Die digitale Revolution spaltet das Mittelland. Zumindest in Baden, Berikon, Wettingen und Dietikon ist die virtuelle Welt schon seit Monaten nicht mehr in Ordnung. Denn auf der Datenautobahn herrscht eine kleine Meuterei.

Dabei ging anfänglich alles glatt. Unter dem Titel «Internet-Plus» lancierte Cablecom-Chef Leo Fischer letztes Jahr ein Pilotprojekt der besonderen Art. Der Herrscher über mehr als 50 Prozent der 2,5 Millionen Schweizer Fernsehkabelanschlüsse bot rund 300 ausgewählten Benutzerinnen und Benutzern einen exklusiven Dienst an: Anstatt weiterhin mit bescheidener Geschwindigkeit über die Telefonleitungen der Swisscom durchs Internet zu schleichen, durfte der exklusive Kreis für eine Pauschale von 65 Franken pro Monat über die viel schnelleren Leitungen des Kabelnetzes surfen.

Die Anfangseuphorie war gross. Kein Wunder, die Vorteile der ultraschnellen Technik sind enorm. Während des Internet-Gebrauchs ist das Telefon nicht mehr besetzt, und die entsprechenden Gebühren der Swisscom entfallen. Auch das mühsame Einwählen über das Modem gehört der Vergangenheit an: Uber die TV-Kabeldose im Wohnzimmer und ein spezielles Modem kann der Computer 24 Stunden online bleiben.

Doch das digitale Paradies währte nicht lang. «Im März begannen die Probleme», sagt Pilotkunde Lukas Meyer, «es kam immer wieder zu Unterbrüchen.» Nachdem er und andere Kunden auf Anfragen bei der Cablecom teilweise wochenlang keine Antwort erhielten, organisierte Meyer den Aufstand und installierte die Homepage «internetminus.ch». Sie gibt bis heute laufend Auskunft über sämtliche Pannen.

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Aufstand der Surfer
Nachdem der Branchenriese jedoch Ende Frühling eine Datenbezugslimite von 250 Megabyte (MB) eingeführt hatte und seither für jedes weitere MB 50 Rappen verlangt, herrscht Eiszeit. Im Juni rief Meyer zum Boykott der Cablecom-Rechnungen auf, und eine Gruppe von Kunden folgte seinem Beispiel.

Obwohl die Störungen inzwischen selten geworden sind, beweist das Pilotprojekt vor allem eines: Den Umgang mit kritischen Surfern hat die Cablecom noch nicht im Griff, zu lange war man mit passiven TV-Zuschauern verwöhnt. «Wir müssen lernen, wie man Internet-Kunden richtig informiert», gesteht Marketingdirektor Roy Simmonds.

Wie gross das Erfahrungsdefizit wirklich ist, zeigt sich erst seit wenigen Wochen. Leo Fischer, dem als Fernziel eine lückenlose Schweizer Datenautobahn via sein Kabelfernsehnetz vorschwebt, hat Ende Juni nun auch landesweit sein Internet-Angebot lanciert. Viel später als ursprünglich vorgesehen erhielten weit über eine Million Haushalte die Kundenzeitschrift «Cable News». Offensichtlich ein Schnellschuss: Die Broschüre ist teilweise ungenau und fehlerhaft. Das beginnt bereits bei den Angaben zur Geschwindigkeit. «Die Datenübertragung über das Kabel-TV-Netz ist nach bisheriger Erfahrung bis zu hundertmal schneller als das analoge Telefonkabel», heisst es da.

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Plötzlich wird’s teuer
In Wirklichkeit gilt dieser Wert jedoch nur für Datensendungen innerhalb des Kabelnetzes. Für Firmenkunden, die umfangreiche Dokumente von Filiale zu Filiale schicken, ist das durchaus ein Gewinn. Privatkunden, die auch internationale Homepages abrufen wollen, bringt das jedoch wenig. Sie müssen dazu das Schweizer Kabelnetz verlassen und sich in Mietleitungen von ausländischen Anbietern einklinken - und dort schrumpft die Übertragungsgeschwindigkeit wie Schnee an der Sonne. Interne Berechnungen der Cablecom zeigen: Bei optimalen Bedingungen - was äusserst selten vorkommt - strömen beispielsweise die Daten aus den USA nur elfmal schneller ins Wohnzimmer. Obwohl dieser Wert immer noch beeindruckend ist, räumt Cablecom-Direktor Simmonds ein: «Die pauschale Nennung des Faktors 100 ist zum heutigen Zeitpunkt unglücklich.»

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Während die Frage nach der tatsächlichen Geschwindigkeit eher in Expertenkreisen für Diskussionen sorgt, leistet sich die Cablecom in ihrem Angebot auch grobe Schnitzer. Ein Hinweis auf die Datenbezugslimite von 250 MB, die bei den Pilotkunden im Mittelland den Aufstand auslöste, fehlt nämlich gänzlich. Die Kunden werden im Glauben gelassen, dass sie pro Monat pauschal 65 Franken für die Benützung und 15 Franken für die Modemmiete zahlen. «Viele Leute werden sich über das Kabel-Internet Musikvideos anschauen, womit man die Limite schnell erreicht. Und dann wird’s teuer», ist Pilotkunde Lukas Meyer überzeugt. Im Klartext: 50 Rappen für jedes zusätzliche Megabyte.

Aber Simmonds muss nicht nur diesen Fehler eingestehen. Die Zürcher Ausgabe der «Cable News» bietet zusätzliche Uberraschungen. Weil das Stadtnetz der Wirtschaftsmetropole noch technisch umgerüstet werden muss, funktioniert die Retourverbindung über das Kabel bis heute nicht. Im Gegensatz zu Bern oder dem Mittelland müssen die Zürcher vorerst ihre Eingaben über die herkömmliche Telefonleitung abschicken, die Homepage wird dann über Kabel geliefert.

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Getrübte Kundenfreuden
Diese wenig kundenfreundliche Zwischenlösung kann zudem frühestens im Herbst geliefert werden, obwohl der Prospekt «ab 3. Quartal» verspricht - also ab dem 1. Juli. Auf diese Widersprüche angesprochen, gibt Cablecom-Chef Fischer auch gleich noch den nächsten Fehler zu: «Der Preis für das Angebot mit der Retourverbindung via Telefonnetz ist falsch angegeben. Es kostet 29 Franken pro Monat und nicht 20 Franken.»

Trotz allen Pannen rechnet Cablecom bald mit «mehreren tausend Kunden». Gut möglich, dass es wieder zu Konflikten im Stil des Pilotprojekts kommt. Simmonds befürchtet jedenfalls schon heute: «Wenn wir im Herbst 5000 Kunden auf einmal anschliessen müssen, können wir das kaum bewältigen.»