Die vom Hof Maiberg hatten immer schon den Berg im Nacken. Alfred, ein Suter der fünften Generation, hat dazu auch noch den Ärger mit den Behörden am Hals. Seit vor zehn Jahren die Lastwagen im Dutzend Bauschutt auf eine kleine Deponie am Waldrand in Hemmiken BL kippten, drückt der Nordhang des Wischbergs. Keine 100 Meter hangabwärts liegt Suters Hof. Dieser neigt sich seither schleichend talwärts. Die Mauern bekommen Risse. Und nach Regentagen stehen die Kühe im Stall im Wasser, weil es durch das Fundament drückt.

Wie stark die Kräfte im Hang wirken, zeigt sich am hydraulischen Greifer, der an der Decke des Silos auf Schienen fährt: Er ist dermassen aus dem Lot geraten, dass er im Leerlauf talwärts saust.

Der schleichende Zerfall des «Maibergs» macht Alfred Suter arg zu schaffen, war der Hof doch einst sein ganzer Stolz. Kaum 20-jährig, baut er Anfang der achtziger Jahre einen der ersten Laufställe der Region, sicher den grössten für über 200 Stück Vieh. In jener Zeit muss Suter mit fünf Stunden Schlaf auskommen: Um vier Uhr in der Früh steht er auf. Tagsüber krampft er doppelt – als Arbeiter auf seiner Baustelle, als Bauer auf seinem Hof.

Im Dorf gab es schon früher Neider

Zur Einweihung des modernsten Laufstalls der Nordwestschweiz reist der für Landwirtschaft zuständige Regierungsrat eigens aus Liestal ins Oberbaselbiet. Er spricht von der Zukunft der Landwirtschaft, die sich hier beispielhaft zeige. Nicht alle aus dem 300-Seelen-Dörfchen gönnen dem Jungen vom «Maiberg» den Erfolg. Doch Suter lässt sich nicht unterkriegen. Solange er sich erinnern kann, wollte er Bauer werden, auf dem heimischen Hof. Davon hält ihn keiner ab.

Die Leute vom kantonalen landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain sind beeindruckt vom jungen, innovativen Bauern, dem Pionier. Als einer der Ersten in der Schweiz kauft er sich später einen Melkroboter. Er verschafft sich Respekt – sein Wort bekommt Gewicht. Als die Bauern der Region unschlüssig sind, ob sie sich einem Milchstreik anschliessen sollen, stellen alle dem Chauffeur des Milchtransporters dieselbe Frage: «Was macht der Suter?»

Das Unheil beginnt im Jahr 2000. Mitten auf dem Weidland auf Suters Boden ist eine Stelle plötzlich dermassen aufgeweicht, dass mit dem Traktor kein Durchkommen mehr ist. Nach einem verregneten Frühling geht ein erster Schlipf nieder, ein kleiner Erdrutsch. Suter meldet sich bei der Gemeinde, sagt, es müsse wohl mit der Deponie oberhalb seines Hofs etwas nicht stimmen. Später erklärt ihm ein Geologe, die völlig überfüllte Deponie habe die Wasserströme tief im Hang komplett verändert. Die Folgen sind verheerend, denn der «Maiberg» steht auf Opalinuston. Ein Gestein, das sich wie ein Schwamm mit Wasser vollsaugt und sich dann wie zähfliessender Honig talwärts bewegt. Fachleute messen Verschiebungen von mehr als zehn Zentimetern pro Jahr – für geologische Verhältnisse ist das massiv.

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Dem Lebenswerk droht die Vernichtung

Der Berg verliert seinen Halt, und Bauer Suter sieht sein Lebenswerk langsam Richtung Bach rutschen. Er schlägt Alarm. Ihm bleibt schliesslich nichts anderes übrig, als den Rechtsweg einzuschlagen, denn weder die Gemeinde als Betreiberin noch der Kanton als Aufsichtsbehörde wollen ihm glauben.

Weshalb, wird sieben Jahre später vor dem Verwaltungsgericht klar: Beim Augenschein auf der Deponie Wischberg stolpern die Richter über illegal entsorgte Wasserleitungen und Teile von Velos. Zugelassen war die ehemalige Mergelgrube aber nur für die Entsorgung von sauberem Bauschutt. Die Aufsicht darüber hatte das kantonale Amt für Umweltschutz und Energie. Dieses kontrollierte zwar alle paar Jahre und forderte die Gemeinde auch jeweils auf, illegal entsorgtes Material wie Sperrgut, Styropor oder Altholz zu entfernen, doch damit liess es das Amt bewenden. Eine Alibiübung, denn ob die Gemeinde die Anweisung befolgte, prüfte der Kanton «mangels personeller Ressourcen» nie.

