Der Trend der Saison in St. Moritz heisst «Umweltbewusstsein». «Im Gegensatz zu früher passen wir die touristische Infrastruktur den Naturgegebenheiten an», sagt Urs Grimm, Geschäftsführer der Bergbahnen Engadin/St. Moritz. Auch Hugo Wetzel denkt heute grüner als früher: «Ich habe in Sachen Ökologie sehr viel gelernt», schwärmt der Präsident des Organisationskomitees der Ski-Weltmeisterschaft vom kommenden Februar. «Die Zusammenarbeit mit den Umweltorganisationen und der ökologischen Baubegleitung war grossartig. Sie hat uns die Augen geöffnet.» Und Kurdirektor Hanspeter Danuser würde am liebsten sowieso nur noch über seine Lieblingskinder «Clean Energy» und «Energiestadt» reden: «In den fünf, sechs Jahren, die mir in meinem Job noch verbleiben, werde ich meine ganze Kraft in diese Projekte stecken.»

Was ist geschehen in St. Moritz? Hat der Engadiner Nobelkurort dank dem sportlichen Grossanlass plötzlich sein ökologisches Gewissen entdeckt? Zweifel sind erlaubt – und angebracht. Dass die Organisatoren der Ski-WM Begriffe wie «Nachhaltigkeit» – zu der auch ein vernünftiger Umgang mit natürlichen Ressourcen gehört – und «Ökologie» im Zusammenhang mit ihrer Veranstaltung aussprechen können, ohne dabei zu erröten, ist nur zu einem kleinen Teil ihr eigenes Verdienst.

Grünes Image wird ausgenutzt
Die Idee für Danusers «Clean Energy»-Programm, zur Produktion und Vermarktung von Ökostrom etwa, stammt ursprünglich vom Stromlieferanten Rätia Energie. Dass die gleiche Firma während der 16-tägigen Grossveranstaltung ganz St. Moritz mit ebensolchem Ökostrom versorgt, war auch nicht von Anfang an vorgesehen, ebenso wenig die Windkraftanlage und die Solarpanels am Piz Nair. Und wenn dazu der Kurdirektor, dem der Slogan «Top of the World» gänzlich ohne Selbstironie über die Lippen geht, bereits jetzt ankündigt, dass St. Moritz im Sommer 2003 wahrscheinlich die Auszeichnung «Energiestadt» erhalten werde, ist auch das gut fürs Image der WM.

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Das jetzt zur Schau gestellte Umweltbewusstsein war jedoch nicht von Anfang an vorhanden: Es brauchte schon eine Einsprache von Pro Natura und WWF, damit sich die Organisatoren mit den Umweltverbänden an einen Tisch setzten und über die Auswirkungen der WM auf die Natur sprachen. Dass jetzt die Moore im Zielgebiet Salastrains wenigstens teilweise geschützt werden und zwischen St. Moritzer See und Piz Rosatsch ein Gebiet als Ausgleichsfläche ausgeschieden wurde, in dem während 30 Jahren keine Eingriffe vorgenommen werden dürfen, ist für die Umweltorganisationen zwar «modellhaft». Euphorisch sind sie ob dem Erreichten jedoch nicht: «Mit der aus unserer Sicht sehr guten ökologischen Baubegleitung im Pistenbereich konnten wir den Schaden begrenzen, mehr nicht», stellt Christian Geiger, Geschäftsführer von Pro Natura Graubünden, nüchtern fest. «‹Nachhaltig› ist das noch lange nicht.»

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Salastrains, 2000 Meter über Meer: Im einst umstrittenen Moorgebiet und Zielraum der WM-Rennen liegen gemäss offiziellem Communiqué zwei Meter Schnee. Trotzdem dröhnen den Pisten entlang Nacht für Nacht die Schneekanonen. «Damit», so erklärt der Betriebsleiter der St. Moritzer Bergbahnen in der «Engadiner Post», «sichern wir die WM-Pisten und verbessern allgemein die Schneequalität.»

Im Jargon der Bergbahnbetreiber heissen die Wunderwaffen längst schönfärberisch «Schneeerzeuger». 260 Stück davon stehen im Oberengadin und sorgen von Dezember bis April für 70 Kilometer weisse Piste. «Das Engadin ist eine touristische Produktionshalle ohne Dach», erklärt der Geschäftsführer der Bergbahnen Engadin/St. Moritz die aus seiner Sicht unabdingbaren Installationen, «und Schnee ist der Rohstoff für die Wintertourismusproduktion.»

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Weil dieser in den vergangenen Jahren immer öfter nicht in den gewünschten Mengen fiel, hat man in St. Moritz im Hinblick auf die Weltmeisterschaft investiert: 70 Millionen Franken in die Beschneiungsanlagen, 280 Millionen in die Erneuerung der Bergbahnen, Pisten und in die Gastronomie. Etwa 80 Prozent der Investitionen wären sowieso fällig gewesen, schätzt Grimm, der Rest sei dank der WM in die Anlagen gesteckt worden.

Gedränge wird noch grösser
350 Millionen Franken sind viel Geld – Geld das wieder eingespielt werden muss. Dazu braucht es noch mehr Ski- und Snowboardfahrer, obschon bereits heute auf den Pisten oft ein Gedränge herrscht.

