Ob bei der Familienwanderung auf den Pilatus mit der «Schweizer Illustrierten» oder als Trachtenfrau im Bundesparlament: Yvette Estermann sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig hat die 47-Jährige nun eine Autobiographie verfasst. «Erfrischend anders» heisst das Werk. Laut Klappentext äussert sich die Luzerner SVP-Nationalrätin darin «ungeschminkt» über den «Zusammenhang von Politik, Geld und Macht, wie er sich z.B. im Lobbyismus in Bern ausdrückt».

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Das kommt einem bekannt vor

Gerade das Kapitel über den «unsäglichen Lobbyismus im Bundeshaus» ist jedoch nicht erfrischend anders, sondern zu guten Teilen abgeschrieben. Die Nationalrätin erwähnt zwar am Schluss des Kapitels, «Zahlen und Daten» stützten sich hauptsächlich auf den Beobachter-Beitrag «Der Befangenenchor» vom Oktober 2012. Und wer den Artikel liest, dem kommen ganze Abschnitte bekannt vor: Estermann hat für ihr Buch mindestens sechs Textstellen – mit minimen Änderungen – kurzerhand übernommen.

So heisst es etwa im Beobachter: «Einmal im Bundeshaus, immer im Bundeshaus – nach diesem Motto haben ehemalige Ratsmitglieder Anrecht auf einen Zutrittsausweis.» Bei Yvette Estermann klingt das so: «Dazu kommen die ehemaligen Parlamentarier, denn es gilt: einmal im Bundeshaus, immer im Bundeshaus.»

Den Vorwurf des Plagiats weist die SVP-Politikerin zurück: «Meiner Meinung nach ist eine Veröffentlichung mit genauer Quellenangabe erlaubt.»

Ohnehin gibt sich die umtriebige Luzernerin unabhängiger, als sie tatsächlich ist. «Von Anfang an war ich im Parlament eine der ganz wenigen National- und Ständeräte ohne Mandat und ohne bezahlte Interessenbindung», schreibt sie in der Biographie. Ein Blick ins Register der Interessenbindungen zeigt jedoch: Mit dem Präsidium der Yvette-Estermann-Stiftung und der Geschäftsführung der Gruppe «Neue Heimat Schweiz» hält auch die vermeintlich Unabhängige zwei Mandate.

Offene Tür zur Wandelhalle

Estermann kritisiert im Buch auch die Praxis ihrer Ratskollegen: Jedes Mitglied des Parlaments kann zwei Gästeausweise vergeben und auf diese Weise vor allem Lobbyisten den Zugang zur Wandelhalle ermöglichen. Unerwähnt bleibt, dass auch sie selber zwei Ausweise ausgehändigt hat: an ihren Ehemann Richard Estermann, der eine Consulting-Firma betreibt (Beobachter Nr. 18/2013), und an Peter With, den Präsidenten der SVP der Stadt Luzern. Beide deklariert sie unverdächtig als «Gast».