Über 100 Kilo beträgt die Aufprallkraft mancher Drehtüren - dies zeigte eine Stichprobe, die der Beobachter Ende März veröffentlichte (siehe Artikel zum Thema «Drehtüren: Betreten auf eigene Gefahr»): Von 27 geprüften Drehtüren fielen im Sicherheitstest 24 durch. Die Hersteller verharmlosten das Resultat: Tausende Personen hätten die Türen benutzt, ohne dass jemand verletzt worden sei.

Doch jetzt zeigt eine neue Recherche des Beobachters: Jährlich verunfallen in Drehtüren Hunderte, überwiegend ältere Menschen. Etwa die 87-jährige Alice Frehner. Die Rentnerin wollte am 19. April in der Migros-Filiale Uznach ZH Blumen kaufen. Die Drehtüre stiess sie um, Frehner brach sich den Oberschenkelhals. «Zuvor war ich selbstständig - jetzt ist fraglich, ob ich noch allein gehen kann», sagt sie. Alice Frehner liegt noch heute im Spital.

Das Ausmass der Unfälle bestätigt Markus Berther, Geschäftsführer der Schaden Service Schweiz AG (SSS), die für grosse Krankenkassen bei Haftpflichtversicherungen Geld eintreibt. Allein für die Marktführer Helsana und CSS behandelt die SSS laut Berther «im Schnitt pro Woche zwei Drehtürenfälle». Das macht rund 100 Verletzte pro Jahr. Dazu kommen Dossiers von anderen Kassen, die über die Firma laufen. «Insgesamt», so Berther, «behandeln wir jährlich mindestens 200 Fälle, bei denen Menschen von Drehtüren teils schwer verletzt worden sind.»

Da Berthers Unternehmen nur die Hälfte der Krankenkassen betreut, dürften nochmals mindestens 100 Fälle hinzukommen - macht 300 Drehtürenunfälle pro Jahr. Die Behörden verschlafen die alarmierende Situation. Zuständig für die Sicherheit und den Vollzug der Gesetze wäre die Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Diese sagt, sie wisse einzig von «einem Fall in der Westschweiz».

Unfälle kosten Millionen
Dabei verletzen Drehtüren fast täglich irgendwo jemanden. Beispiel: Migros Witikon ZH. Dort wurden allein seit Anfang Jahr zwei Menschen aufs Trottoir geschleudert und mussten ins Spital. Seit 2001 wurden sogar sechs Personen in dieser Drehtüre verletzt, räumt die Migros-Genossenschaft Zürich ein. Manche Unfälle enden gar tödlich: Im Juni 2005 stiess die Drehtüre der Migros in Solothurn einen 88-Jährigen um - er starb im Spital an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs.

Jahr für Jahr gehen die Kosten solcher Unfälle für Operationen, Spitalaufenthalte und Rehabilitation in die Millionen. Ein Oberschenkelhalsbruch, die häufigste Fraktur bei alten Menschen, schlägt laut Krankenkassen-Dachverband Santésuisse mit durchschnittlich 20’000 Franken zu Buche. Sind Drehtürenunfälle jährlich nur schon für 100 solcher Brüche verantwortlich, verursachen sie Kosten von zwei Millionen Franken.

Für Betagte kann ein Bruch geradewegs in die Invalidität führen. Wie bei Verena Böhlen, die im vergangenen Dezember in der Drehtüre der Basler Coop-Filiale Spalen verunfallte. Der Stoss brach der 89-Jährigen den zweiten Lendenwirbel, acht Wochen Spital folgten. Böhlen, zuvor rüstig, muss heute mit einem Stützwagen einkaufen gehen. «Der Unfall hat mich fünf Jahre meines Lebens gekostet», sagt sie.

Dabei wären Drehtüren mit einfachen Mitteln sicherer zu machen: etwa mit Lichtschranken, wie sie in der Beobachter-Stichprobe beim Basler Hotel Ramada Plaza und bei der Ikea Pratteln BL positiv auffielen. Diese Sensoren stoppen die Tür, bevor es zu einer Berührung kommt.

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