«Es ist journalistisch korrekt, dass der Beobachter die Wahrheit um den J-Stempel aufarbeitet», sagt FDP-Präsident Franz Steinegger. An der Beurteilung der Schweizer Flüchtlingspolitik ändere dies jedoch wenig. Hingegen zeige sich, «dass die Schweizer Behörden 1938 nicht die finsteren Gesellen waren, als die sie zum Teil hingestellt wurden.»

Für SP-Präsidentin Ursula Koch ist die Frage, wer die Idee zum J-Stempel hatte, «irrelevant». Unser Land sei damals nicht unter Druck gestanden, dieser Massnahme zustimmen zu müssen. «Dass die Schweiz trotzdem einen völkerrechtlichen Vertrag mit rassistischem Inhalt unterzeichnet hat, ist ihre grosse Schuld.» Bundesrat Kaspar Villiger sieht «nicht den geringsten Grund», an seiner Rede vom 7. Mai 1995 etwas zu ändern. Er habe seine Formulierung auf den Ludwig-Bericht abgestützt - und nicht auf den Beobachter. Trotzdem gibt er sich überzeugt, dass neue Erkenntnisse laufend das historische Wissen erweitern: «Das ist gut so, denn die Geschichte lebt.»

Peter Rippmann, früherer Beobachter-Chefredaktor und Verfasser der damaligen Rothmund-Artikel, stimmt der neuen Einschätzung nicht zu. Zutreffend bringt er aber die Fragestellung auf den Punkt: «Hat die Schweiz berechtigte Abwehrmassnahmen gegen den Flüchtlingsstrom erörtert und betrieben - oder hat sie tatsächlich die rassistische Passkennzeichnung erstmals formuliert und gegenüber den Deutschen vorgeschlagen? Urs Rauber sagt, sie habe nicht, und beruft sich auf den Ludwig-Bericht. Ich sage, sie habe, und beziehe mich auf dieselbe Quelle.»

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Geteilt sind auch die Historikermeinungen. Georg Kreis räumt ein, dass die Vorwürfe an Rothmund zu Recht «etwas relativiert» werden. Aber er unterstellt «neunmalklugen Revisionisten» und «pseudopräzisen Differenzierern», sie wollten «gleich auch die Schweiz insgesamt entlasten». Jacques Picard, wie Kreis Mitglied der Bergier-Kommission, begrüsst die Diskussion des Beobachters, ohne darin einen Entlastungsakt für die Schweiz zu vermuten: «Der J-Stempel ist keine schweizerisch-deutsche Angelegenheit, sondern ein Problem, das nur im internationalen Kontext - Stichwort: Flüchtlingskonferenz von Evian - verstanden werden kann.»