Strafrichter sind kaum zu beneiden. Während sie nicht nur die Tat, sondern auch weitere Faktoren berücksichtigen müssen, ist für Opfer und Medien der Fall meist klar. Ob Raserunfälle, sexueller Missbrauch oder Mord – härtere Strafen sollen es richten. Die angekündigte Raserinitiative dürfte das Volk ebenso annehmen wie zuvor die Verjährungs- und die Verwahrungsinitiative. Juristen, die gegen diesen Trend zur Vergeltung kämpfen und für Augenmass plädieren, haben es derzeit schwer.

Der Ruf nach Härte steht im Gegensatz zur jüngsten Entwicklung des Strafrechts. Seit knapp zwei Jahren haben Geldstrafen die kurzen Freiheitsstrafen ersetzt, um die Rückfallquote von Ersttätern und die Kosten des Vollzugs zu senken. In unserer Titelstory ab Seite 20 zeigen wir, wohin das führen kann: wenn etwa die fahrlässige Tötung eines Menschen mit einer bedingten Geldstrafe gesühnt werden soll oder wenn verurteilte Drogendealer achselzuckend einen lächerlichen Betrag zahlen. Eine Beobachter-Umfrage belegt: Recht und Rechtsempfinden klaffen stärker auseinander, als viele meinen. Wird diese Kluft nicht geschlossen – zum Beispiel indem auch wieder kurze Freiheitsstrafen verhängt werden –, entsteht viel Raum für radikale Vorstösse. Irgendwann, so ist zu befürchten, debattieren wir dann über die Todesstrafe.