Die Häppchen waren aufgetischt, der Weisswein aus den heimischen Rebbergen gekühlt, der Gemeinderat in corpore angetreten. Im Château de Rolle erwartete man an jenem Abend im Oktober 2008 Gäste für einen Neuzuzügerapéro der besonderen Art.

Gemeindepräsident Daniel Belotti, der Syndic, hatte die Manager aus dem «A-One Business Center» zum Begrüssungstrunk geladen. Belotti wollte den aus der halben Welt zugezogenen Kaderleuten zeigen, wo sie eigentlich gelandet waren am Genfersee und was die «Côte», das Gebiet zwischen Morges und Nyon, alles zu bieten hat.

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Aber viel Gebäck blieb unangetastet an jenem Abend in Rolle. Die Chefs der frisch zugezogenen Grosskonzerne waren gekommen, hatten Hände geschüttelt und höflich zugehört, als Belotti referierte. Immerhin. Aber die Kadermitarbeiter, die in den Monaten zuvor in Rolle ihre Büroplätze, Sitzungszimmer und Wohnungen bezogen hatten und deren Frauen nun mit den Kindern am Quai spazieren gingen, die fehlten. Mit 100 Gästen hatte man gerechnet, 25 kamen.

Daniel Belotti erzählt die Episode mit einem Schulterzucken: «Diese Manager haben halt wenig Zeit.» Und dass sich die Herren aus den global tätigen Firmen kaum für den Ort am Genfersee interessieren, ist für Belotti, im Zivilberuf Geometer mit eigenem Büro, nicht weiter tragisch. Was zählt, ist die Wirkung. Schliesslich stehen diese Firmen, steht Rolle als Synonym für den Boom schlechthin.

Die Einwohnerzahl der Kleinstadt nimmt ständig zu – allein im Jahr 2009 um mehr als 800 auf knapp 6000 Personen –, und die Wohnbautätigkeit gehört zu den intensivsten im ganzen Land. Arbeitsplätze entstehen in dreistelliger Zahl. «In Rolle rollt der Rubel», kalauerte der «SonntagsBlick».

Quelle: David Wagnière/Strates

Dass die Bevölkerung ständig wächst und die Wirtschaft boomt, lässt sich manchmal auch an ganz simplen Dingen ablesen. Als Pascal Ferrara 1981 an der Grand-Rue 58 seinen Coiffeursalon «Pascal Figaro» eröffnete, zählte Rolle gerade mal 3500 Einwohner – und sieben Coiffeure. Wie die Einwohnerzahl hat sich auch die Anzahl Salons seither fast verdoppelt: Heute bieten in der Gemeinde 13 Coiffeure ihre Dienste an. «Man spürt die Konkurrenz schon», sagt Pascal Ferrara. Dass er nur Herrenhaare schneidet, sei dabei sicher nicht von Vorteil.

In den 29 Jahren an der Grand-Rue hat Ferrara kaum ein Möbelstück verrückt. Alte, schwere Stühle mit Nackenstütze, Dachshaarpinsel und Rasiermesser samt einer Flasche Rasierwasser der Marke Pitralon: Bei «Pascal Figaro» ist nichts von Schickimicki zu spüren. Der Haarschnitt kostet 32 Franken, die Nassrasur 16. Bei grossem Andrang kommt derjenige zuerst dran, der auf der Eckbank am weitesten vorgerückt ist.

Vom Wirtschaftsboom in der Gemeinde hat der gebürtige Italiener bisher nicht viel gemerkt. Die alteingesessenen «Epiceries» und Beizen im Dorf, die profitierten sowieso kaum von den neuen Arbeitsplätzen und Einwohnern, sagt Ferrara. Die Angestellten im «A-One Business Center» an der Autobahn würden im Personalrestaurant essen, und eingekauft werde sowieso in den grossen Zentren im Umland.

Ein paar Kunden von «da oben» habe er in den vergangenen Monaten schon gewonnen, sagt der Figaro. «Aber die alten Kunden sterben halt auch weg.» Überhaupt, dieser angebliche Boom. Für Ferrara macht er sich hauptsächlich in steigenden Mietzinsen bemerkbar. 1981 kosteten die 24 Quadratmeter seines Salons noch 450 Franken im Monat, heute sind es 1200 Franken. «Dafür», seufzt Ferrara, «muss man ganz schön viele Haare schneiden.»

Ist das Wachstum Fluch oder Segen?

Dahinter stecken 30 Jahre Arbeit, sagt Syndic Belotti. Zehn Jahre für die Idee, zehn für die Planung, zehn für die Umsetzung. Der Freisinnige ist der Gemeindepräsident der dritten Dekade, und manchmal ist er sich selber nicht ganz sicher, ob das Wachstum, auf das man in Rolle so lange hingearbeitet hat, nun mehr Fluch oder mehr Segen ist. Ausschliesslich das eine oder das andere, so viel steht fest, ist es nicht.

