Beobachter: Nach dem Beschneidungsstopp im Kinderspital Zürich wurden Newsportale mit bis zu 500 Kommentaren pro Artikel bombardiert. Wie erklären Sie sich die Aufregung?
Farida Stickel: Die verblüffende Flut von Kommentaren gründet wohl darin, dass sich sofort drei Lager bildeten. Erstens die Religionskritiker, zweitens die Kinds­wohlvertreter, die drittens auf zahlreiche Befürworter von Beschneidungen treffen. Alle wollen sich Gehör verschaffen und ­liefern sich daher eine so heftige Debatte.

Beobachter: Auffällig ist, wie häufig mit dem Schlagwort Kindswohl argumentiert wird.
Stickel: Ja. Wenn man bedenkt, dass Themen wie sexueller Missbrauch, Gewalt oder Vernachlässigung weitaus mehr mit Kindswohl zu tun haben, ist der Aufstand um die Beschneidung von Buben eher fragwürdig.

Beobachter: Dem Grossteil der Kritiker geht es also nicht um das Wohl der Buben?
Stickel: Nein, ich denke nicht. Viele argumentieren vordergründig mit dem Kindswohl, verstricken sich dann aber in Argumentationen, die zeigen, dass es ihnen in Wahrheit nur darum geht, fremde Religionen oder Religionen an sich zu kritisieren. Ein Beispiel ist die Forderung nach der Religionsfreiheit der Kinder. Die Beschneidung ist im Judentum gleichbedeutend mit der Aufnahme in die religiöse Gemeinschaft. Über die christliche Taufe, die einen vergleichbaren Zweck verfolgt, sprechen die Kritiker nicht.

Beobachter: Sie setzen Beschneidung mit der Taufe gleich?
Stickel: Wenn man die Funktion des Ritus konsequent zu Ende denkt, ja. Wer kritisiert, dass Kindern durch ein Ritual ein Glaube aufgezwungen wird, müsste auch andere Rituale mit demselben Zweck in Frage stellen. ­Religionstraditionen praktizieren mit Riten wie der Beschneidung eine Disziplinierung der Körper, die mit den modernen Vorstellungen von Individualismus und Indivi­dualrechten schwer vereinbar ist.

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Beobachter: Wasser auf die Stirn zu träufeln hat im Gegensatz zur Beschneidung allerdings ­keine dauerhaften Folgen.
Stickel: Natürlich nicht. Aber genau hier ist der Punkt: Argumente werden vermischt. Geht es um die Religionsfreiheit, muss man auch über die Taufe sprechen dürfen. Geht es um die Unversehrtheit des Kindes, ist die Kritik an der Beschneidung legitim. Es ist nicht so, dass ich die Gegner nicht verstehe. Im Gegenteil: In einem Land, in dem der Staat und nicht die Religion für die Rechtsprechung verantwortlich ist, ist die Beschneidung, isoliert betrachtet, tatsächlich nicht leicht zu rechtfertigen.

Beobachter: Deshalb fordern viele Leute ein Verbot.
Stickel: Viele Kritiker denken ihre Aussagen nicht zu Ende. Sie wollen das Ritual verbieten, würden es damit aber in die Illegalität verbannen. Gerade dadurch könnten die Buben tatsächlich in Gefahr geraten, weil die medizinische Aufsicht nicht mehr gewährleistet wäre. Auch die Nachbehandlung durch einen Arzt, sollte es zu Komplikationen kommen, wäre eine Hürde, weil die Eltern eine Strafe fürchten müssten. Den Kindern wäre damit sicher nicht gedient.

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Beobachter: Anfang Juli ist in der Schweiz ein Gesetz in Kraft getreten, das Genitalverstümmelung bei Frauen verbietet. Bubenbeschneidung wurde dabei nicht mit eingeschlossen. Wieso wurde das Thema nicht schon damals aufgegriffen?
Stickel: Diese Frage stellt sich. Warum haben diese Verfechter von Kindsrechten nicht schon bei Vernehmlassung des Gesetzes rea­giert und gefragt, was mit den Buben ist? Das erhärtet meinen Verdacht, dass es vielen um die Religion und nicht um die Kinder geht.

