Kurt S.: «Nach all dem Wirbel um den Männerbeauftragten im Kanton Zürich frage ich mich: Braucht es überhaupt einen? Die Männer müssen sich doch nicht mehr wie die Frauen emanzipieren?!»

Es kommt darauf an, was man unter Emanzipation versteht. Noch immer sind Männer in der Tat besser dran als Frauen, was Karriere und Verdienst angeht. Noch ist hier längst keine Gleichberechtigung erreicht. Aber Emanzipation heisst ja nicht einfach, möglichst viel Geld zu verdienen und Macht zu erreichen. Emanzipation heisst, alles entfalten zu können, was in einem steckt. Und da gibt es bei den Männern ein Riesenpotential.

Meist denken die Männer nicht über die Gestaltung ihres Lebens nach. Sie versuchen, mit einer möglichst guten Ausbildung einen möglichst angesehenen Beruf zu erlernen und dort möglichst Karriere zu machen, um eine attraktive Frau heiraten zu können, um mit ihr eine Familie zu gründen. «Mit 16 habe ich den automatischen Piloten eingeschaltet», sagte ein erfolgreicher, aber doch unzufriedener Mann in einer Männergruppe. «Ich habe nicht mehr überlegt, ob das Leben, das ich führe, zu mir passt. Ich habe getan, was alle machen.»

Unpassend angepasst

Meist denken Männer zum ersten Mal über ihr Leben nach, wenn etwas schief­gegangen ist. Wenn sie mit einer Erschöpfungsdepression dasitzen oder ihre Ehe vor dem Scheitern steht.

Dann wird manchem deutlich, dass die klassische Männerrolle sehr einseitig ist. Männer sind nicht nur Arbeitstiere und Kämpfer, sie sind auch warmherzig und haben Gefühle, wie schon 1984 Herbert Grönemeyer gereimt und gesungen hat: «Männer habens schwer, nehmens leicht, werden als Kind schon auf Mann geeicht» – aber eben auch: «Männer geben Geborgenheit, Männer weinen heimlich, Männer brauchen viel Zärtlichkeit.»

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Weil Männer auch gemüthaft sind, können sie sehr gut mit Kindern umgehen, auch mit kleinen. Soll das allerdings nicht nur in den Ferien und am Wochenende möglich sein, bräuchte es Teilzeitarbeitsstellen. 90 Prozent der Männer äussern diesen Wunsch gemäss Männer.ch, dem Dach­verband der Schweizer Männerorganisa­tionen, aber nur 13,4 Prozent arbeiten tatsächlich Teilzeit, um mehr für ihre Familie da zu sein. Das liegt daran, dass es noch zu wenige Teilzeitstellen gibt, die nicht gleich die Karriere beenden. Zudem existiert weiterhin das Vorurteil, Teilzeitarbeit zeige einen Mangel an Leistungsbereitschaft.

Benachteiligung geschiedener Männer

Es gibt also durchaus politische Anliegen in der Männerarbeit. Neben dem Einsatz für mehr Teilzeit ist der Kampf gegen die Benachteiligung geschiedener Väter ein wichtiges Thema. Mindestens so zentral ist es aber auch, dass Männer ihre seelische Gesundheit ernst nehmen, dass sie sich trauen, sich zu öffnen, und mit Freunden nicht nur über Heldentaten, sondern auch über Probleme, Ängste und Schwächen reden können.

Dazu ist eine Männergruppe, in der mit zunehmendem Vertrauen Erfahrungen ausgetauscht werden, durchaus sinnvoll. Die traditionelle Männlichkeit, sagt der ehemalige Männerbeauftragte Markus Theunert, enthält ein beträchtliches Gesundheitsrisiko. Bis zum 65. Alterjahr sterben Männer fünfmal so oft an einem Herzinfarkt wie Frauen und dreimal so oft an Suizid und Verkehrsunfällen. Das Muster «Ein Indianer kennt keinen Schmerz» führt eben oft zu Überforderung und Absturz. Nicht zuletzt stimmt es auch nicht, dass Männer immer nur das eine wollen und allzeit bereit für Sex sind. Das Mannebüro Zürich verzeichnet in neuerer Zeit eine Zunahme an Beratungsfällen zur Sexualität. Aber eigentlich ist das eine gute Nachricht. Denn wer sich selber ernst nimmt und sein Potential ausschöpfen möchte, der erkennt eben auch Schwierigkeiten und geht sie an.

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Weitere Infos

Buchtipp:

  • Markus Theunert: «Männerpolitik. Was Jungen, Männer und Väter stark macht»; VS Verlag für Sozialwissenschaften, Springer, 2012, 448 Seiten, CHF 45.90


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