Dass Anna Witkowska heute den Nachnamen Graber trägt und in Pruntrut JU wohnt, ist Folge eines tragischen Kriegsschicksals. Begonnen hatte alles 1942, an einem Frühsommertag in der Ukraine. Die damals 17-Jährige sass mit ihren Klassenkameraden im Schulzimmer und warf sehnsüchtige Blicke hinaus ins Grüne. Doch von einem Augenblick auf den andern machten sich Angst und Schrecken breit: Deutsche Soldaten drangen ins Schulhaus ein und verschleppten die ganze Klasse.

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Anna wurde mit Dutzenden von Gefangenen in einen Viehwaggon verfrachtet und landete, zwei Wochen später, auf einem Bauernbetrieb im deutschen Büsingen, in der Nähe von Schaffhausen. Dort arbeitete sie zwei Jahre lang. Bis vier junge Russen, die ebenfalls auf dem Hof Zwangsarbeit verrichteten, in die Schweiz flohen. Anna wurde der Konspiration verdächtigt, geschlagen und schliesslich von der SS verschleppt.

Leben in Angst und Schrecken
Die junge Frau landete als «Arbeitssklavin» in einer deutschen Waffenfabrik, wo sie bis Kriegsende unter schlimmsten Entbehrungen und Erniedrigungen schuften musste. Sie wurde geschlagen, wenn sie ihr Soll nicht erfüllte. Immerhin entlöhnte sie die Firma mit Coupons, für die sie im betriebseigenen Laden etwas Fleisch kaufen konnte.

Einige Wochen verbrachte Anna auch in der deutschen Filiale der Schweizer Firma Maggi. Sie war im Lager «Gütterli» untergebracht, wo sie mit vier Leidensgenossinnen in einem kleinen Zimmer hausen musste. Duschgelegenheiten gab es keine. Das Essen bestand manchmal nur aus gekochten Kartoffelschalen.

Der Alltag spielte sich zwischen Lager und Produktion ab. Freizeit gab es keine, auch keinen Verdienst. Jeder Kontakt mit Einheimischen wurde strengstens bestraft. Auch das Verlassen des Lagers war verboten. Wer zu fliehen versuchte, musste mit der Hinrichtung rechnen.

Prominente Schweizer Konzerne
Die Liste der Schweizer Firmen, die während des Zweiten Weltkriegs in deutschen Filialen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigten, ist lang und enthält prominente Namen: Georg Fischer, Alusuisse-Lonza, die heute zum Nestle-Konzern gehörende Firma Maggi, BBC (heute ABB), Schiesser, Sulzer, Escher Wyss, Ciba-Geigy, Hoffmann-La Roche und Sandoz.

Die Historikerin Sophie Pavillon konnte nachweisen, dass Deutschland vor und während des Kriegs der wichtigste Handelspartner der Schweiz war. Viele Schweizer Unternehmen besassen Tochterfirmen auf Reichsboden. Allein zwischen 1939 und 1945 investierten 100 Schweizer Firmen in Nazideutschland. Das Geschäft florierte. Der Rüstungskonzern Georg Fischer etwa steigerte seinen Gewinn von 800000 Franken im Jahr 1939 auf rund fünf Millionen Franken im Jahr 1944.

Laut Schätzungen arbeiteten mindestens 6000 «Arbeitssklaven» in Schweizer Firmen für Hitlers Kriegsmaschinerie. 3000 Zwangsarbeiter aus osteuropäischen Ländern waren allein in Singen bei den Firmen Georg Fischer, Alusingen (heute Algroup/Alusuisse) und Maggi beschäftigt. Singens Industrie war in der Kriegszeit zu über 80 Prozent in Schweizer Hand.

Der Deutsche Wilhelm Waibel, einst Prokurist bei Georg Fischer, hat sich ein Leben lang mit der Geschichte der Zwangsarbeit in seiner Heimatstadt beschäftigt. Für sein Buch «Schatten am Hohentwiel» recherchierte er auch über Schweizer Firmen in Nazideutschland – und stiess dabei auf einigen Widerstand.