Vor 30 Jahren nämlich, im Jahr 1980, war Rolle ein verschlafenes Städtchen mit etwa 3500 Einwohnern. An den Hängen oberhalb des Orts wurde Wein angebaut, es gab etwas lokales Gewerbe und mit Nidecker eine Skifabrik . Wer im Dorf wohnte, arbeitete meist auch dort. Rolle war, wie viele Gemeinden an der Côte, alles andere als eine pulsierende Wirtschaftsregion.

Quelle: David Wagnière/Strates

Allein die Angebote im Schaufenster von «Privilège Immobilier» machen klar, dass gewöhnliche Wohnungssuchende im Büro an der Place du Port in Rolle kaum fündig werden. In edlen Holzrahmen präsentieren die Brüder Adelin und Alexandre Coigny maximal zehn Wohnungen oder Häuser.

Es sind «Verkaufsobjekte, die sich ein wenig vom Gewöhnlichen abheben», wie sich Adelin Coigny ausdrückt: etwa ein Gutshaus aus dem 18. Jahrhundert mit 400 Quadratmetern Wohnfläche für 3,5 Millionen Franken oder eine Parterrewohnung «de très haut standing» für 2,3 Millionen. Für diesen Preis gibt es bei Bedarf aber auch den entsprechenden «Service après-vente». So organisiert der ausgebildete Hotelier Adelin Coigny für ausländische Kunden auch schon mal über Nacht einen Telefon- und Internetanschluss für eine frisch verkaufte Villa. Das Preisniveau auf dem Immobilienmarkt an der Côte sei hoch, räumt der Makler unumwunden ein – manchmal selbst für seine durchwegs gut betuchten Kunden, von denen rund die Hälfte aus Frankreich oder Grossbritannien stammt. Angesichts des schwächelnden Euros und des tiefen Pfunds zögere da manch einer, der vor zwei Jahren noch ohne Umschweife gekauft hätte: «Bis zum Ausbruch der Wirtschaftskrise spielte der Preis überhaupt keine Rolle.»

Die Krise zeigt sich für den Makler aber auch bei der Suche nach geeigneten Verkaufsobjekten. Viele Besitzer hätten in den vergangenen zwei Jahren an der Börse viel Geld verloren und spekulierten nun auf einen möglichst hohen Preis für ihre Liegenschaft: «Es ist ein verrückter Markt.»

Ein Markt, auf dem aber nicht alles zu kaufen ist. Ein Einfamilienhaus in Rolle unter 1,5 Millionen Franken? «Impossible», sagt Coigny, unmöglich. Allein die Grundstückspreise von 800 Franken oder mehr pro Quadratmeter verunmöglichen vielen Familien, den Traum vom Eigenheim zu verwirklichen. Die einzige Lösung wären neue Bauzonen, räsoniert der Makler. «Aber dafür fehlt hier schlicht der Platz.»

Tiefe Steuern locken die Firmen an

Dann aber geschah Entscheidendes: Die Waadt wurde als «wirtschaftlich bedrohte Region» definiert. Damit kam der sogenannte Bonny-Beschluss zum Zug: Dank Bundesgeldern konnte man fortan Firmen mit der Aussicht auf Steuererleichterungen in die Region locken. An der Côte setzte ein Bauboom ein. Gland etwa, die Nachbargemeinde, wuchs innert weniger Jahre um mehrere tausend Einwohner. In der Umgebung entstanden Einkaufszentren und Möbelmärkte, und auch die ersten Superreichen erkannten die Qualitäten dieses kleinen Paradieses am grossen See: Sie sicherten sich die besten Bauplätze an der Côte für ihre Villen. An Rolle ging der Boom allerdings lange Zeit fast spurlos vorbei, denn Bauland war knapp auf Gemeindegebiet, erschlossenes Industrieland ebenso.

Eine der wenigen freien Flächen in Rolle aber gehörte der Gemeinde: eine grosse Parzelle direkt an der Autobahn. Der Verkauf des Landes und der anschliessende Bau des «A-One Business Center» brachte Rolle auf die Landkarte der Wirtschaftswelt: Yahoo, Chiquita, Nissan, Cisco, Honeywell – klingende Namen von weltweit tätigen Firmen prangen seit Herbst 2008 an den sieben grauen Büroklötzen oberhalb des Dorfes. Ob und wie stark sie von Steuererleichterungen profitieren, will Belotti nicht sagen. Das sei «confidentiel».

