Daniel Strassberg, 60, lehrt Philosophie an verschiedenen Universitäten und ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Zürich. Soeben ist sein Buch «Der Wahnsinn der Philosophie» im Chronos-Verlag erschienen.

Quelle: Claude Gasser

Beobachter: Nach dem Ja zur Zuwanderungs­initiative forderten Sie: «Erfinden wir die Schweiz neu!» Wie soll sie denn aussehen?
Daniel Strassberg: Wir müssen uns von der bäuerlichen Postkartenschweiz verabschieden, in der Städte etwas Artfremdes sind. Dabei werden wir längst von der Agglo regiert. Deren Vertreter brauchen zwar die Städte, idealisieren aber gleichzeitig die Landschaft. Dass die Schweiz entgegen der Realität als das Land der Bauern und Bergler verkauft wird, hat Auswirkungen.

Beobachter: Welche?
Strassberg: Es hält uns davon ab, uns den realen Aufgaben zu stellen. Das Inseldasein ist zu Ende, dem Mittelstand droht die Deklassierung. Unsere Insel der Seligen entstand im Zweiten Weltkrieg. Nicht weil die Schweiz besonders wehrhaft war, sondern weil viele Mächtige der Welt von der privilegierten Situation der Schweiz profitiert haben.

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Beobachter: Warum soll diese Insel genau jetzt untergehen?
Strassberg: Weil die globalisierte Wirtschaft keine Inseln duldet, erst recht nicht, wenn sie in der Krise steckt. Die Schweizer reagieren jetzt wie alle bedrohten Arten: Sie schlies­sen die Reihen, kämpfen gegen alles, was von aussen kommt, beschwören die nationale Identität. Auch Südafrika erfand die Apartheid erst, als klar wurde, dass sich der Kolonialismus nicht wird halten können.

Beobachter: Zur Apartheid ist es noch ein weiter Weg.
Strassberg: Darum geht es nicht. Interessant ist das ­Zusammenrücken der Privilegierten. Die Kampagnen zur Initiative zeigten das schön: Sowohl Bürgerliche wie Linke konzentrierten sich nur auf die wirtschaftlichen Fragen. Letzten Endes ging es allen nur um eins: um die Besitzstandswahrung.

Beobachter: Die Linke müsste die Wähler wissen lassen: Die Zeiten, in denen wir uns auf unseren Privilegien ausruhen durften, sind vorbei?
Strassberg: Im Grundsatz ja. Tatsache ist doch: Die Linke hat in den letzten Jahren alle Initiativen verloren, die eine bessere Verteilung forderten. Trotzdem traut sich kein Politiker, das Offensichtliche anzusprechen: Es gibt die privilegierte Schweiz nicht mehr. Beginnen wir endlich, Politik zu machen statt schlechte Psychologie nach dem Motto «Man muss die Ängste ernst nehmen».

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Beobachter: Ist es nicht menschlich, am Wohlstand festhalten zu wollen?
Strassberg: Natürlich, aber warum soll sich dieser Wohlstand auf jene beschränken, die innerhalb relativ willkürlich gezogener Grenzen wohnen? Die Idee, dass ein bestimmtes Territorium Menschen eine gemeinsame Identität verleiht oder einen gemeinsamen Anspruch rechtfertigt, ist überholt.

Beobachter: Immerhin ist man mit derselben Leitkultur aufgewachsen, spricht vielleicht dieselbe Sprache.
Strassberg: In der Schweiz mit der Sprache zu argumentieren ist absurd. Und ganz ehrlich: Mich verbindet mit einem urbanen, intellektuellen Türken mehr als mit dem Bergbauern im Bündnerland.

Beobachter: Mit dem Bergler teilen Sie das Heimatgefühl.
Strassberg: Das Problem mit dieser Fiktion ist, dass solche territorialen Einheiten schon bald keine Rolle mehr spielen werden oder eine sehr viel kleinere als heute. Schauen Sie sich Facebook an: Dort ist mein Freund nicht der Mann, der neben mir wohnt, sondern der Philosoph aus Australien. Darum müssen wir auch die Bedeutung der Schweiz als Raum neu verstehen.