Nestle zum Beispiel gab dem Hobbyhistoriker zu verstehen, dass kaum mehr Dokumente über die Zwangsarbeit bei Maggi vorhanden seien. Schliesslich lieferte das Unternehmen selbst den Beweis für deren Existenz: Es liess einen anderen Historiker ein Buch schreiben über die als «nationalsozialistischen Musterbetrieb» ausgezeichnete Maggi – mit exakten Angaben zur Zahl der beschäftigten Zwangsarbeiter.

Am Firmensitz in Vevey kommentiert der Pressesprecher François Perroud die Firmengeschichte zur Nazizeit so: «Wir haben kaum mehr Akten. Wir wissen aber, dass wir an den Zwangsarbeitern kein Geld verdient haben, denn wir mussten normale Löhne bezahlen.» Das stimmt nicht: Anna Witkowska etwa erhielt nie Lohn.

Um den Lohn geprellt
Vom angeblich normalen Einkommen wurde den Zwangsarbeitern die so genannte «Ostarbeiterabgabe» abgezogen, die die Firmen dem Naziregime zur Finanzierung der Kriegsmaschinerie überwiesen. Und es wurden grosszügige Abzüge für Unterkunft und Essen verrechnet. Doch auch den kümmerlichen Restbetrag erhielten manche Zwangsarbeiter oft nicht.

Ob die Schweizer Unternehmen an den Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern verdient hatten, ist heute umstritten – vor allem, wenn es um die Frage der Entschädigungszahlungen geht. Tatsache ist: Der Arbeitsmarkt war im Dritten Reich durch die Kriegsabwesenheit vieler Männer derart ausgetrocknet, dass die an deutsche Industriearbeiterinnen und -arbeiter bezahlten Löhne bis zu 50 Prozent über den Tariflöhnen lagen. Für die Berechnung der «Ostarbeiterabgabe» und der übrigen Abzüge gingen die Firmen aber von den niedrigeren Tariflöhnen aus.

Der Berliner Wirtschaftshistoriker Thomas Kucynski hat die Differenz zwischen Tarif- und Marktlöhnen hochgerechnet – und damit den effektiven Gewinn all jener Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigten. Unter Berücksichtigung der Verzinsung kommt er auf die stolze Summe von umgerechnet 1400 Milliarden Franken.

Sexuelle Kontakte waren verboten
In der aktuellen Diskussion um Entschädigungszahlungen stellt sich auch die Frage, ob es die Zwangsarbeiter in Schweizer Firmen zumindest besser hatten als in deutschen Unternehmen. Gemäss Wilhelm Waibels Recherchen liess das System der Zwangsarbeit viel Handlungsspielraum offen. Immer wieder waren Leute bereit, diesen zu auch nutzen und Risiken auf sich zu nehmen.

Zum Beispiel Hermann Ammann, Personalchef über fast 1700 Zwangsarbeiter bei Georg Fischer. Uber ihn äussern sich viele der heute in der Ukraine lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter positiv. Er sei streng, aber menschlich gewesen, erzählen sie. Hermann Ammann habe sogar die im Lager geborenen Säuglinge stolz herumgetragen. In Singen gebaren die Zwangsarbeiterinnen insgesamt 50 Kinder – Nachkommen, die es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen, denn sexuelle Kontakte waren verboten.

Doch Menschen wie Hermann Ammann waren in solchen Firmen selten. Bei Maggi etwa zog Blutordenträger und Hitlerfreund Hermann Weiss ein Terror- und Angstregime auf, unter dem 184 Zwangsarbeiter schwerstens litten. Auch bei den Alu-Töchtern Lonza im deutschen Rheinfelden und Alusingen ging es den Zwangsbeschäftigten sehr schlecht.

Alusuisse versucht heute, das Thema offensiv anzugehen. Theodor Tschopp, ehemaliger Konzernchef, entschloss sich vor zwei Jahren zu einem ungewöhnlichen Schritt: Aufgerüttelt durch Wilhelm Waibels Buch sowie den Film «Hitlers Sklaven» von Frederic Gonseth, begleitete er Waibel inkognito auf einer seiner Reisen in die Ukraine.