Nach Ansicht von Urs Grimm kommen jedoch immer noch zu wenig Wintersportler ins Engadin: «Im Ausland wissen viele Leute gar nicht, dass man hier auch Ski fahren kann. Und um das zu vermitteln, bietet die WM natürlich eine hervorragende Plattform.» Vor allem im Dezember und im April möchte Grimm noch mehr Bergbahnbenützer ins Oberengadin locken, auf die Gefahr hin, dass diese dann auch in der Hochsaison kommen: «Um die Anlagen zu amortisieren, müssen wir die Zahl der Gäste ‹am Berg› mittelfristig um 15 bis 20 Prozent steigern können.»

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Noch mehr Gäste? Da regt sich selbst im wachstumsverliebten Engadin Widerstand. Mehr Touristen, das bedeutet auch mehr Verkehr und noch mehr Ferienwohnungen. Keine guten Aussichten für Otto Largiadèr: «Wenn hier weiterhin derart gebaut wird, verkommt das Engadin zur Stadt», warnt der ehemalige SVP-Regierungsrat und frühere Präsident der Schutzgemeinschaft Pro Lej da Segl. «Damit zerstören wir die Landschaft, wegen der die Touristen zu uns kommen.»

Tatsache ist: Seit St. Moritz 1998 den Zuschlag für die Ski-WM erhielt, wurde investiert wie selten zuvor: 270 Millionen Franken warfen allein die Fünfsternehäuser in St. Moritz für Renovationen auf, rund 60 Millionen die übrigen Hotels im Ort.

Zusätzlich wurde dort investiert, wo bereits massive Überkapazitäten bestehen: Allein im Jahr 2002 wurden im Oberengadin 400 Ferienwohnungen neu erstellt, für 300 weitere liegen Baubewilligungen vor – obschon die meisten Appartements nur während der Spitzenzeiten belegt sind.

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Beispiel Celerina: Der Ort mit 1600 Einwohnern, nur drei Bahnminuten von St. Moritz entfernt, verfügt über 5500 Gästebetten in Ferienwohnungen. Sie sind gemäss dem kantonalen Amt für Wirtschaft und Tourismus im Durchschnitt gerade mal drei Wochen pro Jahr voll belegt. Trotzdem wird kräftig weitergebaut. An der «Residenza Cresta Kulm» etwa: Ab 12'000 Franken pro Quadratmeter Bruttogeschossfläche ist man dabei. Verkauft sind erst zwei der 29 Luxuswohnungen.

Betten 47 Wochen leer
«Wenn jemand Land in der Bauzone besitzt und bauen will, dann können wir das nicht einfach verbieten», sagt Gemeindepräsident und Bauunternehmer Christian Brantschen. Und ausserdem werde die Wertschöpfung durch Ferienwohnungen massiv unterschätzt. Jährlich fliessen bis zu zwei Millionen Franken Handänderungssteuern in die Gemeindekasse.

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Dazu, so erklärt Brantschen, bringe jede Ferienwohnung mit Konsumausgaben und Steuern pro Jahr 12'000 Franken in die Gemeinde. Dass Celerina wegen seiner vielen (meist abwesenden) italienischen Ferienwohnungsbesitzer auch den Übernamen «Piccolo Milano» trägt und das Ortsbild vor allem durch geschlossene Fensterläden geprägt ist, stört den Gemeindepräsidenten deshalb nur bedingt.

Den St. Moritzer Kurdirektor Hanspeter Danuser hingegen schon: «Jedes Bett, das nicht in einem Hotel steht, ist ein Problem», sorgt er sich. «Das Tal wird so über kurz oder lang zu Tode verbaut.»

Die Krux ortet Danuser nicht ohne eine Spur Selbstkritik bei «den Geistern, die wir selber gerufen haben». Wer in St. Moritz Ferien macht, ist sich gewohnt zu kaufen, was ihm gefällt. Und weil nicht jeder gleich das «Palace» übernehmen kann, sind Ferienwohnungen der Luxusklasse seit Jahren ein begehrtes Gut. Allerdings: Auch die Betten in den Ferienwohnungen des Nobelortes standen im – guten – Tourismusjahr 2000/2001 während durchschnittlich 47 Wochen leer.

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Und ist in der Hochsaison das hinterste und letzte Bett im Oberengadin belegt, schafft auch das Probleme: Dann nämlich wälzen sich durch die Kurorte Blechlawinen, die es mit jedem städtischen Verkehrsstau aufnehmen können. Auf zwei Betten in der Parahotellerie, so schätzt Danuser, komme ein Auto. «Das ist auf Dauer nicht verkraftbar.»

Noch sind Auswege aus dem Dilemma kaum andiskutiert: «Man könnte den Zweitwohnungsbau durch die Vergabe von jährlichen Kontingenten zu bremsen versuchen», sagt Danuser, wohl wissend, dass dies im Oberengadin ohne gewaltigen Leidensdruck politisch kaum durchsetzbar ist.

Vorläufig aber will sich St. Moritz vom 1. bis zum 16. Februar Hunderten von Millionen Fernsehzuschauern in der ganzen Welt von seiner schönsten Seite zeigen, mit Windturbinen, Solarpanels und ohne Verkehrsstau. Auf dass diese Zuschauer dann als Touristen den Weg ins Oberengadin finden mögen. Aber bitte mit Bahn, Skiern und Snowboard. Betten hat es mehr als genug.

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