Was Familie Zwimpfer aus dem Aargau erlebt hat und immer noch erlebt, ist eine Schande für die Schweiz. Ihr Sohn wurde in einem unwegsamen Teil Chiles vermisst, eine Suchaktion per Helikopter hätte 1600 Franken gekostet – doch das Schweizer Konsulat weigerte sich, das Geld vorzustrecken. Die Eltern wussten nicht einmal, dass ihr Sohn seit Tagen verschollen war. Als das Aussendepartement die Angehörigen endlich informierte und diese die Kosten übernahmen, war es schon zu spät: Der einbrechende Winter führte dazu, dass die Chilenen die Suche aufgaben (siehe Artikel zum Thema).

Patrick Zwimpfers Leiche wurde im Jahr darauf entdeckt. Niemand weiss, wie er genau gestorben ist und ob man ihn per Helikopter seinerzeit noch lebend aufgefunden hätte. Aber darf man nicht erwarten, dass alles Machbare unternommen wird, um einen Menschen zu retten? Vor allem wenn es dabei nicht um astronomische Kosten geht, sondern um einen Betrag, der bei einem Botschaftsempfang kaum für die Getränke reichen würde? Wie ist es möglich, dass ein Konsul, der die Schweiz vertritt, über eine solche Summe nicht in eigener Verantwortung verfügen kann? Selbst nach Rücksprache des Konsuls mit dem EDA, dem Departement für auswärtige Angelegenheiten in Bern, standen diese 1600 Franken nicht zur Verfügung.

Das diplomatische und konsularische Personal des EDA erfreut sich gemeinhin eines hohen Ansehens. Zum einen wegen der Guten Dienste der Diplomaten, wenn es um die Beilegung von Konflikten geht. Zum anderen weil Schweizerinnen und Schweizer davon ausgehen, bei Notlagen in der Fremde auf die Dienste ihrer konsularischen Vertreter zählen zu können. Das Verhalten im Fall Zwimpfer wirkt da wie ein Hohn.

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Staat stiehlt sich aus der Verantwortung

Damit nicht genug: Nachdem die Eltern das Versagen des Konsulats in detektivischer Kleinarbeit rekonstruiert hatten und die Eidgenossenschaft für den Tod des Sohnes haftbar machen wollten, erklärte der Bundesrat den Fall zwar zur Chefsache für Aussenministerin Micheline Calmy-Rey. Gebracht hat das ausser einem Beileidsschreiben aber nichts. Im Gegenteil, der Bund fertigte die Eltern damit ab, dass sie mit der Eingabe um einen Monat zu spät gekommen seien. Die Haftung des Staates sei erloschen.

Selbst wenn diese umstrittene Ansicht juristisch korrekt sein sollte, moralisch ist sie auf jeden Fall ein Armutszeugnis. Das Ehepaar kämpft nun vor dem Bundesverwaltungsgericht mit der Eidgenossenschaft. Weil es das EDA nicht schafft, den Fehler eines Mitarbeiters einzugestehen und dafür die Verantwortung zu übernehmen, kann das Ehepaar Zwimpfer in einem Alter, wo sich andere längst zur Ruhe gesetzt haben, weiterhin nicht zur Ruhe kommen.

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