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Beobachter: Es geschieht das Gegenteil – Stichwort Ecopop.
Strassberg: Genau. Diese Vorstellung, dass es die Schweiz in der Form, die uns bis heute suggeriert wird, schon bald nicht mehr geben wird, entzieht vielen Leuten buchstäblich den Boden unter den Füssen. Da ist die ­Reterritorialisierung des Politischen nicht überraschend. Das ist nicht nur in der Schweiz so, sondern in vielen Ländern Europas. Die Nationen werden aufgewertet.

Beobachter: Was schlagen Sie vor?
Strassberg: Ich rufe dazu auf, die Schweiz als Raum neu zu definieren. Wir führen die Vorstellung einer auf das Territorium gründenden Willensnation schon heute ad absurdum: Auslandschweizer dürfen wählen und abstimmen, auch wenn sie seit Generationen keinen Fuss mehr in die Schweiz gesetzt haben. Aber Menschen mit ausländischem Pass, die hier geboren wurden und zur Schule gegangen sind, dürfen die Geschicke des Landes nicht mitbestimmen.

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Beobachter: Haben Sie kein Verständnis dafür, dass die Leute sich vor Überfremdung fürchten?
Strassberg: Verständnis habe ich für alles, dafür werde ich bezahlt. Aber ich glaube, auch diese ­sogenannte Überfremdungsangst basiert auf einer Fiktion – der Idee, dass jemand, der einen Schweizer Pass hat, mir weniger fremd ist als jemand, der ihn nicht hat.

Beobachter: Und der knapper werdende Platz, der sogenannte Dichtestress?
Strassberg: Das ist eines meiner Lieblingswörter. Es stammt aus der Rattenforschung – Ratten werden aggressiver, wenn man zu viele ­zusammen in einen Käfig sperrt. Diese ­Erkenntnis wird nun dazu missbraucht, menschlichen Fremdenhass zu etwas Natürlichem zu erklären. Immer wenn mit der Natur argumentiert wird, hört man auf, politische Lösungen zu suchen.

Beobachter: Immerhin ist die Zersiedelung eine Realität, die steigenden Mietpreise in den Städten auch.
Strassberg: Stimmt, aber es sind nicht die Deutschen, die mehr Miete bezahlen wollen, sondern die Schweizer, die mehr Miete verlangen. Es sind die Schweizer, die mit ihren Hüsli und Gärtli die Schweiz zersiedeln, nicht die Tunesier. Der Verteilkampf findet vorab zwischen oben und unten statt und nicht zwischen innen und aussen.

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Beobachter: Sie denken an eine urbane Schweiz mit zehn bis zwölf Millionen Menschen verschiedenster Herkunft.
Strassberg: Warum nicht? Gehen Sie nach New York. Das ist eine grossartige Art zu leben. Die strikte Trennung von Stadt da und geschützter Natur dort hat sich extrem aufgeweicht. Man sieht überall Grün, überwachsene Ruinen, Gärten auf Dächern. Wunderschön.

Beobachter: Wildwuchs statt Bauzonenordnung?
Strassberg: Geplanter Wildwuchs. Das haben wir in der Schweiz doch auf eine andere Art heute schon. Die Zersiedelung frisst die Natur auf. Gehen Sie einmal nach Dällikon, Dänikon oder wie es dort heisst. Das ist ästhetischer Horror. Wie viel schöner ist New York! Jeder Stadtteil ­eine Welt für sich. Little Italy, Chinatown. Wäre es nicht fantastisch, wenn bei Aarau eine albanische Stadt wäre, bei Bern eine nigerianische? Wenn wir mit der Bahn hin könnten, um afrikanisch zu essen?

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Beobachter: Wie wohnen Sie selber?
Strassberg: In einem Hüsli (lacht).

Beobachter: Ist das nicht das Problem: Man findet New York sexy, wohnt aber lieber im Dorf? Man findet Gerechtigkeit gut, aber nur solange sie einem nicht wehtut?
Strassberg: Das ist so. Weil ausser denen, die ganz, ganz oben und ganz, ganz unten auf der Einkommensskala stehen, alle davon ausgehen, dass sie den Aufstieg eines Tages schaffen werden. Diese Aufstiegsfantasien prägen Abstimmungsentscheidungen, nicht die Vorstellung einer gerechten Welt.

