Am 1. August werden wir uns wieder selber feiern, festliche Reden schwingen auf den Mut und den Kraftakt unserer Vorfahren zur Willensnation, fleissig Raketen und Vulkane zünden und den weissen Fleck innerhalb Europas mit neuem Selbstvertrauen füllen.

Es gibt gute Gründe, stolz zu sein. Der bilaterale Weg hat sich für die Schweiz bewährt. Fast alle Kennzahlen zeigen das. Während die Arbeitslosenquote in der EU im Mai auf durchschnittlich 8,9 Prozent gestiegen ist und in Spanien bereits auf die 20-Prozent-Marke zusteuert, dürfte sie bei uns auch fürs nächste Jahr mit 5,5 Prozent vergleichsweise moderat ausfallen. Das Bruttoinlandprodukt wird im laufenden Jahr zwar voraussichtlich um 2,7 Prozent einbrechen, aber auch das ist deutlich weniger als in der Eurozone, wo minus vier Prozent prognostiziert sind. Und die Staatsquote liegt mit stabilen 33,2 Prozent um fast einen Drittel tiefer als im Euroraum (46,9 Prozent).

Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell und ein hochattraktiver Standort. Ingenieure, Ärzte, Forscher, aber auch Handwerker, Bauarbeiter und Pflegefachleute aus dem nahen und fernen Europa nutzen die neue Freizügigkeit und die Chance auf Arbeit und bessere Verdienstmöglichkeiten in der Schweiz. Das weckt Ängste vor ungesteuerter und zu starker Zuwanderung, die ernst genommen werden müssen, hilft uns aber auch, im globalisierten Wettbewerb fit zu bleiben.

17 Jahre nach dem Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) fällt die Bilanz des Alleingangs positiver aus, als das selbst Optimisten für möglich hielten. Unsere Titelgeschichte (siehe die beiden Artikel zum Thema) zeigt aber auch, dass der Alleingang kein Alleingang ist. Und dass er seinen Preis hat. Die Schweiz ist, ob wir uns das eingestehen oder nicht, längst Teil der EU. Mit 120 Verträgen, darunter die bilateralen Abkommen, regeln wir unser Verhältnis mit der Union.

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Unter der Floskel «autonomer Nachvollzug» formulieren wir unsere Gesetze längst europakompatibel. Franz von Däniken, Ex-Chefunterhändler in Brüssel, spricht gar von einem «schleichenden Prozess der Fremdbestimmung». Aufschlussreich ist ein Vergleich der Uni Genf. Er zeigt, dass der Anteil von EU-Recht in der Bundesgesetzgebung in der Schweiz mittlerweile gleich gross ist wie im EU-Land Österreich.

Wir bewegen uns auf Europa zu, schneller, als uns vielleicht lieb ist. Das baldige Beitrittsgesuch Islands dürfte die Debatte um einen Vollbeitritt auch hierzulande erneut entfachen. Doch es gibt keinen Grund, das Tempo zu verschärfen. Europa muss und dürfte vorher ruhig auch noch etwas demokratischer werden. Immerhin hat die Schweizer Bevölkerung ja gesagt zur Ausdehnung des freien Personenverkehrs, was kaum in jedem EU-Land selbstverständlich wäre. Auch das zeigt: In vieler Hinsicht sind wir schon heute Vorzeigeeuropäer.

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