Beobachter: Landesweit klagen Polizeikorps über zu wenig Leute. Wo konkret bemerkt die Bevölkerung diesen Personalmangel?
Thomas Würgler: Der Unterbestand wirkt sich in verschiedener Hinsicht aus. Wir würden unsere Polizeiposten gerne länger offen halten oder auch in der Prävention aktiver sein. Nachts im Bereich «Ausgang» wären wir gerne präsenter, damit sich die Menschen sicher fühlen können. Heute müssen wir ständig Prioritäten setzen. Nicht alle Anrufer hören es gerne, wenn man beispielsweise bei einer Nachtruhestörung keine Polizeipatrouille schicken kann. Aber ein schwerer Verkehrsunfall geht einfach vor.

Beobachter: Bei der Kantonspolizei Zürich, deren Kommandant Sie sind, fehlen zurzeit 70 bis 80 Polizisten. Diese Stellen sind bewilligt. Warum sind sie noch nicht besetzt?
Würgler: Wir haben genügend gute Bewerbungen trotz unseren hohen Anforderungen. Derzeit bilden wir 100 junge Leute pro Jahr aus. Eine grössere Zahl ist nicht möglich, weil wir bei der Kapazität an Grenzen stossen. Und natürlich müssen wir all jene ersetzen, die in Pension gehen. Es wird einige Jahre dauern, bis wir den Sollbestand erreichen. Der Personalbedarf wird künftig – schweizweit – weiter steigen, weil die Polizei mit immer mehr Aufgaben konfrontiert ist. Die Bevölkerung im Kanton nimmt zu, ebenso die Verkehrsdichte.

Beobachter: In Winterthur kann man Velodiebstahl über ein Online-Formular melden. So liesse sich der Arbeitsaufwand für Polizisten doch verkleinern.
Würgler: Richtig. Wir arbeiten derzeit zusammen mit der Kantonspolizei Bern an einem ­«virtuellen Polizeischalter»: Die Bevölkerung kann diverse Anzeigen via Internet einreichen. Diese sollen dann direkt weiterverarbeitet werden. Unser Vorhaben ist Teil des schweizweiten Projekts zur Harmonisierung der Polizei­informatik. Ziel ist es, die Vorgänge schneller abzuwickeln und den administrativen Aufwand zu reduzieren. Die Polizisten sollen einen möglichst grossen Teil ihrer Arbeitszeit an der Front einsetzen.

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Beobachter: Bringt das elementare Zeiteinsparungen?
Würgler: Natürlich wird der virtuelle Schalter kein Allheilmittel sein. Man muss genau prüfen, welche Arten von Internetanzeigen effektiv sinnvoll sind. Wenn die Polizisten aufgrund der Angaben im Online-Formular schliesslich doch noch beim Absender nachhaken müssen, ist die Zeiteinsparung minimal. Ausserdem stellen sich Fragen, beispielsweise bezüglich Versicherungs­betrug. Ein Formular, das man im Internet rasch ausfüllen kann, ist nicht vergleichbar mit der persönlichen Befragung durch einen ­Polizisten mit guter Menschenkenntnis. Aber der virtuelle Schalter ist sicher ein Weg, unsere Leute zu entlasten und gleichzeitig kundenfreundlicher werden zu können.

Beobachter: Sehen Sie weitere Wege?
Würgler: Wir haben alle Polizistinnen und Polizisten an der Front vor kurzem mit einem iPhone ausgerüstet. Damit können wir Arbeits­abläufe verbessern und beschleunigen. ­Tablets oder Laptops sind eine weitere ­Option, die wir prüfen.

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Beobachter: Was heisst das konkret?
Würgler: Über die neuen Smartphones können wir die Mitarbeitenden mit wichtigen Informationen versorgen, etwa mit Fahndungs­bildern oder Infos zu Einsatzorten. So haben sie auch Zugriff auf das Autokenn­zeichenregister. Eine der Applikationen ersetzt unser Pager-System, mit dem wir die Leute bislang zu Einsätzen aufgeboten haben. Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Derzeit entwickeln wir weitere Applikationen, die auf unsere Anforderungen zugeschnitten sind. So sind künftig vielleicht ganze Einsätze von Sondereinheiten über iPhones abwickelbar. Mit Tablets oder Laptops an der Front wollen wir noch in diesem Jahr starten. Die Polizisten sollen ihre Rapporte nicht mehr draussen von Hand schreiben und danach im Büro abtippen, sondern direkt eingeben und übermitteln.

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Beobachter: Was kostet die technische Aufrüstung?
Würgler: Konkrete Zahlen kann ich hier nicht nennen, aber es ist ein tiefer Betrag, verglichen mit den Personalkosten, die bei der Kantonspolizei Zürich rund 80 Prozent des Budgets ausmachen. Wir können nicht ­immer nur mehr Stellen fordern, sondern müssen auch Wege suchen, unsere Effi­zienz zu steigern. Dazu können wir die Vorteile der modernen Technik nutzen. Schliesslich wollen wir ja auch eine mo­derne und bürgernahe Polizei sein.

Thomas Würgler, 57, ist seit 2009 Kommandant 
der Kantonspolizei Zürich. Vor seinem Wechsel zur Kapo war er unter anderem als Bezirksanwalt tätig. Seit Ende 2011 amtet er als Präsident der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten der Schweiz.

Quelle: Christian Schnur
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