Stellen Sie sich vor, Ihr jähzorniger Nachbar hätte eine Pistole zu Hause. Würden Sie die Hand ins Feuer legen, dass er nie jemanden damit gefährden wird?

Stellen Sie sich vor, im Haus des Paares, das häufig lautstark streitet, liegt ein Gewehr – wären Sie überzeugt, dass keinerlei Grund zur Sorge besteht?

Stellen Sie sich vor, der 18-jährige Rechtsradikale von gegenüber kauft eine Waffe «zum Selbstschutz» – würden dann auch Sie sich sicherer fühlen?

In mehr als 800'000 Schweizer Haushalten befinden sich Waffen – insgesamt mehrere Millionen. Jeder Volljährige, der weder vorbestraft ist noch den Eindruck erweckt, sich selbst oder andere in Gefahr bringen zu wollen, kann legal eine Schusswaffe kaufen. Waffen im Besitz von Privaten bewirken nicht etwa mehr, sondern weniger Sicherheit. «Der Zusammenhang von Selbstmorden und häuslicher Gewalt mit der Verfügbarkeit von Schusswaffen ist so eindeutig, dass er kaum mehr bestritten werden kann», sagt der Kriminologe Martin Killias in unserer Titelstory (siehe Artikel zum Thema). Das heisst keineswegs, dass jeder Waffenbesitzer ein potentieller Gewalttäter wäre oder dass man Soldaten und Sportschützen unter Generalverdacht stellen müsste. Doch der leichte Zugang zu Waffen erhöht unnötig die Gefahren, die von Leuten mit Gewaltneigung ausgehen.

«Je zivilisierter eine Gesellschaft ist, desto mehr wird sie sich bemühen, private Waffen zu kontrollieren und weitgehend einzuziehen», sagt der Philosoph Georg Kohler. Gewiss ist die Schweiz zivilisiert – Konflikte werden nicht per Faustrecht ausgetragen, sondern in einem rechtsstaatlichen System, das den Interessen des Individuums einen hohen Stellenwert zubilligt. Dennoch sieht es nicht danach aus, als würde sich die Schweiz so leicht auch nur teilweise entwaffnen lassen. Gegen die Initiative «Schutz vor Waffengewalt», die privaten Waffenbesitz einschränken will, bringt sich die Waffenlobby derzeit in Stellung. Für sie ist nur ein bewaffneter Bürger ein mündiger Bürger – etwa weil er unbewaffnet nicht zu seinem Recht käme? In der Schweiz des 21. Jahrhunderts wirkt das absurd.

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Auch wenn die Medien Tag für Tag von bewaffneten Überfällen oder Schiessereien in der Schweiz berichten, scheint die Gewalt doch weit weg. Eine vielleicht trügerische Sicherheit. Wie es ist, wenn es plötzlich nur noch ums nackte Leben geht, hat uns das Opfer eines Psychopathen geschildert, der 2007 als «Armbrust-Amok» Schlagzeilen machte (siehe Artikel zum Thema). Hätte der Täter eine Feuerwaffe gehabt – wer weiss, ob die Frau überlebt hätte. Heute erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die Polizei, denn diese war vorgewarnt und hätte das Verbrechen verhindern können.