1. Home
  2. Pro Juventute: Der fragwürdige Deal mit Skyadvisory

Deal mit SkyadvisoryFragwürdige Praktiken bei Pro Juventute

Das Kinderhilfswerk bricht in die digitale Zukunft auf. Dafür zahlt es viel Geld an eine internationale Beratungsfirma – in der die eigene Stiftungsrätin Partner ist.

Nicht alle Spenden für Pro Juventute kommen den Kindern zugute.

Von Veröffentlicht am 20. Juni 2019

Die Kraft und Energie eines unbeschwerten Kindes ist essenziell für das Wohlergehen unserer Gesellschaft.» Das schreibt Roselien Huisman, seit 2018 Stiftungsrätin von Pro Juventute, auf der Website des Hilfswerks. Sie sei «dankbar», dafür einen Beitrag leisten zu können.

Pro Juventute ist eine der ältesten und bekanntesten Stiftungen der Schweiz. Sie trägt seit 1942 das Zewo-Gütesiegel, das Gewähr für die ordnungsgemässe und transparente Ver­wendung der Spendengelder bieten soll. Rund 200 Mitarbeitende und 7000 Freiwillige kümmern sich um das Wohl der Kinder. Mit Beratung, Ferienangeboten und dem Einstehen für die Rechte der Kinder. 2018 gab die Stiftung dafür 19 Millionen Franken aus, fast 18 Millionen Franken nahm sie ein.

Ein unmoralisches Angebot

In der von der Zewo geforderten Aufschlüsselung der Interessen­bindungen war bei Huisman bis zur Anfrage des Beobachters als Tätigkeit «Stiftungsrätin bei Pro Juventute» angegeben, weiter ihr Verwaltungsratsmandat bei der Schweizerischen Bibliothek für Blinde und bei einer Medienholding.

Nicht erwähnt wurde, dass man das gleiche Foto von Huisman auch auf der Website der ­Firma Skyadvisory findet. Der Besucher wird hier mit der Frage empfangen: «Wie nutzen Sie Ihre digitalen Technologien, um Ihre Wett­bewerbsfähigkeit zu steigern?» Es stehe ein «internationales Team» bereit, darunter – Roselien Huisman, als «Associate Partner».

Die Stiftungsrätin Roselien Huisman bot der Geschäftsleitung an, dass Skyadvisory alle digitalen Bereiche von Pro Juventute – also Website, Datenverwaltung und Ähnliches – überprüfen könne. Das koste normalerweise einen fünf­stelligen Betrag, aber für Pro Juventute könne sie das gratis offerieren.

Diese Überprüfung ergab überraschungsfrei dringenden Handlungsbedarf. Nicht weniger als die Zukunft von Pro Juventute stehe auf dem Spiel, fasste Skyadvisory die Ergebnisse zusammen. Und damit auch die Zukunft von vielen Schweizer Kindern, die auf die Hilfsorganisation angewiesen sind. In einer umfangreichen ­Powerpoint-Präsentation legte die Beratungsfirma dar, wie die Zukunft gerettet werden könne. Als «Ihre Ansprechpartner» wurden Roselien Huisman und Matthias Prell aufgeführt, «Associate Partner» von Skyadvisory.

Unverständliche Fachsprache

Zunächst wurde grosses «Optimierungspotenzial» festgestellt, vor «erheblichen Risiken» für den «künftig nachhaltigen Erfolg» gewarnt. Dem wurden aber «Quick Wins», also schnelle Einsparungen, entgegengestellt, und es wurde Abhilfe versprochen. «Lückenhafte Roadmap der Digitalisierung führt zu mangelnder Priorisierung und Verknüpfung von digitalen Initiativen in der Organisation», warnt Skyadvisory. Wie bei des Kaisers neuen Kleidern traut sich niemand, sich eine Blösse zu geben und nach einer Übersetzung zu fragen. Obwohl «ein eher reaktiver Umgang mit digitalen Disruptionen Algorithmen «Was Kinder heute lernen, wird bald bedeutungslos sein» » schlimme Auswirkungen haben kann.

Mit den Wortblasen werden viele Seiten der Präsentation gefüllt, auch Schwachstellen richtig diagnostiziert, und dann biegen Huisman und Prell auf die Zielgerade ein: Man könne «konservativ gerechnet mindestens 400'000 Franken einsparen», dazu jährlich wiederkehrend «weitere 200'000». Da ist es doch geschenkt, dass die Arbeit von Skyadvisory nur 300'000 Franken kostet.

Was steckt hinter Skyadvisory?

Die Firma wurde 2013 als Aktiengesellschaft in Küsnacht ZH von Carsten Henkel gegründet. Dann eröffnete sie eine «Zweigniederlassung» und zügelte unlängst an die Dufourstrasse in Zürich. Nur: An keiner dieser Adressen ist sie auffindbar, nirgendwo gibt es ein Klingelschild. Eine Telefonnummer gibt es auch nicht. Bei der Vorstellung des weltweit operierenden Teams auf der Website steht zuunterst in mikroskopischer Schrift: «Nicht alle aufgeführten Personen stehen in einem rechtlich abhängigen Arbeitsverhältnis mit Skyadvisory AG.» Im Handels­register sind lediglich Carsten Henkel, ehe­maliger Berater in der Unternehmensberatung Roland Berger, und seine Frau Ilona als Verwaltungsräte und Geschäftsführer eingetragen.

