Beobachter: Herr Blumenthal, wie viel Plastik im Kreditkartenformat haben Sie im Portemonnaie?
Paul Blumenthal: Da muss ich kurz nachdenken. Inklusive Generalabonnement sind es sechs.

Beobachter: Nach Visa-, EC- und Cumulus-Karte brauchen wir jetzt offenbar auch noch ein Kärtchen für den öffentlichen Verkehr. Muss das sein?
Blumenthal: Es gibt keine neue Karte. EasyRide kann man auf den bestehenden Fahrausweis des öffentlichen Verkehrs einrichten. Die heutige Plastikkarte wird einfach mit modernster Technik ausgerüstet – das ist die Vision.

Beobachter: Sie planen, den Ein- und Ausstieg in Zügen und Bussen automatisch zu registrieren und Ende Monat in Rechnung zu stellen. Sind Sie sicher, dass die Kunden diese Art der Uberwachung wollen?
Blumenthal: Wer keine Rechnung will, bekommt mit dem elektronischen Fahrausweis eine Alternative. Dieses E-Ticket kann vor der Fahrt an einem Automaten oder am Schalter aufgeladen werden. Die Leute kaufen und fahren anonym.

Beobachter: Damit sind die Probleme der Rechnungsvariante nicht vom Tisch. Bei einer Kundenbefragung machte sich jeder Fünfte Sorgen wegen des Datenschutzes. Zu Recht?
Blumenthal: Ja, diese Angst ist durchaus berechtigt. Deshalb planen wir bis zum nächsten Frühjahr Pilotversuche in Basel und in Genf. Der kritische Punkt in unserem Projekt ist nicht die Technik, sondern die Akzeptanz bei den Kundinnen und Kunden. Wir sind immer noch in der Planungsphase. Ein definitiver Entscheid für EasyRide fällt erst, wenn wir wissen, ob die Fahrgäste das System mit der automatischen Erfassung und der Monatsrechnung dulden und als transparent erachten.

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Beobachter: Was genau passiert mit den Daten der Kunden?
Blumenthal: Die Kundendaten werden nicht archiviert, sondern nach einer klar definierten Zeit gelöscht. Auch werden sie Aussenstehenden nicht zur Verfügung gestellt – auch nicht der Polizei. Die Kundinnen und Kunden können sogar verlangen, dass alle Daten vernichtet werden, sobald sie ihre Rechnung bezahlt haben. Und wenn wir für die Planung wissen wollen, wie viele Personen in welchem Zug sitzen, spielen die Namen der Fahrgäste keine Rolle. Mit den Kundendaten wird kein Unfug getrieben, das können wir versprechen. Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte hat bereits gemahnt, es dürfe keine Bewegungsprofile der Kundinnen und Kunden geben. Eine detaillierte Monatsrechnung enthält aber genau solche Profile. Es gibt verschiedene Lösungsvarianten, aber noch keine definitiven Entscheide. Die rechtliche Situation werden wir jetzt Schritt für Schritt in enger Zusammenarbeit mit dem Datenschutzbeauftragten lösen.

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Beobachter: Viele Ihrer Kunden befürchten offenbar, den Uberblick über die Fahrkosten zu verlieren. Wie lösen Sie dieses Problem?
Blumenthal: Indem jeder Kunde jederzeit seinen Kontostand abrufen kann: an einem Terminal im Bahnhof, im Internet oder über das Mobiltelefon. Wir wollen verschiedene Kanäle zugänglich machen.

Beobachter: Geplant ist auch, zu Spitzenzeiten höhere Tarife zu verlangen – etwa im Berufsverkehr oder am Wochenende. Ist das fair?
Blumenthal: Da ist noch gar nichts entschieden, denn die Interessen der EasyRide-Partner gehen weit auseinander. Vor allem Postauto und die Nahverkehrsbetriebe wünschen differenzierte Tarife, weil sie stark unter der Spitzenbelastung leiden. Die SBB verfolgen eine andere Strategie.

Beobachter: Nämlich?
Blumenthal: Die Spitzen können wir mit der Einführung des 15-Minuten- oder des 30-Minuten-Takts brechen. Die SBB möchten vor allem mit Leistung und Komfort neue Kunden gewinnen – hier kann uns EasyRide einen grossen Schritt vorwärts bringen und uns konkurrenzfähiger machen. Jede Kundenbefragung zeigt: Der Aufwand, bis man ein Reisebillett hat, ist zu gross. Und es dauert zu lange.

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Beobachter: Wenn aber Postauto und Vorortsbahnen morgens um sieben Uhr höhere Tarife verlangen, werden kaum neue Pendler angezogen.
Blumenthal:
Falls differenzierte Fahrpreise verlangt werden, müssen diese innerhalb einer Bandbreite von 10 bis 15 Prozent bleiben. Doppelte Preise zu Spitzenzeiten würden die Kunden nicht akzeptieren.

Beobachter: EasyRide ersetzt die heutigen Ausweise. Was aber geschieht mit den erfolgreichen General- und Halbtaxabos?
Blumenthal: Aus heutiger Sicht bleibt das Generalabonnement. Das Halbtaxabo dagegen löst sich in der EasyRide-Karte auf. Denn wir werden zweifellos Rabatte anbieten – nach welchem Modell ist aber noch offen. Grundsätzlich wird gelten: Wer mehr fährt, erhält einen höheren Rabatt.

Beobachter: Als Halbtaxersatz ist etwa ein fixer Jahresrabatt im Gespräch. Hier rechnen Sie offenbar mit Mehreinnahmen, weil der Rabatt «nicht mehr bei 50 Prozent liegen muss». Das tönt nach Schummelei.
Blumenthal:
Ist es aber nicht. Wir wollen unsere Kunden nicht schröpfen. Die Rechnung ist reine Spekulation, da das Modell im Detail noch nicht steht. Wer wenig fährt, erhält vielleicht 40 Prozent Rabatt – hier würden wir in der Tat mehr verdienen als heute. Diese Einnahmen werden aber wahrscheinlich überkompensiert durch die Vielfahrer, denen wir mehr als 50 Prozent Rabatt gewähren werden.

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Beobachter: Der Arbeitsaufwand an den Verkaufsstellen sinkt laut Ihren Berechnungen um 22,5 Prozent. Fast jede vierte Stelle wird damit überflüssig.
Blumenthal:
Es ist richtig, dass wir weniger Angestellte brauchen werden. Dieser Trend läuft aber bereits heute: Uber die Hälfte aller Fahrkarten werden inzwischen an den Automaten gelöst. Wie die Stellenbilanz unter dem Strich aussehen wird, wissen wir noch nicht, denn wir planen einen Ausbau beim Kundendienst oder bei den Reisebüros. Klar ist aber: Wegen EasyRide werden keine Bahnhöfe geschlossen, denn auch das elektronische Billett braucht einen flächendeckenden Vertrieb.