Tatsache ist: Die Unternehmen haben Arbeitsplätze nach Rolle Côte gebracht. 700 sind im «A-One» bisher entstanden, 1200 sollen es sein, wenn das Business-Center fertig gebaut ist. Es sind allerdings Arbeitsplätze, von denen die Rollois wenig bis gar nicht profitieren. Fragt man Daniel Belotti nach der Anzahl Einheimischer, die im «A-One» einen Job gefunden haben, spricht er von Zahlen, die noch nicht erhoben seien, räumt aber schliesslich immerhin ein, dass es wohl «nur ganz wenige» seien.

Tatsache ist ferner: Trotz dem prestigeträchtigen Zuzug internationaler Firmen in den vergangenen anderthalb (Krisen-)Jahren ist die Arbeitslosigkeit auch im Distrikt Nyon, zu dem Rolle gehört, stark gestiegen, von 2,6 Prozent im September 2008 auf 5 Prozent im März 2010. Kaufmännische Angestellte, Verkaufspersonal und Gastronomieangestellte sind besonders betroffen.

Die Firmen im «A-One» jedoch bieten Arbeit für Hochqualifizierte, für «Healthy Beverages & Snacks Manager» etwa bei Chiquita, während Honeywell einen «Director Sales Excellence» sucht. Gefragt sind Geschäftsleute, denen es letztlich egal ist, ob sie in einem Büro am Genfersee oder in Dublin arbeiten, Hauptsache, die Internetverbindungen sind schnell und der Flughafen ist nah. In der globalen Geschäftssprache Englisch, ohne die im «A-One» nichts geht, nennt man diese Menschen «Expats»: Business-Nomaden, die nirgends heimisch werden wollen, weil sie vielleicht schon in ein paar Monaten von der Firma in eine andere Ecke der Welt geschickt werden. Für Einheimische, die an einem Ort verwurzelt sind, ist in diesem System wenig Platz.

Quelle: David Wagnière/Strates

Die Wohnung sollte im Parterre liegen, wegen der beiden Katzen. Und mehr als 1400 Franken darf sie nicht kosten. Françoise Favre, 62, Informatikerin mit einer Teilzeitstelle, ist auf der Suche nach einer neuen Bleibe in Rolle. Ihre bisherige Zweizimmerwohnung, in der sie seit 25 Jahren lebt, muss sie räumen, weil die Tochter des Vermieters einziehen will. Rund 20 Objekte hat sie in den vergangenen zwei Jahren angeschaut. Gesehen hat sie dabei immer wieder dasselbe: alte, einst erschwingliche Wohnungen, die in jüngster Zeit modernisiert wurden und jetzt für sie nicht mehr bezahlbar sind. «Es gibt eigentlich genug freie Wohnungen in Rolle, aber für die Einheimischen sind fast alle zu teuer», stellt Françoise Favre ernüchtert fest.

Die gleiche Erfahrung machen ihre Freunde Jeanne Baudat und Pierre Maillet, obschon sie mit 2000 Franken einiges mehr an Miete bezahlen könnten. Sie sind in einem doppelten Sinn Opfer des Booms: Weil mit dem anhaltenden Strom von Zuzügern die Schulräume knapp werden, muss das «Collège Martinet» erweitert werden. Dafür muss das Haus weichen, in dem Maillet und Baudat eine Dreizimmerwohnung gemietet haben.

Wer in Rolle auf Wohnungssuche ist und nicht über das ganz grosse Geld verfügt, kann viel berichten: von einst bescheidenen Vierzimmerappartements, die über Jahrzehnte für weniger als 1000 Franken zu haben waren, jetzt aber – aufwendig renoviert – das Dreifache kosten. Oder von alten Leuten, denen ihre Vierzimmerwohnung längst zu gross geworden ist, die aber nicht in eine kleinere ziehen können, weil diese viel teurer wäre.

Klar gäbe es im Hinterland billigeren Wohnraum. «Aber wir wollen doch nicht in Moudon leben», sagt Pierre Maillet. Françoise Favre nickt zustimmend. Nun suchen die drei gemeinsam. Ein Haus mit einem Garten, das wäre toll. Françoise Favre und ihre Katzen würden unten wohnen, Pierre Maillet und Jeanne Baudat oben. «Aber das bleibt wohl ein Traum.»

Auf Weinbergen wachsen Wohnbauten

Schon vor den Arbeitsplätzen kamen die neuen Einwohner, nicht wenige aus dem nahen Frankreich. Der Wirtschaftsboom und die hohen Mietpreise in Genf und Lausanne treiben die Menschen in Scharen in die Dörfer an der Côte, und dort wird gebaut, was die Bauzonen hergeben. Allein in der Agglomeration Lausanne wurden im letzten Jahr 19 Prozent mehr Wohnungen erstellt als 2008, in der Agglomeration Genf waren es rund 11 Prozent. Und Rolle, das genau zwischen den beiden Städten liegt und somit nach Statistik zu keiner der beiden Agglomerationen gehört, boomt mit. Auf den wenigen noch vorhandenen Flächen in der Gemeinde sind in den vergangenen Jahren kleinere und grössere Überbauungen entstanden, etwa die «Résidence Beaulieu» westlich des Ortskerns oder «Les Pepinières» beim Bahnhof. Dafür hat die Familie Rosset einen Rebberg geopfert. Wohnungen statt Wein: Nichts könnte den Wandel besser symbolisieren.

