Peter C. Meyer ist Direktor des Departements Gesundheit an der Zürcher Hochschule für ­angewandte Wissenschaften.

Quelle: private Aufnahme

Beobachter: Sie halten zurzeit eine Vorlesung über Medikalisierung. Was bedeutet das?
Peter C. Meyer: Medikalisierung wird als Prozess definiert, in dem ein nichtmedizinisches Problem als medizinisches umgedeutet und behandelt wird: als Krankheit, Störung, Risiko.

Beobachter: Haben Sie ein Beispiel?
Meyer: Sehr viele. Körperliche Übergangsphasen bei Frauen etwa werden immer häufiger als medizinisches Prob­lem festgelegt, seien das Wechseljahre, Pubertät oder Schwangerschaft. Die De­finition der Risikogeburt wird immer enger gefasst, was eine Zunahme an Kaiserschnitten zur Folge hat. Weitere Beispie­le sind leichte psychische Störungen: Aus Schüchternheit wird plötz­lich soziale Phobie, leichte, normale depressive Reaktio­nen werden als Depressionen diagnostiziert und medikamentös behandelt.

Beobachter: Wer treibt denn dieses System an?
Meyer: Historisch waren es vor allem die ­Mediziner und ihre zunehmende Definitionsmacht gegenüber anderen gesellschaftlichen Systemen wie Kirche und Religion. Da gibt es durchaus Aspekte, wo ich die Medikali­sierung als Humanisierung bezeichnen würde. Dass Schizophrene nicht mehr ins Gefängnis müssen, ist ein Fortschritt. In den letzten 20, 30 Jahren haben klar andere Akteure an Gewicht gewonnen, am meisten die Pharmahersteller. Und weiter spielen betroffene Patienten eine Rolle, die um Anerkennung und Leistungsübernahme bestimmter Leiden kämpfen. In der Medizin hat die Konsumhaltung zugenommen. Man spricht auch vom «doctor shopping»: Patienten gehen von Arzt zu Arzt.

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Beobachter: Haben wir in der Schweiz eine Überversorgung?
Meyer: Zum Teil ja, zum Teil nein, es gibt nach wie vor grosse Unterschiede. Bei Depressionen gibt es zweifellos überversorgte Gruppen, aber auch andere, die schwerste Depres­sionen haben und nicht behandelt werden. Das ist regional bestimmt, zum Teil auch schichtspezifisch. Besser Gebildete sind grundsätzlich besser versorgt. Bei Eingriffen sind sie kritischer, während Angehö­rige der Unterschicht eine sinnlose Behandlung eher akzeptieren. Anderseits gilt: Je höher die Prämie, desto mehr Leistungen werden bezogen. Daher gibt es Über­kon­sum zum Teil auch bei der Unterschicht.

Beobachter: Wie stoppt man diesen Trend?
Meyer: Es gibt verschiedene Ansätze. ­Einer ist Managed Care, ein Modell, das von HMOs (Gruppen-Arztpraxen) und Hausarztnetzen angeboten wird. Hier wird der Arzt nicht nach Zahl und Art der selbst­verordneten Leistungen bezahlt, sondern er bekommt einen fixen Betrag für die Gesundheitsversorgung eines einzelnen Pa­tienten. Es bestehen keine wirtschaftlichen Anreize, etwas Unnötiges zu verordnen. Ein weiterer Bereich ist die ­evidenzbasierte Medizin: Bei jeder Behandlung muss die Wirksamkeit empirisch-wissenschaftlich bewiesen sein.

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Beobachter: Was kann der Einzelne tun?
Meyer: Man kann seine Gesundheitskompetenz erhöhen, sich selber informieren, vor jeder längeren Behandlung und jedem schwere­ren Eingriff eine Zweit- und Drittmeinung einholen. Und dann muss der Einzelne die Kraft haben, selbst Ent­schei­dun­gen zu treffen – oder jemandem die Vollmacht ­geben, an seiner Stelle zu entscheiden.