblich niemanden stört.

Beobachter: Sehen Sie also eine «Verländlichung» der Stadt?
Schmid: Ich sehe eher eine Tendenz zurück zu kleinstädtischen Verhältnissen. Die Urbanität in den Städten nimmt heute ab. Man macht aus den Innenstädten sozusagen Agglo, die urbanen Freiräume verschwinden zusehends. Ich finde, die Bezeichnung «ländlich» sollten wir in diesem Zusammenhang nicht mehr verwenden. Das Ländliche steht für eine dörfliche, in sich weitgehend geschlossene Gemeinschaft. Davon kann man in der Schweiz nun wirklich nicht mehr reden.

Beobachter: Das anfangs erwähnte Bergdorf ist nicht ländlich?
Schmid: Nein, sicher nicht. Auch im hinteren Calancatal ­haben Sie Strom, Telefon, Internet, Anschluss ans Stras­sennetz und den öffentlichen Verkehr. Die Bewohner sind eingebettet in globale Kreisläufe aller Art. Und sie sind ständig unterwegs. Wir haben einmal die Karten vom Wallis und von Los Angeles übereinandergelegt. Beide Gebiete haben etwa die gleiche räumliche Ausdehnung, und die täglichen Bewegungsmuster zeigen überraschende Parallelen: Die Menschen fahren quer durch den Kanton, zu Freunden und Bekannten, ins Kino, ins Einkaufszentrum, ins Skiparadies, zum Fussballmatch des FC Sion, und zwar meistens mit dem Auto. Das ist im Wallis nicht grundsätzlich anders als in Los Angeles, auch wenn es daneben selbstverständlich viele Unterschiede gibt. Es gibt nicht nur die Urbanität der Städte, sondern auch eine Urbanität der Dörfer.

Beobachter: Urbane Dörfer – ist das nicht ein Widerspruch?
Schmid: Nein, durchaus nicht. Typische Beispiele dafür findet man entlang dem Zürichsee. Diese Gemeinden haben eine lange Geschichte als Dörfer, aber heute bilden sie längst ein städtisches Band, das sich dem See entlangzieht. Man könnte sich hier eine attrak­tive Stadt am See vorstellen. Die einzelnen Dörfer unterscheiden sich aber stark: Einige zeigen durchaus eine urbane Haltung, was sich am öffentlichen Raum ablesen lässt. Andere Gemeinden wie jene im Kanton Schwyz kapseln sich stärker ab. Aber auch diese Dörfer sind urbanisiert – Freienbach ist zu ­einem wichtigen Zentrum globaler Hedgefonds geworden, Wollerau zu einer Art privatem Rückzugsgebiet für sehr wohlhabende und zugleich sehr international ausgerichtete Menschen, die in den letzten Jahren zugezogen sind. Das sind also sicher keine ländlichen Gemeinden mehr.

Beobachter: Bremst das Beharren auf den veralteten Kategorien und die Betonung der Gegensätze von Stadt und Land die Entwicklung der Schweiz?
Schmid: In den letzten Jahren hat diese ideologische Fixierung auf das «Land» die politischen Blockaden zweifellos verstärkt. Viele nahmen eine Igelstellung ein: Alles, was von «aussen» kam, vom Ausland oder auch aus «der Stadt», war schlecht. Das hat die Schweiz sicher nicht weitergebracht. Auf der anderen Seite sollte man die Differenzen, die sich in der Schweiz entwickelt haben, aber auch nicht unterschätzen, sondern sie im Gegenteil stärken. Es müssen nicht alle Gebiete gleich werden – wir sollten sie stattdessen stärker entwickeln.

Beobachter: Weil die Auseinandersetzung befruchtend wirkt?
Schmid: Ja, sofern man einen differenzierten Umgang damit pflegt. In der Realität sind die Unterschiede zwischen vermeintlich städtischen und ländlichen Gebieten viel unklarer als in den meisten Köpfen. Man sollte feiner unterscheiden und nicht einfach alles in «Stadt», «Land» oder «Agglo» einteilen. Ein Umdenken findet bereits statt, und es setzt sich an vielen Orten eine urbanere Haltung durch. Es gibt heute deutlich mehr Gestaltungswillen und Austausch über die Gemeindegrenzen hinweg. Dies zeigen auch die Abstimmung über das Raumplanungsgesetz oder die Zweitwohnungsinitiative, die im Grunde städtische Anliegen ausdrücken. Die noch bestehenden Kulturlandschaften zu schützen entspricht einer urbanen Haltung – und diese ist offensichtlich im Moment in der Schweiz mehrheitsfähig.

Christian Schmid, 55, ist Professor für Soziologie am Departement Architektur der ETH Zürich und Forscher am ETH-Studio Basel. Der gebürtige Stadtzürcher hat sich früh auf Stadtforschung spezialisiert. Er hat zahlreiche Publikationen zur Stadtentwicklung Zürichs, zur internationalen vergleichenden Analyse der Urbanisierung sowie zu Theorien der Stadt und des Raumes veröffentlich. So ist Christian Schmid Ko-Autor des vieldiskutierten Werks «Die Schweiz – ein städtebauliches Porträt».

Quelle: Sandro Bäbler/Ex-Press