Beobachter: Irgendwie deprimierend.
Strassberg: Oder schlicht menschlich. Ich finde die Abschaffung der Erbschaftssteuer absolut asozial, aber wenn ich an mein Haus im Bündnerland und meine Kinder denke, sieht das wieder anders aus. Ich finde auch, dass man die Meere nicht überfischen soll. Aber was ist mit den Leuten, die vom Fischfang leben? Dürfen wir ihnen die Lebensgrundlage nehmen?

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Beobachter: Und? Dürfen wir?
Strassberg: Das weiss ich nicht, aber mich interessiert die Debatte erst, wenn sie die engen Grenzen eines einzelnen Diskurses sprengt. Das Burkaverbot ist ein schönes Beispiel dafür. Betrachtet man es nur aus dem Blickpunkt der Menschenrechte, ist klar: Man darf niemandem vorschreiben, was er anziehen darf und was nicht. Doch betrachtet man die Frage aus dem Blickpunkt der Gleichberechtigung, gibt es vielleicht gute Argumente dafür, die Burka zu verbieten. An den Grenzen der Fachgebiete wird es inte­ressant. Boundary work nennt man das in der Wissenschaftsforschung, Grenzarbeit.

Beobachter: Und wir erkennen: keine Lösung befriedigt.
Strassberg: Genau! Wenn man sich das eingestanden hat, kann man mit der Arbeit beginnen. Dann macht Politik Sinn. Sie kann Regeln definieren, Kompromisse aushandeln. Vielleicht Orte, an denen man eine Burka tragen darf, und andere, die man nur unverschleiert betreten darf.

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Beobachter: Je differenzierter die Lösungen sind, desto komplexer werden die Abstimmungsvorlagen. Wird die direkte Demokratie zum Problem?
Strassberg: Ja. Es wäre an der Zeit, über andere Formen der Demokratie nachzudenken. Ich weiss, dass das nicht unproblematisch ist, aber ich stelle mir gewisse Quoten vor.

Beobachter: Quoten unterlaufen das Prinzip «Ein Mensch, eine Stimme».
Strassberg: Das stimmt, allerdings arbeiten wir längst mit Quoten. Der Ständerat ist nichts anderes als eine Quotenregelung, ohne sie hätte Appenzell keine Stimme. Vielleicht müssten wir in diese Richtung weitergehen. Dass Leute, die an einem bestimmten Thema ein Interesse haben, mehr Gewicht haben als andere. Man müsste ­etwa darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, dass ein 92-Jähriger ohne Nachkommen bei einer Abstimmung zum Lehrplan gleich viel Gewicht hat wie eine Mutter schulpflichtiger Kinder.

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Beobachter: Zurück zur Einwanderung. An Europas Grenzen warten Tausende darauf, es in die Schweiz zu schaffen. Was tun?
Strassberg: Was definitiv helfen würde, wäre ein bisschen historisches Bewusstsein: Unser Reichtum hat stark mit der Armut anderer Leute zu tun und nicht mit unserem Fleiss – und wir sind sozusagen Exportweltmeister. Die Schweiz exportiert seit je all ihre Probleme. In den siebziger, achtziger Jahren haben wir die Arbeitslosigkeit exportiert, indem wir die Gastarbeiter heimschickten. Ciba Geigy hat im US-Staat New Jersey ein ganzes Dorf vergiftet; heute geschieht in Schwellenländern Ähnliches.

Beobachter: Und darum plädieren Sie für offene Grenzen, als eine Art Sühne?
Strassberg: Ich plädiere für gar nichts. Ich möchte einfach das Bewusstsein dafür schärfen, dass ein grosser Teil der Schönheit, des Reichtums und des Friedens in der Schweiz auf die Ausbeutung ärmerer Länder zurückgeht. Das muss in dieser Diskussion einfach wieder einmal gesagt werden.

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