Thomas von Allmen (alle Namen geändert) ist 35, gelernter Zimmermann, Skilehrer und Mitarbeiter einer Bergbahn. Er wohnt in einem Touristenort im Berner Oberland. Sein Bruder Werner ist ein Jahr jünger, lernte Kaufmann und ist heute Student im ersten Semester. Beide üben Tätigkeiten aus, die einen einigermassen klaren Geist verlangen.

Doch diesen klaren Geist will ihnen das Berner Obergericht nicht zugestehen, im Gegenteil: Es stuft sie als geisteskrank ein. Ein psychiatrisches Gutachten bezeichnet die zwei als «wahnhaft querulatorisch»; sie seien kämpferische, aber verletzbare, muttergebundene, unreife Persönlichkeiten. Eine Krankheitseinsicht bestehe nicht, die Heilungschancen stünden schlecht – wahrscheinlicher sei, dass die Krankheit chronisch werde.

Ursache für das Gutachten ist ein jahrelanger Erbstreit, den die Brüder gegen drei Miterben vor dem Obergericht führen. Dieses kam zur Überzeugung, die beiden hätten sich in eine Sache verrannt und das Mass verloren; mit ihrer Streitlust schadeten sie sich selbst, und deshalb sei eine Beistandschaft anzuordnen. Konkret: Ein vom Gericht bestimmter Anwalt vertritt die Interessen der Brüder in Rechtsstreitigkeiten, und zwar ohne deren Mitwirkung.

Anzeige

Trotz richterlicher Aufforderung blieb die Vormundschaftsbehörde der Wohngemeinde über zwei Jahre untätig; die Beistandschaft wurde erst errichtet, nachdem das Kreisgericht den Fall übernommen hatte. Doch diesen Entscheid akzeptierten die aufmüpfigen von Allmens nicht: Sie beauftragten einen auswärtigen Psychologen, das Gutachten zu beurteilen. Dieser kam zum Schluss, seine Berner Kollegen hätten unwissenschaftlich gearbeitet, das Gutachten dürfe nicht verwendet werden. Folge: Rekurs beim Obergericht.

Nun hatte das Gericht zu prüfen, ob die Beistandschaft, die es selbst vorgeschlagen hatte, gerechtfertigt sei. Es befand, sie sei es – das Gegengutachten vermöge daran nichts zu ändern.

Zwei frühere Anwälte der Brüder sind sich dagegen einig, dass die beiden nicht geistesgestört sind und die Beistandschaft eine zu weit gehende Massnahme ist. «Blöd si si nid, aber stur. Oberländer Gringe, härter als die Eigernordwand», so einer der Juristen gegenüber dem Beobachter. Gegenwärtig arbeitet bereits der vierte Anwalt für das streitsüchtige Brüderpaar.

Anzeige

Weil ihr Vater sehr früh starb, sind die Brüder direkte Erben der Grosseltern. Daneben erbten auch die Geschwister ihres Vaters: zwei Tanten und ein Onkel der beiden Brüder. Über die früheren Verhältnisse in der Familie spricht Thomas von Allmen mit Bitterkeit. Seine Mutter sei nie akzeptiert worden, obwohl sie als berufstätige Frau mit zwei Buben ein hartes Leben gehabt habe. Für die Brüder war deshalb klar, dass sie dem Onkel und den Tanten nichts aus der Erbmasse schenken würden.

Zumal das Erbe recht gross ist. Zwar hatten die Grosseltern nie im Reichtum gelebt; ihr kleiner Bauernhof genügte gerade mal zum Leben. Doch ihre Kühe grasten auf teurem Boden, und die Weideflächen lagen im Siedlungsgebiet, wo sich Ferienhäuser errichten liessen.

Wichtig wurde dies aber erst nach dem Tod der Grosseltern. Die Brüder wollten das Land nicht mehr länger als Viehweide nutzen, sondern Geld sehen. Doch sie hatten nur Anrecht auf einen Viertel des Erbes, und die Miterben stellten sich quer. Der ledige Onkel hatte zeitlebens auf dem Hof gearbeitet und wollte dies auch weiter tun. Die beiden Tanten wohnen zwar auswärts, machten aber ihre Verbundenheit mit der Scholle geltend.

Anzeige

Immerhin trugen die Verwandten dem brüderlichen Wunsch nach Bargeld doch noch Rechnung. Nachdem die Brüder jahrelang um den Preis gefeilscht hatten, verkaufte die Erbengemeinschaft einen Teil des Hofs an die Bergbahn. Die Brüder erhielten zusammen beinahe eine halbe Million Franken, nahezu die Hälfte des Verkaufserlöses – mehr als ihnen eigentlich zustand. Dafür sollten sie bei der Verteilung des restlichen Landes weniger bekommen, wurde in der Familie vereinbart.

Dieser verbleibende Boden verlor aber plötzlich an Wert, weil der neue Zonenplan viel weniger Bauland ausschied als der alte. Rund die Hälfte des Erbes war nun wieder Landwirtschaftsland. Das nahmen die Brüder nicht hin: Sie erhoben Einspruch und machten geltend, dass das Terrain bereits vollständig erschlossen und auch schon als Bauland versteuert worden sei.

Anzeige

An diesem Einspruch beteiligten sich die andern Erben indes nicht. Den Brüdern galt dies als Beweis, dass die Miterben gegen sie arbeiteten und mit der Gemeinde gemeinsame Sache machten. Zumal ihr Einspruch schliesslich abgelehnt wurde. Noch heute will das Duo den Planungsentscheid umstossen – obwohl er inzwischen von allen Instanzen abgesegnet ist.

Ausserdem kämpften die verschuldeten Brüder nun mit ihren Verwandten um einen grösseren Anteil am unverteilten Rest des Erbes. Ohne Erfolg. Schliesslich stellten die beiden den Antrag, das verbliebene Land sei zu versteigern und das Geld unter den Erben zu verteilen. Das Obergericht lehnte das Begehren ab.

Darauf schrieben die wütenden Brüder einem der Oberrichter verletzende Briefe. Er verschleppe den Rechtsstreit über die Massen, was ihnen schade, den alten Verwandten dagegen recht sei. Doch nötigenfalls sei er bereit, sagte Thomas von Allmen während einer Verhandlung, seinen ganzen Anteil zu «verprozediere».

Anzeige

Damit war für das Obergericht das Mass endgültig voll. Mit der Beistandschaft will es nun die Brüder vor sich selbst schützen. Denn trotz der bezogenen halben Million Franken hätten die beiden 160'000 Franken Schulden angehäuft – nicht zuletzt wegen ihrer Prozessiererei.

Geht es den Berner Richtern wirklich nur um das Wohl der Brüder von Allmen? Zweifel sind angebracht, denn die Beistandschaft soll «für sämtliche hängigen und künftigen Prozesse» gelten. Kommentar eines spezialisierten Juristen: «Die ganze Geschichte riecht ein wenig danach, dass die Oberrichter zwei ungemütliche Querulanten loswerden wollen.»

Die Brüder haben nun die Beistandschaft mit einer Berufung beim Bundesgericht angefochten. Für sie gilt das Motto ihrer Mutter: «Aufgeben kann jeder, durchhalten nicht.»