Die Neubaukomplexe bieten den Standard, der in Immobilienanzeigen als «hoch» bezeichnet wird: exakt geschnittene Rasenflächen, Spielplätze mit Klettergerüsten, grosse Wohnungen mit Parkettböden, Marmorabdeckungen und Waschtürmen – Wohnraum, der für Einheimische kaum zu bezahlen ist. «Abusif» seien die Mietpreise in Rolle, sagt Syndic Belotti, missbräuchlich hoch. Seine drei Kinder jedenfalls könnten sich dereinst eine Wohnung in der Gemeinde kaum leisten. Älteren Einwohnern geht es genauso.

Das grosse Bevölkerungswachstum stellt das einst verschlafene Städtchen auch vor andere, bisher ungeahnte Probleme. Auf dem Schulhof des «Collège Martinet» etwa steht ein provisorisches Schulgebäude, daneben ein Container, in dem unterrichtet wird: Die Schülerzahlen sind derart stark gestiegen, dass der Platz im Schulhaus nicht ausreicht. Nun soll ein Neubau für mehr Raum sorgen. Neu bauen möchte die Gemeinde auch eine Umfahrungsstrasse, die das historische Zentrum entlastet. Durch die Grand-Rue, die Lebensader des Städtchens, drängen sich an Spitzentagen schon heute bis zu 11'000 Fahrzeuge. Die Pläne für die neue Strasse im Westen des Ortskerns liegen bereit, aber noch sträubt sich der Kanton gegen die Lösung.

Der Kanton macht den Rollois auch sonst Sorgen. Geht es nach dem kantonalen Richtplan, sollen in Rolle und im angrenzenden Mont-sur-Rolle im Jahr 2030 12'000 Menschen leben – eine Vorstellung, die dem Gemeindepräsidenten gar nicht behagt. «Bei 6000 Einwohnern muss Schluss sein», sagt er, «wir haben nicht mehr Platz.»

Quelle: David Wagnière/Strates

Manchmal, beim Sonntagsspaziergang, da irritiert Philippe Rosset die neue Sprache am Quai. Wo man sich bis vor ein paar Jahren noch ausschliesslich auf Französisch unterhielt, wird heute Englisch gesprochen, nicht von allen, aber von immer mehr Spaziergängern. Die «Expats», die ausländischen Familien, die in Rolle ihr Domizil auf Zeit aufgeschlagen haben, mögen die lauschige Uferpromenade ebenso wie die Einheimischen.

Philippe Rosset ist «un Rollois de souche», wie man hier sagt, ein gebürtiger Rollois. Manchmal, sagt er, rede man schon miteinander, Einheimische und Zugezogene. Etwa an Elternabenden in der Schule. Aber direkte Kontakte, Freundschaften gar, sind selten. Man bleibt unter sich. In der vierten Generation baut Rosset an der Côte Wein an, hauptsächlich Chasselas, Pinot, Gamay und Merlot, der im familien-eigenen Keller gekeltert wird. Daneben ist er «Pépiniériste», Rebzüchter, und produziert und veredelt im eigenen Betrieb Reben für den Verkauf an andere Winzer.

Gut zwölf Hektaren gehören zur Domaine Rosset, verteilt auf verschiedene Parzellen an den Hängen von Rolle und Mont-sur-Rolle. Nur ein kleiner Rebberg steht noch beim Firmensitz unterhalb des Bahnhofs im Dorf.

Knapp eine Hektare Land hat die Familie Rosset vor zwei Jahren gerodet. Nun stehen auf dem einstigen Rebberg sieben grosse Mehrfamilienhäuser mit 52 Wohnungen – «tout confort» samt Tiefgarage und Kinderspielplatz. Ans einstige Weinbaugebiet erinnert nur noch der Name «Les Pépinières», die Rebschule.

«Natürlich hat es weh getan, den Rebberg zu opfern», sagt Philippe Rosset. «Aber Wohnungen zu vermieten bringt nun mal deutlich mehr ein, als Wein anzubauen, und die Lage hier ist geeigneter zum Bauen als zur Landwirtschaft.» Vielleicht werde man, in zehn Jahren oder so, das ganze Betriebsgelände beim Bahnhof schleifen und darauf Wohnungen bauen. «On verra. Wir müssen mit der Zeit gehen. Schliesslich soll Rolle nicht zum Indianerreservat werden.»