«Ich war überwältigt von der Gastfreundschaft der Menschen», erinnert sich Tschopp. Er merkte sich, was dringend benötigt wurde – und handelte: Alusuisse beteiligte sich mit Georg Fischer an der Einrichtung eines Spital in Singens ukrainischer Partnerstadt Kobeljaki.

Viele Konzerne knausern
Ein aussergewöhnlicher Schritt, denn viele Firmen zeigen bezüglich ihrer fragwürdigen Rolle im Zweiten Weltkrieg wenig Reue. Am deutschen Zwangsarbeiterfonds beteiligten sich bislang nur Konzerne, die wirtschaftliche Einbussen befürchten mussten. Die Deutsche Bahn etwa, die unter Hitler am meisten Zwangsarbeiter beschäftigte, sicherte bis heute keine einzige Mark zu.

Auch Schweizer Unternehmen knausern. Die Vereinbarung der Banken mit den jüdischen Organisationen in der Höhe von 1,25 Milliarden Dollar sieht unter Punkt vier ausdrücklich Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen als Begünstigte vor. Doch bis heute gingen sie leer aus.

Dazu Bernhard Stettler, Leiter Group Public Relations der UBS: «Nach Inkrafttreten unserer Abmachungen können die Schweizer Unternehmen, die seinerzeit Zwangsarbeiter beschäftigten, in dieser Angelegenheit nicht mehr rechtlich belangt werden. Wir haben sie deshalb mehrmals aufgefordert, sich an der Vereinbarung zu beteiligen. Bis heute haben wir keine Antworten erhalten.»

Wer die betroffenen Konzerne darauf anspricht, erhält oft nur ausweichende Antworten. Man prüfe eine Beteiligung am Bankendeal und auch an der Einigung zwischen Deutschland und den jüdischen Organisationen in der Höhe von zehn Milliarden Mark, ist von Nestle zu hören. Konkrete Zahlen sind jedoch nicht erhältlich. Auch nicht bei Georg Fischer.

«Schweizer Firmen haben es schon bei Kriegsende verstanden, den Kopf elegant aus der Schlinge zu ziehen», sagt Wilhelm Waibel. «Die Franzosen demontierten deutsche Firmen und transportierten Maschinen ab. Den Schweizer Firmen erging es besser. Sie hatten Zettel mit Schweizer Kreuzen an die Werktore gehängt. Diese "Schutzbriefe" bewahrten sie vor der Demontage und ermöglichten es ihnen, bald wieder mit Volldampf zu produzieren.»

Für die Zwangsarbeiter aus Osteuropa war der Leidensweg nach Kriegsende hingegen noch lange nicht zu Ende. Anna Witkowska floh zunächst in die Schweiz, wo sie bei Bauern und im Service arbeitete. Als sie mit anderen Landsleuten in ihre Heimat zurückfahren sollte, erfuhr sie, dass heimgekehrte Zwangsarbeiter wegen «Kooperation mit dem Feind» von Stalin in die sibirischen Gulags geschickt wurden.

Heimkehrer wurden beschimpft
Anna hatte Glück: Mit Hilfe einiger Schweizer – unter ihnen auch ihr späterer Ehemann – konnte sie ihre Rückführung verhindern. Ihre Mutter sah sie erst lange Zeit später wieder – 33 Jahre nach der Verschleppung aus dem Klassenzimmer.

Die späte Rückkehr in die Heimat war für viele von Anna Witkowskas Leidensgenossen ein trauriges Ereignis. Wilhelm Waibel erinnert sich an einen Besuch in Kobeljaki: «Ich lernte dort eine Frau kennen, die bei Georg Fischer gearbeitet und den Gulag überlebt hatte. Nachdem sie aus der Gefangenschaft ins Elternhaus zurückgekehrt war, hatte sie ihr kriegsinvalider Bruder mit den bitteren Worten begrüsst: "Du hast die Granaten hergestellt, die mir das Bein zerfetzten."»