Die Schweizer Drogenpolitik findet international Anerkennung. Zu Recht. Dank dem Erfolgsmodell, das auf Prävention, Repression, Überlebenshilfe und Therapie setzt, konnte die Zahl der Drogentoten seit 1992 halbiert werden. Die HIV-Neuinfektionen reduzierten sich auf knapp 50 pro Jahr. Beschaffungskriminalität und Drogenelend sind weitgehend verschwunden.

Die bestehenden Therapieprogramme sind jedoch auf schwerstsüchtige Heroinkonsumenten zugeschnitten, die ihre Droge injizieren, verwahrlosen und aus sämtlichen sozialen Netzen fallen. Doch der klassische Junkie ist inzwischen aus der Szene verschwunden. Heroin, die zur Verweigerungshaltung der siebziger und achtziger Jahre passende Droge, ist nicht mehr angesagt. Heute finden leistungssteigernde Substanzen reissenden Absatz. Allen voran Kokain, das in den letzten zehn Jahren einen folgenschweren Imagewandel zur beliebten Partydroge durchgemacht hat.

Der 38-jährige Jan B. (Name geändert) ist in führender Funktion in einem grossen Zürcher Unternehmen tätig. Er verdient 130000 Franken im Jahr. Erfolgreich, ungebunden und vermögend – aber viel Zeit zum Leben bleibt ihm nicht. Seit vier Jahren schnupft er Kokain. Angefangen hat es bei Freunden. Man war lustig und ausgelassen, die Nächte waren endlos. Seit zwei Jahren schnupft Jan B. auch allein. Die Arbeit laugt ihn aus, die Freizeit vergeht im Zeitraffer. «Ohne Koks ausgehen – da schlafe ich ein», sagt er. «Ich hab es im Griff», hat er sich immer wieder gesagt und lange daran geglaubt.

Billiger Stoff in rauen Mengen


«Kokain ist derzeit das wichtigste Problem im Drogenbereich», sagt Ruedi Stohler, leitender Arzt der Suchtabteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Längst ist Kokain nicht mehr nur eine Droge für Bessergestellte. Bereits 2,5 Prozent aller Schweizer Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 16 Jahren haben gemäss einer aktuellen Studie des Bundesamts für Gesundheit (BAG) schon einmal Kokain probiert. 1994 waren es noch 0,9 Prozent gewesen. Aufgrund verschiedener Erhebungen beziffert das BAG die Zahl der kokainerfahrenen Personen auf 72000. «Es gibt kaum epidemiologische Zahlen. Die Dunkelziffer ist hoch», sagt Holger Schmid, Vizedirektor der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA).

Nach Einschätzung von Fachleuten ist Kokain mittlerweile die meistverbreitete illegale Droge. Kein Wunder: Noch nie war Koks so billig. Kostete ein Gassengramm in den neunziger Jahren bis zu 600 Franken, sind es heute noch 60 Franken. Das Angebot ist immens. «Seit 2001 hat die Menge, die sichergestellt werden konnte, exponentiell zugenommen», sagt Andrea Canonica, der für Drogen zuständige Hauptmann des Grenzwachtkorps. 180 Kilogramm Kokain sind an den Landesgrenzen und auf den internationalen Flughäfen Basel, Genf und Zürich seit Anfang 2004 sichergestellt worden. Im bisherigen Rekordjahr 2003 waren es insgesamt 138 Kilo gewesen. Bei der Zolldirektion spricht man von einer Kokainwelle. «Wir gehen davon aus, dass die Drogenkartelle mit einem Überangebot und sinkenden Preisen versuchen, Nachfrage zu schaffen», erklärt Canonica. Eine Strategie wie aus dem ökonomischen Lehrbuch. Der US-Markt sei übersättigt, der europäische dagegen attraktiv und lukrativ.

«Wir müssen uns sehen»


Etwa jede zweite Woche trifft Jan B. seinen Drogenhändler. Kurzfristig meldet er sich per Telefon an. «Wir müssen uns sehen», lautet der Code. Man trifft sich in einer Bar, trinkt ein Bier, tauscht unter dem Tisch Geld gegen Stoff. Er kaufe für Freunde mit, sagt er seinem Händler, mit dem er auch persönlich verkehrt. Wen er mit der Bemerkung beruhigen will, ist ihm selbst nicht ganz klar. Beunruhigt ist er aus einem anderen Grund. «Ich war gestern beim Arzt», erzählt Jan B. «Der Blutdruck ist zu hoch.» Es sei ernst, habe ihm der Doktor beschieden. Ob der Arzt von seinem Drogenkonsum weiss? Jan B. druckst rum. «Ja, ich habe das erwähnt», meint er, wenig überzeugend. «Aber was hat das mit dem Kreislauf zu tun?» Auch seine Psychotherapeutin, die er zweimal die Woche wegen depressiver Verstimmungen aufsucht, weiss nichts von seinen Eskapaden. Überhaupt ist ihm das Reden über die Sucht zuwider.

«Der stark zunehmende Kokainkonsum in der Schweiz ist ein ernsthaftes Problem», sagt der Präventivmediziner und FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller. Die meisten Kokainkonsumenten seien gut integriert, die Absturzgefahr sei nicht so gross wie beim Heroin – aber sie sei vorhanden. «Wir betreiben eine sehr fortschrittliche Drogenpolitik. Dennoch haben wir auf die aktuellen Fragestellungen keine Antworten», so Gutzwillers Einschätzung.

Ein Manager geht nicht ins Drop-in


Bereits die Frage, wie sozial integrierte Süchtige angesprochen werden können, bringt Fachleute in Verlegenheit. «Ein kokainsüchtiger Manager wird nie in ein Drop-in gehen, um Hilfe zu suchen», sagt Michael Herzig, Drogenbeauftragter der Stadt Zürich. Eine breit zugängliche Beratung fehle fast vollständig. «Wir haben uns zu lange um die so genannt schweren Probleme gekümmert und dabei die vermeintlich leichten vernachlässigt», so Herzig, der die Zürcher Drogenpolitik seit 1998 wesentlich mitgeprägt hat. So fehlten etwa differenzierte Therapieansätze für sozial integrierte Süchtige, die aufgrund beruflicher und familiärer Verpflichtungen nicht ohne weiteres mehrere Monate in eine stationäre Therapie gehen können.

Über allfällige Therapieformen herrscht Unklarheit. «Im Unterschied zu Heroin, das sättigend wirkt, regt Kokain zu immer höherem Konsum an», erklärt Psychiater Ruedi Stohler. Eine Kokainabgabe analog zur Heroinabgabe, wie sie derzeit in Zürich diskutiert wird, ist für die meisten Fachleute deshalb keine Lösung. Auch die Abgabe von Ritalin, wie sie in einer Studie in Basel und Bern derzeit erprobt wird, «ist vermutlich nur bei wenigen Klienten wirksam», weiss Stohler. Seiner Meinung nach sollte bei der Suche nach Ersatzmedikamenten und der Entwicklung psychotherapeutischer Verfahren vorwärts gemacht werden. Stohler: «Wichtig ist vor allem, dass wir das Problem angehen und nicht einfach zuwarten. Die Zahl der Kokainkonsumenten wächst stetig.»

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