Prompt rügt das Kantonsgericht in einem Entscheid im Jahr 2007 Gemeinde und Kanton: Das Gericht hebt die nachträgliche Baubewilligung des Bauinspektorats auf, weil sich diese auf «unzureichende Sachverhaltsabklärungen» abstütze. Im Klartext: Fundierte Untersuchungen darüber, ob der Hang wegen der überfüllten Deponie nicht mehr stabil sei, wurden nie gemacht. Das Gericht urteilt, die Gemeinde müsse entweder beweisen können, dass die Deponie nicht überfüllt und nur zulässiger Aushub gelagert worden sei – doch das ist faktisch unmöglich. Oder dann müsse die Gemeinde eine Deponiebewilligung beantragen. In diesem Fall müssten automatisch umfangreiche Abklärungen folgen, und die Betreiber müssten den Nachweis erbringen, dass die Deponie sauber und stabil ist.

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Alfred Suter siegt auf der ganzen Linie, selbst die Kosten seines Anwalts müssen Kanton und Gemeinde voll übernehmen. Doch auch bald drei Jahre nach dem Urteil, das eigentlich keinen Spielraum offenlässt, wartet Bauer Suter nach wie vor darauf, dass die Behörden dem Urteilsspruch nachkommen. Diese foutieren sich um den Gerichtsentscheid: Baudirektor Jörg Krähenbühl schreibt Suter gar, ein Bewilligungsverfahren für die Deponie sei nicht opportun «angesichts der geringen Grösse der Ablagerungen». Stattdessen flattern dem Bauern jetzt von verschiedenen Ämtern Verfügungen ins Haus: einmal, weil aus dem rissigen Silo Flüssigkeit ausgetreten ist und einen Bach verschmutzt haben soll. Ein anderes Mal, weil seine Güllegrube im Winter überzulaufen droht, weil jetzt auch dort Hangwasser hineinfliesst.

Trotzdem gibt Suter die Hoffnung nicht auf, dass am Ende die Gerechtigkeit siegen wird. «Tatsachen werden all die haltlosen Behauptungen überdauern», ist er überzeugt. Doch nachts kann er manchmal nicht schlafen, weil er wieder über etwas grübelt. Er, der es gewohnt ist, mit seinen Händen zu arbeiten, beginnt sich mit philosophischen Fragen über Recht und Gerechtigkeit zu beschäftigen. Er liest Bücher darüber, wie die Verwaltung in einer Monarchie funktioniert, nur um zu verstehen, weshalb sich die Behörden bei ihm derart querstellen. «Die wissen doch gar nicht, was sie angerichtet haben», sagt er.

Frust nach dem Besuch vom Regierungsrat

Ein paar Monate nach dem wegweisenden Urteil des Kantonsgerichts von 2007 steht eines Tages plötzlich der amtierende Regierungsrat und Baudirektor Jörg Krähenbühl vor seiner Tür. Er wolle sich selbst ein Bild machen, habe er gesagt. Suter freut sich darüber, er fährt den Politiker zur Deponie, zeigt, erklärt, fühlt sich endlich verstanden. Der Politiker scheint sich um eine faire Lösung zu bemühen. Man wird sich einig, dass die Deponie endlich ans Drainagesystem im Hang angeschlossen werden soll.

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Ein paar Wochen später wird Suter zur Besprechung in ein Büro nach Liestal eingeladen – und jetzt soll er als Gegenleistung plötzlich auf all seine Haftungsansprüche verzichten: ein Kuhhandel statt einer einvernehmlichen Lösung. Suter fühlt sich betrogen und wird laut, statt geredet wird bald nur noch geschrien.

Die Fragen des Beobachters lässt Regierungsrat Krähenbühl unbeantwortet – mit der Begründung, es handle sich um ein laufendes Verfahren. Im Parlament sagte er in der Fragestunde aber dann doch, dass der Kanton nicht glaube, dass die Ablagerungen in der Grube Ursachen für die Schäden an Suters Hof seien.

Alfred Suters Kampf hinterlässt auch vor Ort Spuren. Zum Dorffest wird er nicht mehr eingeladen. In der Milch vom Hof finden sich Spuren eines Antibiotikums, das er selbst nie benutzt habe. Ein Mitglied einer kommunalen Behörde sei bei ihm vorgefahren und habe ihm gedroht, er würde ihn «hinmachen». Zeugen gibt es keine.

Jetzt befasst sich die Petitionskommission des Baselbieter Landrats mit der Hemmiker Deponie und dem «Maiberg». Die Vertreter des kantonalen Parlaments haben die Oberaufsicht über die Exekutive und die Verwaltung. Alfred Suter hofft, dass er nun endlich ernst genommen wird, nach zehn Jahren von den Behörden eine Antwort auf seine drei einfachen Fragen erhält: Was genau wurde auf der Deponie abgelagert? Wie viel? Und bekommt er eine Garantie, dass der Hang stabil bleibt?

Doch was macht Alfred Suter, wenn die Parlamentskommission sich nicht trauen sollte, Regierung und Verwaltung zu kritisieren? Seine Augen blitzen auf: «Dann muss ich halt weiterkämpfen.»