Christoph Gmünder stirbt 29-jährig. Dem Lastwagen, der ihm am 18. April 2007 auf der A13 bei Splügen GR auf seiner Fahrspur entgegenkommt, kann er nicht ausweichen. Der Polizei erzählt Unfallverursacher Rolf K. (Name der Redaktion bekannt) erst, er habe in Lieferpapieren geblättert. Später gesteht der Berufschauffeur, dass er wohl einen epileptischen Anfall hatte.

Wer die Krankengeschichte von Rolf K. liest, fragt sich, weshalb nicht schon früher etwas passierte. Denn einen ersten Aufenthalt im Kantonsspital St. Gallen nach einer Attackenserie notierten die Ärzte bereits vor 18 Jahren. Sie erlegten dem Chauffeur damals ein erstes «Fahrverbot» auf. Doch die epileptischen Anfälle liessen nicht nach: 1997, 2000 und 2004 sprachen die Neurologen erneut «Fahrverbote» für ein paar Monate aus und rieten zu einer Umschulung. Die Ärzte wussten gar, dass K. im Sommer 2000 bei einem Anfall seinen LKW statt auf dem Pannenstreifen auf der Überholspur einer Autobahn abgestellt hatte. Doch keiner informierte das Strassenverkehrsamt, das ihm den Ausweis hätte entziehen können.

Für Georges Burger, Leiter des St. Galler Strassenverkehrsamts, ist das unverständlich: «Von den medizinischen Problemen von Rolf K. haben wir erst nach dem tragischen Unfall im Jahr 2007 erfahren.» Die «Fahrverbote» waren in Tat und Wahrheit unverbindliche Abmachungen zwischen den Ärzten und ihrem Patienten. «Das geht nicht», sagt Burger. «Denn Ärzte können gar nicht überprüfen, ob ihr Patient tatsächlich aufs Fahren verzichtet.»

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In der Praxis kommt es aber oft zu genau solchen unverbindlichen Vereinbarungen. Das bestätigt Munira Haag, Leiterin Verkehrsmedizin am Institut für Rechtsmedizin der Uni Zürich. «So etwas funktioniert nur bei sehr zuverlässigen Patienten. Wir empfehlen deshalb Ärzten, stattdessen das Strassenverkehrsamt zu informieren», sagt sie. Doch dagegen sträuben sich die Mediziner. Das Kantonsspital St. Gallen, das auf konkrete Fragen des Beobachters nicht antworten wollte, schreibt allgemein: «Eine zwangsläufige Meldung jedes Epilepsie-Patienten belastet das Vertrauen zum Arzt gravierend und erschwert eine reguläre Behandlung.»

Immer mehr Kleinlaster unterwegs

Ärzte haben zwar das Recht, dem Strassenverkehrsamt Patienten zu melden, sind aber nicht dazu verpflichtet. Für die Stiftung Road Cross, die sich für die Opfer von Verkehrsunfällen einsetzt, ein unhaltbarer Zustand: «Ärzte müssten zu einer Meldung verpflichtet werden», fordert Geschäftsführerin Valesca Zaugg. Im Massnahmenpaket für Verkehrssicherheit «Via sicura» (siehe Artikel zum Thema), das derzeit in der Vernehmlassung ist, wird aber genau darauf ausdrücklich verzichtet. Begründung: Eine solche Vorschrift könnte das Verhältnis zwischen Arzt und Patient «nachhaltig trüben».

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Hätte Rolf K. einen schwereren Lastwagen gefahren, wäre sein Versteckspiel wohl längst aufgeflogen. Denn Lenker von über 3,5 Tonnen schweren Zugfahrzeugen müssen alle drei bis fünf Jahre zum medizinischen Check. Fahrer von Kleinlastern, wie Rolf K. einen fuhr, sind dazu nicht verpflichtet; für sie wird erst ab dem 70. Altersjahr ein Nachweis der Gesundheit fällig. Dabei wächst im Transportwesen der Anteil der Kleinlaster, für die ein normaler PW-Ausweis genügt, stetig: Beim Warentransport legen sie inzwischen mehr als 60 Prozent der gefahrenen Kilometer zurück. Nicht einmal die Lastwagenlobby ist gegen strengere Auflagen, sofern sie der Sicherheit dienen. Fuhrhalter und SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner: «Es würde mich nicht stören, wenn alle Berufschauffeure zum Gesundheitscheck antraben müssten – auch solche von leichten Wagen.»

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Für die Mutter von Christoph Gmünder ein erster Lichtblick. «Unseren Sohn kann uns niemand zurückbringen. Aber wir wollen, dass ein solcher Unfall nie mehr passieren kann», sagt sie. Die Stiftung Road Cross verlangt deshalb von der St. Galler Regierung eine Untersuchung im Fall Rolf K.