Beobachter: Richtet sich die Kritik gegen Religion im Allgemeinen oder gegen Judentum und Islam?
Stickel: Die Einstellung zu Religion hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert. Heute werden Themen angesprochen und kritisch beurteilt, die früher niemand in Frage gestellt hätte. Diese Entwicklung ist an sich nichts Schlechtes. Die Gefahr besteht jedoch, dass legitime oder gar notwendige Religionskritik in eine problematische Religionsfeindlichkeit umschlägt. In Deutschland hat die Diskussion, vor allem punkto Islam, diese Grenze in einigen Bereichen bereits überschritten, denke ich.

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Beobachter: Der Präsident der Konferenz Europäischer ­Rabbiner stufte das Kölner Beschneidungsurteil vom Mai als schwersten Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust ein. Hat er recht?
Stickel: Deutschland hat bei der Debatte natürlich eine Sonderstellung. Es war zu erwarten, dass es nicht lange dauert, bis der Vorwurf des Antisemitismus ins Spiel kommt. In der Schweiz gehen alle etwas besonnener mit dem Thema um. Die Medien haben sofort Meinungen der Religionsvertreter eingeholt. Ganz anders als in Deutschland, wo die Befürworter kaum zu Wort kommen.

Beobachter: Wie bringt man Religionsfreiheit, Elternrecht und das Wohl des Kindes unter einen Hut?
Stickel: Schweden hat die Sache in meinen Augen gut gelöst. Dort sind Beschneidungen nur unter strengen Auflagen und medizinischer Kontrolle gestattet.

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Beobachter: Ist eine solche Praxis in der Schweiz denkbar?
Stickel: Den Religionsgemeinschaften liegt das Wohl ihrer Kinder selbstverständlich am Herzen, weshalb besonders die jüdische die Beschneidung mit viel Expertise ausübt. Das scheinen viele zu vergessen. Ich glaube deshalb nicht, dass sich die betroffenen Religionsgemeinschaften grundsätzlich gegen eine ärztliche Aufsicht wehren würden. Wichtiger wäre es, in einem ersten Schritt die Einschätzung verschiedener Ärzte zu analysieren. Sind sie der Meinung, dass aus medizinischer Sicht keine Richt­linien nötig sind, sehe ich keinen Grund, warum sich der Staat einmischen sollte.

Beobachter: Werden die Stimmen verstummen, die aktuell ein Verbot fordern?
Stickel: Wohl nicht. Doch all jene, die laut «Verbot» schreien, dürfen nicht vergessen: Die Beschneidung existiert. Es hat sie immer gegeben, sie wird auch in Zukunft durch­geführt werden. Daran ändert ein Verbot nichts. Wir müssen daher eine Lösung suchen, die für alle Beteiligten tragbar ist und tatsächlich dem Wohl der Kinder dient.

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Die Empörungswelle

Das Kinderspital Zürich hat ein Operationsmoratorium für nicht medizinisch begründete Beschneidungen verhängt, wie der Beobachter vor zwei Wochen online vermeldet hat (siehe Artikel zum Thema «Kinderspital Zürich stoppt Beschneidung»). Die Meldung wurde innert Stunden landesweit aufgegriffen und sorgte bei Lesern für einen Sturm der Empörung.

Vertreter von Juden und Muslimen halten das Moratorium für überstürzt und unüberlegt. Dann schaltete sich auch der Zürcher Strafrechtsprofessor Martin Killias ein: Die Beschneidung von Knaben stelle eine Körperverletzung dar, die eigentlich von Amts wegen verfolgt werden müsste. Anders interpretiert Günter Stratenwerth das Gesetz. Der emeritierte Basler Rechtsprofessor sieht den Tatbestand nicht erfüllt: «Gemeint sind aggressive Akte gegen Kinder, unter Ausnutzung ihrer Wehrlosigkeit.»

Auslöser für die ganze Debatte war ein Kölner Urteil zur religiös motivierten Beschneidung eines vierjährigen Jungen. Das Landgericht sprach am 7. Mai 2012 den Arzt zwar frei, wertete den Eingriff aber als «einfache Körperverletzung». Es gewichtete das Recht des Kindes auf Unversehrtheit in diesem Fall stärker als das Erziehungsrecht der Eltern und deren Grundrecht auf Religionsfreiheit.