Am Hauptsitz in Küsnacht steht zwar eine Villa mit Pool, jedoch kein Bürogebäude. Verfügt sie denn über die Fähigkeiten, um einen solchen Auftrag zu bewältigen? Weder findet man unter «Kompetenzen» eine entsprechende Referenz noch unter «Publikationen» – hier stammt das letzte Werk aus dem Jahr 2011. Carsten Henkel sagt, konfrontiert mit einem umfangreichen ­Fragenkatalog: «Wir geben weder zu unseren Kunden noch über unsere Mitarbeiter oder über Zulieferer/Partner öffentlich Auskunft.» Ins­besondere hätte interessiert, wieso der in der Präsentation als «Partner» vorgestellte Prell, der jeweils aus Köln eingeflogen wurde, sich als «Freelancer» bezeichnet und bei Skyadvisory unter «Team» fehlt.

«Im Namen der Pro Juventute»

Und was sagt Pro Juventute dazu, dass eine Stiftungsrätin einer Firma, in der sie Partnerin ist, einen solchen Beratungsauftrag zuhält? Ohne dass diese Interessen­verquickung auf der Website von Pro Juventute vermerkt war?

Dem Stiftungsratspräsidenten Josef Felder, seiner designierten Nachfolgerin Barbara Schmid-Federer, Stiftungsrätin Roselien Huisman und Katja Schönenberger, Direktorin der Geschäftsleitung von Pro Juventute, wurde Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Statt dieser Personen antwortet der Leiter Kommunikation und Marketing «im Namen der Pro Juventute». Er räumt ein, dass die fehlende Erwähnung der Tätigkeit von Stiftungsrätin ­Huis­man bei Skyadvisory ein «Fehler» sei. Inzwischen wurde das nachgeführt. Zudem: «Zum Zeitpunkt des Eintritts von Frau Huisman war die Zusammenarbeit weder geplant noch absehbar.»

Pro Juventute bestätigt, dass die Beratungsfirma «bei der Erarbeitung einer Digitalstrategie Als KMU für sich werben «Jede Firma hat etwas zu erzählen» unterstützt» habe. Da die Berater «über lang­jährige Erfahrung in digitaler Transformation im Medien- und NPO-Bereich» verfügen, zudem «bereits pro bono Leistungen für Pro Juventute investiert» hätten, sei auf das Einholen von Konkurrenzofferten verzichtet worden. Ganz all­gemein sei die nötige Expertise intern bei Pro Juventute nicht vorhanden und auch sonst «hoch spezifisch und rar».

Software für Warenhäuser

Zur genauen Höhe des Beratungshonorars will Pro Juventute keine Angaben machen: «Der Investition steht das viel höhere Einsparpotenzial» im digitalen Bereich gegenüber. Von den vorgeschlagenen Einsparungen wurde bislang keine einzige realisiert. Skyadvisory schlägt zum Beispiel vor, das aktuell verwendete Programm Sextant durch Salesforce zu ersetzen. Damit könnten ab sofort und jährlich 50'000 Franken gespart werden.

Nur: Sextant ist eine in der Schweiz entwickelte Software, die speziell auf die Bedürfnisse von Non-Profit-­Organisationen zugeschnitten ist. Sie wird unter anderem von Caritas und Greenpeace Schweiz verwendet. Salesforce hingegen ist ein Kundenverwaltungsprogramm für Grossunternehmen und Warenhausketten. Die Kosten für das Migrieren der Daten, Umschulung, Anpassungen des Programms werden unter den Teppich gekehrt.

Die Stiftungsrätin sei bei dieser Entscheidung in den Ausstand getreten. Pro Juventute ist daher der Auffassung, es gebe hier «keinen Verstoss gegen Corporate Compliance, Ethik und Transparenz», ebenso wenig gegen Vorschriften der Zewo. Auf Anfrage teilt die Zewo mit, dass «relevante Interessenbindungen» von Mitgliedern der Leitungsorgane offenzulegen seien. In dem der Zewo anonymisiert geschilderten Fall sieht die Stiftungsaufsicht diverse mögliche Inte­ressenkonflikte. Beim Vorliegen von genügend Verdachtsgründen kann die Zewo eine Sonderprüfung durchführen, die im «Extremfall zum Entzug des Gütesiegels führt».

Könnte es sein, dass sich eine gutwillige, aber fachlich nicht sonderlich versierte Geschäftsleitung einfach über den Tisch ziehen liess?

Bei einem im Geschäftsbericht ausgewiesenen Gesamtverdienst von rund 920'000 Franken für 480 Stellenprozente in der Geschäftsleitung könnte man Professionalität erwarten. Obwohl diese Entschädigung «nicht fürstlich» sei, ­sondern den Vorgaben der Zewo entspreche. Sagt Pro Juventute. Im Schnitt sind das fast 200'000 Franken, Spesen und Fringe Benefits, Sachleistungen, nicht eingerechnet.

«Jeden Freitag direkt in Ihre Mailbox»

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Jeden Freitag direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter

Veröffentlicht am 21. Juni 2019

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

1 Kommentar

Sortieren nach:
PeterSteiner

ich hoffe doch, dass Sie den Unterschied zwischen salesforce.com und salesforce.org kennen! Sonst verstehe ich solch einen Kommentar nicht: "Salesforce hingegen ist ein Kundenverwaltungsprogramm für Grossunternehmen und Warenhausketten. Die Kosten für das Migrieren der Daten, Umschulung, Anpassungen des Programms werden unter den Teppich gekehrt."

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.