Monique Fäh (Namen der Betroffenen geändert) ist total enttäuscht: «Ich werde versuchen, mir das Schulgeld für Melanie vom Mund abzusparen - aber was der Kanton Zürich tut, ist und bleibt ein Unrecht.» Melanie, 15, besucht die letzte Klasse der Sekundarschule A einer Privatschule und möchte später Pflegefachfrau werden. Die private Schule mit intensiver Betreuung drängte sich auf, nachdem zwei Suizide im nächsten Umfeld das Mädchen traumatisiert hatten. Der Wohnkanton Luzern bezahlt denn auch den grösseren Teil des Schulgelds, doch 8000 Franken bleiben an der Mutter hängen - eine schwere Last für die alleinerziehende Mutter, die im Service arbeitet.

Als umso stossender empfindet es Monique Fäh, dass das Erbe von Melanies Grossvater Walter Müller, immerhin rund drei Millionen Franken, an den Kanton Zürich fällt. Natürlich stiehlt Zürich dieses Geld nicht; bei wörtlicher Auslegung des Gesetzes lässt sich der herzlose Akt sogar rechtfertigen.

Bis 1978 konnten nicht alle Kinder erben
Die Weichen wurden bereits 1972 gestellt, als «Frl. Viola Fäh» (so die damalige Terminologie) Fabian zur Welt brachte. Walter Müller anerkannte seine Vaterschaft. Das Landgericht Uri legte darauf die Unterhaltsbeiträge fest und übertrug die Obhut über das Kind der Mutter. Walter Müller besuchte seinen Sohn des Öfteren und beschenkte ihn an Geburtstagen und Weihnachten. Über die Rechtsform seiner Vaterschaft machten sich Walter Müller und Viola Fäh als juristische Laien keine Gedanken. Damals existierten nämlich zwei Formen: die «Zahlvaterschaft» - der Zahlvater zahlte einzig die Alimente bis zum 18. Altersjahr - und die Anerkennung des Kindes mit Standesfolge. Nur diese schloss die Erbberechtigung ein. 1978 wurden eheliche und uneheliche Kinder einander gleichgestellt. Allerdings mussten «Zahlväter» die Anpassung ihrer Vaterschaft ans neue Recht vornehmen, sonst bestand die alte «Zahlvaterschaft» ohne Erbberechtigung weiter.

Für Monique Fäh und ihre Tochter erhielt diese Gesetzesänderung erst 2005 eine entscheidende Bedeutung, als Walter Müller starb. Denn seit dem Tod seines Sohnes Fabian - Monique Fähs Ehemann und Melanies Vater - im Jahr 1997 war Melanie die einzige Verwandte von Müller.

Zürcher Regierung zeigt sich stur
Die Zürcher Finanzdirektion bestritt jedoch Melanies Erbberechtigung. Sie argumentierte, Müller sei 1972 nur eine «Zahlvaterschaft» eingegangen und habe diese nie geändert. Sein Eigentum falle deshalb an den Kanton Zürich, wo er wohnte.

Dabei existieren Argumente für eine andere Haltung: Im Urteil von 1973 fehlt das Wort «Zahlvaterschaft». Zudem teilte das Landgericht Uri Walter Müller 1978 nicht mit, er könne nun seine Vaterschaft dem Gesetz anpassen und den Sohn zum Erben machen. Die heutige Präsidentin des Landgerichts, Agnes Planzer, schreibt denn auch: «Unter den mir geschilderten Umständen würde es sich im Sinne einer menschlichen Lösung aufdrängen, und es wäre sicher auch angemessen, dass Melanie Fäh das Erbe ihres verstorbenen Grossvaters, Walter Müller, ganz oder mindestens teilweise antreten könnte.»

An einer «menschlichen Lösung» ist dem Kanton Zürich aber nicht gelegen. Das Bezirksgericht Horgen schmetterte die Eingabe von Melanie Fäh ab, und die Finanzdirektion trat erst gar nicht in Verhandlungen mit ihrem Rechtsvertreter. Dass eine alleinerziehende Mutter und die Luzerner Steuerzahler das Schulgeld für Melanie zahlen müssen, lässt die Zürcher Regierung ganz offensichtlich kalt; sie verweigerte gegenüber dem Beobachter jede zusätzliche Auskunft.

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