Die letzten Tage vor Ostern sind hektisch: An diesem Wochenende öffnet der Ballenberg, und von da an hat Lotti Zobrist alle Hände voll zu tun. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass ein Spezial-Event, eine Gruppenführung, ein Kulturanlass oder ein Firmenfest stattfindet. Von Mitte April bis Ende Oktober ist das Museum Ballenberg jeden Tag geöffnet. «Dann sind wir oft auch abends und an den Wochenenden beschäftigt», sagt Zobrist. Zudem pflegt sie den Sommer über eine Alp, wo sie nach Feierabend die Rinder versorgt.

Ihr Reich ist das Haus Nummer 361, eine Burgdorfer Fabrikantenvilla von 1872; es ist das Verwaltungsgebäude des Museums. Dort arbeitet sie als Verantwortliche für die Veranstaltungen und Events. Vor kurzem ist sie von einem zweiwöchigen Segeltörn in der Karibik zurückgekehrt – mit einem beneidenswert braunen Teint. «Das mache ich bereits den sechsten Winter so», sagt sie beschwingt, «denn im Sommer komme ich hier nicht weg.»

Weil dem Ballenberg noch das Image des «staubigen Bauernhausmuseums» anhaftete, arbeitete die Direktion Anfang der neunziger Jahre ein neues Konzept aus. Nun steht «das Erlebnis» im Zentrum der Aktivitäten; die aktuellen Besucherzahlen entsprechen, nach einem Einbruch in den achtziger Jahren, mit 240'000 bis 250'000 Gästen in etwa wieder den Erwartungen.

Lotti Zobrist arbeitet seit 1993 auf dem Ballenberg, jener 66 Hektaren grossen Anlage, die über neunzig historische Gebäude aus allen Teilen der Schweiz versammelt. Dass die schmucken Häuser einst irgendwo in einem Dorf standen, wo viele verlotterten und dem Abbruch geweiht waren, bis die Stiftung Ballenberg und weitere Gönner sie aufkauften, an Ort und Stelle zerlegten und auf dem Brienzer Hausberg wieder fein säuberlich montierten – davon ist hier kaum mehr etwas zu spüren. Es scheint, als wären die Bauten schon ewig da gestanden; viele sind mit Gärten und Bäumen umrahmt und passen sich in die Landschaft ein.

Dennoch will der Ballenberg kein altertümliches Trugbild erwecken. «Was alt ist, das belassen wir alt; was neu ist, das wird als neu gezeigt und nicht versteckt», erklärt Lotti Zobrist. Fehle in einem Gebäude zum Beispiel ein Tragbalken, setze man einen neuen ein, ohne diesen auf alt zu trimmen. «Den Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart sollen die Besucher ruhig spüren; wir möchten aber versuchen, eine Brücke zwischen Gestern und Heute zu schlagen.»

Das gilt auch für die Erlebnisse, die Zobrist anbietet. Ihr Programm soll weder die Vergangenheit verherrlichen noch die Gegenwart ausblenden. «Ich muss auf die Leute eingehen und schauen, was ihnen Spass macht», sagt sie. Beliebt bei Gruppen ist etwa die «Miniolympiade» mit traditionellen Sportarten; Kegeln, Steinstossen, Platzgen, Nageln, Armbrustschiessen Alphornblasen.

Anzeige

Prinzipiell prüft Zobrist Ideen nach dem Grundsatz: Hat man dieses Brauchtum oder Handwerk früher tatsächlich so gemacht? Für die Event-Spezialistin ist klar: «Wir wollen kein Disneyland aufziehen, keine Show mit Jubel und Trubel.» Zobrist weiss, dass nicht alle Besucher Fun und Action wünschen. «Wer bei uns Ruhe sucht, der soll sie auch finden.»

Deshalb geht es bei den Events in der Regel eher bodenständig zu und her. Zum Saisonstart ein Schwingfest für jedermann und historische Osterbräuche; im Frühjahr Spezialtage mit den über 250 Bauernhoftieren, die auf dem Ballenberg leben; während der Sommermonate Trachtenfeste, Heilkräuterdemonstrationen, nostalgische Waschtage oder Handwerks-Events. Dazu kommen Open-Air-Theater und volkstümliche Konzerte.

Altes Handwerk von Backen und Klöppeln über Satteln und Schmieden bis Spinnen und Weben wird mehrmals pro Woche vorgeführt. Zudem gibt es für Schulklassen besondere Erlebnisangebote, die Museumspädagoginnen bestreiten: Schule vor zweihundert Jahren, Handwerkskurse, Rätsel- und Suchspiele. Eine Brächete im September und ein Herbstmarkt mit Chilbi im Oktober beschliessen das Jahresprogramm.

Bei vielen Anlässen, etwa bei Brächete, Markt oder Waschtag, macht Lotti Zobrist selber mit. Ein Höhepunkt war die Live-Sendung des Schweizer Fernsehens vom 1. August 1999. Monatelang haben die Ballenberger den Anlass vorbereitet, zwei Wochen lang wurde geprobt. An solchen Festtagen schlüpft Zobrist meist in ihre Gotthelf-Tracht, die sie speziell für ihre Arbeit hat anfertigen lassen. Sonst sieht man sie eher in der robusten Arbeitsjacke von Haus zu Haus gehen. Für Notfälle hängt sogar ein Feuerwehr-Tenü in ihrem Büro: Sie ist Mitglied der betriebseigenen Löschtruppe.

Anzeige

Was reizt sie daran, anderen Leuten Erlebnisse zu vermitteln? «Ich brauche den Kontakt zu den Leuten – und die Abwechslung», meint Lotti Zobrist. Gleich ihre erste Stelle führte sie in den Tourismus: In Brienz stand sie in einem Souvenir-Shop hinter dem Ladentisch. Dann wechselte sie in ein Tourismusbüro nach Luzern, kam «wegen Heimweh» jedoch bald wieder zurück. Nach einem Sekretariats-Job in einer Brienzer Garage wurde sie 1993 Direktionssekretärin auf dem Ballenberg, zwei Jahre später Event-Verantwortliche.

«Ich gehe gern auf die Leute zu. Ich sehe ihnen an, wenn ihnen eine Frage auf der Zunge brennt und sie sich nicht getrauen, mich anzusprechen.» Lotti Zobrist glaubt, dass in ihrem Metier vor allem eine Stärke gefragt ist: Offenheit. «Ein scheuer Mensch kann keine Erlebnisse verkaufen. Da braucht es humorvolle Leute, keine trockenen Typen.»

Die Dämmerung bricht über den Ballenberg herein. Im Büro von Lotti Zobrist wird es kühl. Die Event-Verantwortliche schwärmt bereits vom Sommer; dieses Jahr finde von Mai bis Oktober «eine ganz tolle Rinderausstellung» statt, mit Dutzenden von Tieren aus der ganzen Welt: mit schottischen Hochlandrindern oder exotischen Wasserbüffeln und Yaks.

Gern möchte Lotti Zobrist noch eine Prise mehr «Exotik» auf den Ballenberg zaubern. «Es ist wichtig, dass hier immer etwas geht», sagt sie. Vor allem möchte sie vermehrt auch ein jüngeres Publikum ansprechen, denn dort sei das Image des Ballenbergs nach wie vor nicht besonders gut. Und prompt rutscht ihr ein gewagter Vorschlag heraus: «Wir müssten auch einmal ein Rockfestival auf die Beine stellen – ja, warum denn eigentlich nicht?»

Anzeige
Placeholder
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.