Beobachter: Jacques Dousse, Mitte Februar beginnen rund 10'000 Rekruten ihre Ausbildung. Wie viele werden die RS nicht beenden?

Jacques Dousse: Vor einem Jahr wurden 19,7 Prozent vorzeitig entlassen. Wir rechnen damit, dass erneut jeder fünfte Rekrut die Grundausbildung nicht beenden wird.

Beobachter: Vor sieben Jahren lag die Ausfallquote noch unter 15 Prozent. Ist die RS zu hart, oder sind die Rekruten zu weich?

Dousse: Weder noch. Aber viele Junge haben wenig Erfahrung mit dem Leben in einer Gemeinschaft. Die Umgebung ist rauer als in der Familie. Viele werden in der RS auch zum ersten Mal mit Gehorsam und Disziplin konfrontiert – Begriffe, die im Militär für die Sicherheit unabdingbar sind. Hinzu kommen körperliche Probleme.

Beobachter: Was meinen Sie damit?

Dousse: Aus diversen Gründen verschieben viele ihre Rekrutenschule – wegen des Berufs, des Studiums oder eines Auslandaufenthalts. Oft ist dann der körperliche Zustand nicht mehr so gut wie bei der Aushebung. Andere können die RS nicht beenden, weil Verletzungen nach einem Sport- oder Verkehrsunfall nicht schnell genug ausheilen.

Beobachter: Sechserzimmer und Blasen in Militärschuhen sind für viele ein Stress. Was heisst das für die Ausbildung?

Dousse: Es braucht eine längere Anpassungszeit. Viele Rekruten haben Mühe, sich von ihrem Zimmer zu Hause zu trennen – einem Bereich, den sie für sich allein beanspruchen können. Auch die Probleme der «Turnschuhgeneration» sind uns bekannt. Unsere Ausbildner müssen solchen Faktoren Rechnung tragen – mit einem strukturierten Programm.

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Beobachter: Viele 18- bis 20-Jährige sind für die Armee, aber mitmachen wollen sie nicht. Ist das Milizsystem in Gefahr?

Dousse: Ich glaube an die Milizarmee, sie ist in unserem Volk verankert. Und sie hat den Vorteil, dass die Jungen ihre Fähigkeiten aus dem zivilen Leben in die Armee einbringen können. Damit haben wir ein viel höheres Potenzial als eine Berufsarmee.

Beobachter: Seit mehr als zehn Jahren ist kein Feind mehr in Sicht. Wofür trainiert heute ein Rekrut?

Dousse: Ganz einfach. Um jene Aufgaben zu erfüllen, die die Behörden und das Volk der Armee übertragen haben: helfen, retten und schützen. Friedensförderung und Existenzsicherung haben heute klar Priorität. Denken Sie an die Katastrophenhilfe – etwa bei Lawinenunglücken und Überschwemmungen. Oder an die Unterstützung bei Polizeieinsätzen.

Beobachter: Und ein Krieg?

Dousse: Die militärische Bedrohung ist glücklicherweise nicht vordringlich. Dennoch müssen das Wissen und das Können auf einem hohen Niveau bleiben. Sonst ist ein Wiederaufbau in einem Krisenfall nicht möglich.